Komischer Tag

Dunbar - Cockburnspath (17 km)

Noch dreimal die Wanderschuhe schnüren, dann ist es vorbei. Zum Schluss wird es nochmal etwas kompliziert. Heute geht es nach Cockburnspath, wo es aber keine Unterkunft für uns gibt. Dafür jedoch eine Bushaltestelle. Wegen des heutigen Samstags werden uns zwei Busse zur Verfügung stehen, die wir erreichen sollten, um von dort zu unserem Tagesziel von morgen, Eyemouth, vorzufahren: um 12.38 Uhr und um 14.38 Uhr. Dort nehmen wir Quartier, fahren morgen früh wieder zurück nach Cockburnspath und erreichen nachmittags Eyemouth ein zweites Mal, nur diesmal zu Fuß. Übermorgen kommen wir zur schottisch-englischen Grenze bei Burwick-upon-Tweed, übernachten dort aber nicht mehr, sondern fahren mit dem Zug und noch qualmenden Socken nach Edinburgh. Weil dienstags von dort kein Flieger nach Köln abhebt, Dieter aber sowieso sein Besichtigungsprogramm Teil 2 absolvieren will, bleiben wir den Tag noch komplett in Schottlands Hauptstadt und treten erst am Mittwoch die Heimreise an. Ich hoffe, das ist verstanden worden.

 

Inzwischen habe ich schon seit zwei Tagen meine letzte Karte "in Arbeit", auch ein sicheres Zeichen, dass eine Wanderung aufs Ende zugeht. Erstaunlicherweise trage ich aber immer noch meine Schuhe! Sie wollen es sich wahrscheinlich nicht nachsagen lassen, dass sie mich bei einer Wanderung im Stich gelassen haben. Die Sohle hat sich nur geringfügig weiter gelöst, dafür habe ich aber vorne bei beiden Schuhen null Profil mehr. Es wird also Zeit, dass ich sie von ihrem heldenhaft ertragenen Leiden bald erlöse und ankomme. 

 

Kurz nach dem Abmarsch vom Rowan Cottage kommen wir zum Hafen von Dunbar. Krabbenkörbe liegen aufgestapelt auf der Kaimauer und einige Boote scheinen kurz vor dem Auslaufen zu sein. Bei einem Boot haben sich einige Männer eingefunden, ausgerüstet mit seefester Kleidung, Angeln und großen Kühlboxen. Gleich werden sie an Bord gehen und einen Hochseeangeltripp machen. 

 

Auf einem Felsen oberhalb des Hafens steht etwas, was man mit viel Fantasie als Ruine einer Burg ausmachen kann. Es sind die traurigen Überreste von Dunbar Castle. Was im hohen Mittelalter mal eine der wehrhaftesten Burgen Schottlands war, wurde letztendlich nur noch als Steinbruch für das Baumaterial des Hafens verwendet. Eine nahezu rührende, fast schon unglaubliche Geschichte ist von der Burg überliefert: Bei einem Angriff auf die Burg durch englische Truppen im Januar 1338 trat die Burgherrin heldenhaft auf den Plan, da ihr Ehemann gerade mal an anderer Stelle sein Schwert schwang. Als die Engländer den Angriff mit einigen Katapultgeschossen begannen, befahl sie ihren Burgdamen, sich ihre Sonntagskleider anzulegen, mit ihr die äußere Mauer zu besteigen, um von dort mit ihr zusammen den Angriffsstaub mit ihren Taschentüchern wegzuwedeln. Ein ganz "hinterhältiger" Trick, um auf die Tränendrüse zu drücken und an die Ritterlichkeit des Angreifers zu appelieren. Doch die Lady hatte tatsächlich damit Erfolg und der Angriff wurde eingestellt. Sobald der Gatte aber wieder zu Hause war, flogen ihnen beim nächsten Angriff die Mauern um die Ohren.

 

In Dunbar beginnt bzw. endet der John Muir Way. An der High Street steht John Muirs Geburtshaus, heute natürlich ein Museum. 1838 wurde er hier geboren, wanderte aber bereits elf Jahre später mit seinen Eltern nach Amerika aus. Hier kennt man ihn als den Vater und Gründer des Naturparkgedankens. Der größte Juwel in seiner Krone ist die Gründung des Yosemite National Park in Kalifornien.

 

Nicht zu verwechseln mit dem John Muir Way hier in Schottland ist der John Muir Trail in den USA. Er verläuft über etwa 350 Kilometer vom Yosemite National Park über den Sequoia National Park und King's Canyon National Park bis hinauf auf den mit fast 5000 m höchsten Gipfel der USA, dem Mount Whitney. Das wäre doch auch noch was...

 

Unmittelbar hinter North Berwick unser täglicher Golfplatz: der "Dunbar East Links Golf Course". Niemand schmeißt uns heute runter, auch wenn wir heute nicht nur ganz am Rand entlangschleichen, sondern auch schonmal quer drüberlaufen. Den ganz am Rand verlaufenden Wiesenpfad, mindestens zur Hälfte vom triefendnassen Gras der ergiebigen Regenfälle der vergangenen Nacht verdeckt, ignorieren wir erneut. Zweimal schlagen Golfbälle nicht weit von uns auf dem Grün auf, aber davor wird man ja auf Schildern gewarnt, wenn man als Wanderer die Großzügigkeit genießen darf, einen Golfplatz zu betreten. So gehen wir denn auf einem fast federnden und kurzgeschorenen Rasen bei feuchtwarmem Wetter an einer ruhig daliegenden Nordsee entlang und ahnen damit nicht, dass wir in diesen Momenten den schönen Teil des heutigen Tages durchleben.

 

Dann wird vor uns der Riesenkasten der Torness Power Station immer größer. Ganz abgesehen davon, dass immer ein blödes Gefühl aufkommt, wenn man in unmittelbarer Nachbarschaft eines Atomkraftwerks wandert, so ist zusätzlich das ganze Erscheinungsbild dieses Klotzes an dieser Felsenküste eine Beleidigung fürs Auge. Riesige künstliche Wellenbrecher und mächtige Wasserschutzwände, an denen wir entlang müssen, bieten eine fast futuristische Atmosphäre, aber keine, in der man sich sonderlich wohlfühlt. Glücklicherweise ist für 2023 die Stilllegung geplant.

 

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kraftwerk steht ein Bauwerk, das eher in diese Landschaft passt: der Leuchtturm von Barns Ness. Etwa 40 m ist er hoch und versendet sein Licht über 16 km weit. Ja, er ist recht nett, netter wäre jetzt aber eine Pause. Vielleicht auf dem Campingplatz da hinten, die haben doch manchmal so etwas wie eine Platz-Bar. Dieter sieht schon ein Bier vor sich, doch Fehlanzeige! Keine Bar, kein Bier, dafür beginnender Regen. Also auch keine Pause irgendwo gemütlich auf einer Bank oder im Gras.

 

Vielleicht aber auch gut so! Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass wir, wenn wir jetzt einigermaßen zügig durchgehen, noch den Bus um 12.38 Uhr in Cockburnspath erreichen. Schaffen wir ihn nicht, müssen wir zwei Stunden auf den nächsten warten, in einem Ort, wo es wahrscheinlich noch nichtmal eine Kneipe gibt. Dieter sieht auch ein, dass wir eigentlich keine andere Chance haben, als jetzt durchzuziehen. Also setzen wir uns zähneknirschend wieder in Bewegung. 

 

Der Weg wird wieder schmal und uneben. Wenn wir ihn weitergehen, wird uns das den Bus kosten. Deshalb weg vom Pfad und rauf auf die Straße! Ein Radweg hilft uns, dass es bei dem Verkehr nicht allzu nervig wird. Trotzdem sind wir froh, als wir auf eine Nebenstraße ausweichen können. Mit der Zeit wird es immer enger, es könnte knapp werden mit dem Bus. Doch bei Dieter geht es nicht mehr schneller. "Aber eins steht fest," verspricht er mir, "wenn der Bus hinter mir auftaucht, kommt der nicht an mir vorbei!"

 

Der Abstand zwischen uns beiden wird immer größer. Endlich erreiche ich Cockburnspath. Dieter sehe ich nicht mehr hinter mir. Die Bushaltestelle ist keine 200 m mehr von mir entfernt, als ich bei einem hastigen Blick nach hinten den Bus kommen sehe. Ich winke, der Bus wird tatsächlich langsamer - und wen sehe ich hinter der Scheibe ebenfalls winken? Dieter! Geschafft! Erleichtert lassen wir uns beide in die Sitzpolster fallen. 40 Minuten später sind wir in Eyemouth.

 

Es gibt wunderbare Tage, schöne Tage, dahinplätschernde Tage. Dieser war Käse!

 

 

Sieh dir meinen 17 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/620333558

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Montag, 27 Juni 2016 21:06)

    Papa, Papa, Papa...
    Was ist das denn für eine Einstellung? Wer wird denn hier zum Ende seiner Reise noch mimosig werden? Ein Tag ist doch nicht Käse, nur weil ihr euch ein bisschen beeilen musstet, um den Bus zu kriegen. Der Tag ist doch gut gelaufen! Fast ein halber Tag netter Küstenweg, Schuhe, die dir Dank deines elfengleichen Zehenspitzengangs immer noch nicht vom Fuß fallen, ein Golfplatz, von dem man nicht verscheucht wird und wo man keinen Ball an den Kopf bekommt, ein Bus in Aussicht, der einen bequem zur Unterkunft fährt, eine schmale Straße statt hüfthohem, nassen Graspfad, ein Bus, den ihr beide erreicht habt und der euch pannenfrei befördert, ein trockenes Dach überm Kopf, ein weiches Bett unterm Hintern und eine Familie, die sich zu Hause auf dich freut... Das Glas ist immer halbvoll, vergiss das so kurz vor Ende nicht!