Grenze am Holztor - geschafft!

St Abbs - Berwick-upon-Tweed (22 km)

Beim Frühstück läuft im Fernsehen "BBC Breakfast". Einziges Thema: der Brexit. Die ältere Dame, die uns bedient, ist einfach nur traurig, sogar verbittert über die Engländer. Die Schotten wollen mit großer Mehrheit den Austritt nicht, fühlen sich übergangen. Ich bin gespannt, was in den nächsten zwei Jahren in dieser Richtung passiert.

 

Wie gesterrn Abend noch besprochen, laufe ich heute, an unserem letzten Tag, erstmal alleine los. D.h. ich fahre los, mit dem Bus nach St Abbs. Als wir gestern am späten Nachmittag von hier nach Eyemouth fuhren, hatte sich gerade das schöne Wetter des Tages verabschiedet, es begann zu regnen und alles war grau. Heute ist der Himmel wieder klar und blau, dementsprechend das Meer. Ein mäßiger Wind zaubert kleine Schaumkronen auf die Wellen. Irgendwie strahlt alles und ich schließe mich mit meiner Laune an.

 

Wieder ist der Pfad ein Genuss. Wirklich ein Küstenpfad, eng am Klippenrand, auch mal steile Treppen runter an einen Strand, dafür aber auch wieder steil hinauf. Dann wieder lange Zeit wie auf einem Balkon auf gleicher Höhenlinie, mit Blick nach links auf die Felsen, das Meer, die Seevögel, vorbeiziehende Tanker am Horizont, kleine Boote in Küstennähe und rechts Getreidefelder, Schaf- und Kuhherden, Windräder und kleine Siedlungen. Etwas über eine Stunde brauche ich, dann habe ich Eyemouth erreicht und treffe mich verabredungsgemäß mit Dieter an einem kleinen Bistro an der Strandpromenade.

 

Dieter hat meinen Wheelie mit dabei. Irgendwie hat die Vorsehung wieder richtig schön vorhergesehen. Es gab so einige Stellen zwischen St Abbs und Eyemouth, wo ich mit meinem Lastenesel ganz schön hätte ackern müssen und ein gutes Stück Energie wäre schon durch den Schornstein. Also Glück gehabt und danke, Dieter, fürs Aufpassen und Anliefern!

 

Der Berwickshire Coast Path setzt sich direkt hinter dem Hafen fort. Er bleibt schön und selbst Dieter sieht keinen Grund zum Meckern (obwohl der gestrige Weg in langen Passagen nicht viel anders war). Der Weg belohnt ihn und beschert ihm nach exakt eineinhalb Stunden bei den wenigen Häusern von Burnmouth eine Ruhebank. Unten am Kieselstrand sucht ein Paar nach Steinchen oder Muscheln, eine Katze schleicht über die kleine Straße und von weiterher hören wir das Geheul von Seehunden. Dieter zaubert aus seinem Rucksack eine Packung Eiersalat und ein Baguette. Das Baguette ist ja nicht schwer zu essen, aber für den Eiersalat haben wir weder Gabel noch Messer. Aber womit kann sich der Mensch behelfen? Mit seinen Fingern! Es schmeckt großartig und der rechte Zeigefinger ist hinterher sauber wie selten. Jetzt nur noch zehn Kilometer bis Berwick!

 

Nach Burnmouth büßt der Berwickshire Coastal Path etwas von seiner Attraktivität ein. Er wird zum unmittelbaren Begleiter der Zugstrecke London - Newcastle - Berwick - Edinburgh. Links ist zwar immer noch das Meer, aber wenn in regelmäßigen Abständen Züge rechts an einem vorbeirasen, verliert die Küstenpfadidylle seinen Reiz.

 

Eine Attraktivität hat der Weg jedoch noch zu bieten: das eigentliche Ziel meiner Wanderung, die schottisch-englische Grenze. Auf halber Strecke zwischen Burnmouth und Berwick stehen wir unvermittelt davor. Neben der Bahnstrecke steht ein Schild, schon halb zerstört. "England" kann ich noch lesen, "Schottland" fehlt, aber die Wappen sind noch auszumachen. Wir stehen unmittelbar auf der Grenze. Der Grenze zwischen zwei Ländern des Vereinigten Königreiches. Nach dem Referendum bleibt die Frage, wie lange diese beiden Länder noch vereinigt sein werden. Von der Bahnlinie führt im rechten Winkel unser Pfad zur Kliffkante. Ein Holztor im Zaun ist hier der Grenzübergang. Das nenne ich mal unspektakulär.

 

Die Zielorte meiner großen Wanderungen in den letzten vier Jahren waren imposanter, das gebe ich zu: der Markusplatz bei meiner Alpenüberquerung von München nach Venedig, die Kathedrale von Santiago de Compostela bzw. der Atlantik am Kap Finisterre bei meinem Jakobsweg, der Petersdom bei meinem Weg nach Rom oder die Ostsee bei meiner Wanderung auf dem Grünen Band. Heute ist es nur ein Holztor in einem Zaun. Trotzdem berührt es mich. Weil ich es wiedermal geschafft habe! 

 

Diese Grenze ist die erste von vielen, die ich noch auf meinem Weg rund um die Nordsee überschreiten werde. Bergen in Norwegen bleibt das ganz große Ziel. Ob ich es jemals erreichen kann, steht in den Sternen, aber ein Anfang ist gemacht. Dieter und ich machen hinter Schottland nun das Tor zu - und gehen eigentlich nur noch zum Bahnhof (nach Berwick-upon-Tweed).

 

 

Sieh dir meinen 23 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/622747540

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Inge Geisler (Dienstag, 28 Juni 2016 08:14)

    Eisdiele nach dem 16. Juli?

  • #2

    Inge Geisler (Dienstag, 28 Juni 2016 08:16)

    Du solltest Deine Schuhe versteigern! Für einen guten Zweck oder für Dich selbst!

  • #3

    Renate Z. (Dienstag, 28 Juni 2016 08:39)

    Lieber Reinhard, lieber Dieter,

    was für schöne Bilder, die den letzten Tag auf der Strecke beenden.
    Glückwunsch - ihr habt es geschafft. Hier hat keiner gezweifelt, dass das nicht so wäre.
    Ich wünsche euch noch ein paar schöne letzte gemeinsame Stunden, bevor der Flieger euch wieder heimwärts bringt.
    LG
    Renate

  • #4

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 29 Juni 2016 18:06)

    Mjam, wenn das mal kein Festtagsmenü ist! Eiersalat auf die Hand!
    Glückwunsch zum nächsten Haken auf deiner ToDo-Liste fürs Leben! Ich wusste, ihr schafft das!