Was war, was bleibt

Seit fast zwei Wochen bin ich nun schon wieder zu Hause und ich habe sehr viel von dem, was einen guten Ruheständler auszeichnet: keine Zeit. Heute endlich komme ich dazu, mir darüber ein paar Gedanken zu machen, wie ich „Schottland zu Fuß“ erlebt habe, was war und was bleibt.

 

Zunächst bleibt zurück, dass es für mich wiedermal ein unvergessliches Erlebnis war. Eine Reise, bei der ich ab und zu an die körperliche wie mentale Grenze gegangen bin, aber nie darüber hinaus. Mit dem häufig sich wiederholenden Wissen, jeden Morgen loszugehen, dass es streckenweise wieder anstrengend werden wird und zuweilen auch etwas schmerzhaft, sich aber dennoch zu überwinden und nicht aufzugeben, hat mich persönlich „etwas“ stolz gemacht. Erneut festzustellen, dass man (in sportlicher Hinsicht) solch einen Weg leisten kann, wenn man hundertprozentige Leidenschaft dafür aufbringt, war wiedermal ein befriedigendes und beglückendes Gefühl. Müdigkeit und Erschöpfung wechselten sich ab mit Leichtigkeit und Glücksgefühl, Sonne und Regen, Kälte und Hitze (die eigentlich keine war, aber ab 15 °C von mir als solche empfunden wird).

 

Kommen wir erstmal zu den reinen Zahlen:

 

Zweieinhalb Monate war ich unterwegs und habe in dieser Zeit 1329 Kilometer zurückgelegt, alles zu Fuß. Flugzeug, Züge, Busse, kleine und große Fähren und ein Schlauchboot haben mir nur geholfen, an den Startpunkt der Gesamtreise oder einer Tagesetappe zu gelangen bzw. in eine Unterkunft oder zurück in die Heimat. Wäre ich jetzt Dieter und würde die Sightseeing-Kilometer in Edinburgh, Aberdeen und Lerwick, die abendlichen Rundgänge durch die Etappenorte mit dem eindeutigen Ziel eines Pub-Besuchs sowie die nächtlichen Gänge zur Toilette noch hinzurechnen, käme ich vielleicht auf die rundere Zahl 1400, aber jetzt will ich es auch nicht übertreiben. Vier An- und Rückreisetage waren es, drei ausgesprochene Touristentage in Edinburgh, drei Ruhetage und 65 Wandertage. Einige von den Letzteren waren unterkunftsbedingt sehr kurz, andere aus demselben Grund recht lang, die Spannbreite lag zwischen acht und 36 Kilometern.

 

Die 57 verschiedenen Unterkünfte waren so, wie ich es besonders liebe: immer wieder anders. Kleine oder manchmal auch gar nicht so kleine Hotels, die schon bessere Tage erlebt haben und deswegen für uns in einem akzeptablen Finanzrahmen lagen, viele B&Bs oder Guesthouses mit kleinen oder großen Zimmern, mit DU/WC en-suite, auf demselben Flur oder gar Treppe runter, mit Einzel- oder Doppelbetten, was vor allem in den Tagen der Begleitung durch Dieter und Wolfgang für mich interessant wurde. Hinzu kamen einige mehr oder weniger rustikale Hostels, manche mit erstaunlichem Komfort, manche mit erstaunlich wenig davon. Besonders schön waren die Übernachtungen in Privatzimmern (alle ohne Frühstück, aber meist mit freiem Zugang zum Kühlschrank und zu herzlichen Menschen), in Gartenhäusern, Campinghütten oder den speziellen Böds auf den Shetlands. Immer wieder war es entweder ein augenblicklicher Kopfsprung in eine Urgemütlichkeit, eine gewisse Akzeptanz des Gegebenen oder eine zähneknirschende Anpassung an das Nicht-zu-ändernde. Und nur so will ich es, alles andere ist langweilig!

 

Drei Paar Wandersocken bestanden nach einer gewissen Zeit hauptsächlich aus Löchern und landeten (gewaschen, ehrlich!) jeweils in Zimmermülleimern. Ein Adapter für das schottische Stromnetzt steckt wahrscheinlich heute noch in einem Stecker auf den Shetlands und ein weiteres Paar meiner Wanderschuhe hat jetzt seinen Dienst unwiderruflich aufgegeben. Von einer Reparatur würde selbst jeder Schuster abraten und mein Geldbeutel erst recht. Da ich aber zu Hause noch zwei weitere ausrangierte Paar Wanderschuhe habe, von denen ich mich nicht trennen kann, und die, wenn sie Glück haben, höchstens zweimal im Jahr zu irgendwelchen  Arbeitseinsätzen angezogen werden, muss ich mir jetzt mal überlegen, was ich denn nun mit denen mache. Vielleicht in Gießharz einlegen und sie mir zur ewigen Erinnerung an gemeinsame Tage und Kilometer aufs Zimmerregal stellen? Oder doch vielleicht lieber in die kleine Rabatte vor dem Haus auf einem Grauwackestein in Position bringen, Blumenerde rein und mit Vergissmeinnicht bepflanzen? Mal sehen… (Ups, ich darf aber nicht vergessen, vorher meine Einlagen rauszunehmen!)

 

Wiedermal dürften es an die 300 Stunden gewesen sein, die ich zusammengerechnet spätnachmittags oder abends vor meinem Tablet gesessen habe, um meine täglichen Blogberichte zu schreiben. Ich genieße dieses Schreiben, habe Spaß daran, weiß so, dass ich später (vielleicht im Schaukelstuhl) dadurch nochmal alles aus der Vergangenheit hervorholen kann. Ich weiß aber auch, dass meine Berichte anderen gefallen, dass sie noch abends spät darauf warten oder sie am nächsten Morgen als Frühstückslektüre nutzen. Vielleicht gefallen diese Berichte aber einigen auch nicht. Die haben dann irgendwann aufgehört, sie weiter zu lesen. Auch gut!

 

Meinen Blog habe ich versucht, mit einigen Fotos anzureichern. Exakt 1463 von ihnen habe ich „geschossen“, 150 davon im Nachhinein aber auch wieder als „entbehrlich“ eingestuft. Genauso erging es 30 meiner etwa 200 Videosequenzen. Ein Dank an die Möglichkeiten der digitalen Fotografie! Doch alle Fotos können nicht wiedergeben, in welchem Kontext sie entstanden sind. Man sieht darauf vielleicht den Sonnenschein, spürt aber nicht die Temperaturen oder den Wind. Man sieht die Klippen und das Meer, hört aber nicht das tosende Rauschen der anbrandenden Wellen. Man sieht die Kuhherde auf der Weide, riecht aber nicht die „gute Landluft“. Man sieht die Kolonie der Seehunde auf dem Strand oder der Seevögel an der Klippenwand, hört aber nicht ihr immerwährendes Heulen bzw. ihr Geschrei.

 

Zehn Kilogramm an Gewicht habe ich verloren, ein Verlust, den ich wahrlich gut verschmerzen kann. Doch das war der Stand von vor zehn Tagen! Ich verzichte darauf, mich jetzt bereits wieder auf die Waage zu stellen, denn ich will gar nicht wissen, was ich in dieser kurzen Zeit schon wieder zugelegt habe.

 

Doch viel mehr als die Frage „Gewicht runter oder rauf“ beschäftigt mich ein anderes körperliches Problem. Erstmals merke ich, dass auch ich einen Meniskus habe. Und zwar einen im linken Knie, der wohl nicht mehr so ganz in Ordnung ist. Geht das jetzt los mit den Wehwehchen an den Stellen, die für das Wandern von existentieller Bedeutung sind? Bitte nicht, ich habe noch einiges vor!

 

Die Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen von unterwegs sind nur mit Mühe in eine gewisse Struktur zu bringen. Aber ich habe sie ja auch nicht strukturiert erlebt, sondern immer wild durcheinander, immer wieder anders. Im Nachhinein tauchen nur Blitzlichter vor mir auf und ich will sie auch gar nicht ordnen: wunderschöne Stunden und Tage mit meinen Kindern auf den Shetlands, die ich nie vergessen werde, viel befahrene Landstraßen und ruhige Single-Track-Roads, Schnee und Hagel, blökende Lämmer mit ihren Müttern, atemberaubende Klippen, laute Männer in manchen Pubs, Geschrei der brütenden oder umhersegelnden Seevögel, berauschend schöne Strände, ganze Hänge mit neongelbem Stechginster, sich räkelnde Seehunde, Ebbe und Flut, verlassene oder verlassen wirkende Bauernhöfe, liebenswürdige Gastgeber oder geschäftsmäßige Menschen an den Unterkunftsrezeptionen, Wind und Sturm, halbe oder ganze Pints schottischen Bieres, winkende Kormorane (die natürlich nur ihre Flügel im Wind trocknen), auf den Stränden umherjagende Hunde, kleine Häfen mit (vor allem bei Ebbe) hohen Kaimauern, winzigen Fischerbooten und manchmal großen Segeljachten, schmale Klippenpfade, sattgrüne Golfplätze, das von Dieter oder Wolfgang oft nachgefüllte Whiskyglas, der ungewohnte Linksverkehr auf den Straßen, bei dem auch der Fußgänger aufpassen muss, die Hafenkneipen, der Hagel und der Nieselregen, das Stapfen durch unwegsames, mooriges Gelände oder durch tiefen Dünensand, das Klettern über Zäune, Mauern und Gatter, rinnender Schweiß, Mitwanderer, die sich mal als wahre Helden und mal als Kurparkwanderer zeigten, entspannte Streckenabschnitte ohne Wheelie, immer wieder herzhaftes Lachen in der „Zweier-Seilschaft“, immer wieder aber auch Warten auf den Zurückgefallenen, fast täglich variierende Verletzungsmeldungen, Rasten mit Schuhe aus! und Müsliriegeln, Sonnenschein und blauer Himmel, lange Wege über große Brücken, unentwegt flimmernde Flachbildschirme in den Pubs mit Fußballübertragungen und Brexit-Reportagen, Ölbohrinseln und Windräder, nasse Unterhosen, Socken und T-Shirts auf den Zimmerheizkörpern, Dieter emailschreibenderweise oder in seine eingespeicherten Fotos vertieft hinter seinem Tablet, Full Scottish Breakfast (bis wir nicht mehr wollten), Nebel oder jagende Wolkenformationen, kleine und große Inseln, bizarre Felsküstenabschnitte, Dieters und meine gemeinsamen Nächte im Doppelbett unter einer großen, meist schweren Decke (wenigstens strampelt er nicht mit den Füßen!), die hinreißend putzigen Papageientaucher (Puffins), der Geruch von Fisch in manchen Häfen und der von Seetang auf den Stränden, die alten Cottages und ehemaligen Fischerhäuschen, Burgruinen und Herrenhäuser, viele stille Dörfer und nur einige betriebsame oder gar hektische Städte, Dieters erschöpfungs- oder verletzungsbedingtes Rummosern über den sch… Weg bzw. Pfad, aber auch seine immer wiederkehrende gute Laune am Abend, wenn alles überstanden war, nur der Whisky nicht.

 

Das alles und noch viel mehr war „Schottland zu Fuß“ 2016, das erste Teilstück meines angedachten Projekts „Umrundung der Nordsee“. Ob ich dieses Projekt jemals zu Ende bringe, ob ich jemals im norwegischen Bergen ankommen werde, wird sich zeigen. Im nächsten Jahr werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit eine Pause einlegen. Nicht beim Wandern grundsätzlich, sondern nur bei der Nordsee-Umrundung. Ich habe da einen anderen Plan… Doch dazu irgendwann zu Beginn des nächsten Jahres mehr.

 

Aber die Planung ist schon im fortgeschrittenen Stadium. Denn ich will weiter unterwegs sein, tolle Landschaften durchqueren, unterschiedlichem Wetter ausgesetzt sein, interessante Menschen treffen, viel erleben – leben!

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Kommentare: 1
  • #1

    Lore (Dienstag, 12 Juli 2016 10:34)

    Na endlich!
    Schön war´s. Das Fazit.
    Welch anderer Plan ist da wohl schon im fortgeschrittenen Stadium?
    Es bleibt spannend, auch für den Meniskus.
    Den brauchen wir ja auch noch im August!
    Lieben Gruß
    Lore