Einer der TOP 5

Cockburnspath - St Abbs (22 km)

Unsere Zimmerwirtin ist gar nicht davon begeistert, dass wir bereits um 7.15 Uhr unser Frühstück haben wollen. Dabei sind wir doch schon mit einem Continental zufrieden. Mehr als Kaffee und Tee kochen und ein paar Scheiben Weißbrot in den Toaster zu stecken, braucht sie doch nicht zu tun. Die Tante ist mir schon gestern auf den Geist gegangen. Erstens durfte ich meinen Wheelie nicht mit aufs Zimmer nehmen und zweitens hat sie uns untersagt, auf dem Zimmer was von unserem gekauften Proviant zu essen. Das ginge wegen der Lizens nicht. Gestern haben wir uns noch dran gehalten und haben in einem Hafenrestaurant gegessen, heute werden wir das Verbot ignorieren. Ich glaub, es geht los...!

 

Das frühe Frühstück ist notwendig, weil wir schon um kurz nach 8 Uhr mit dem Bus nach Cockburnspath zurückfahren wollen, um dort unseren Weg wieder aufzunehmen. Die Voraussetzungen dafür sind günstig: Sonne und Wolken wechseln sich nett ab, ein leichter Wind sorgt für permanente Erfrischung - und mein Wheelie kann in der Unterkunft bleiben. Wir kommen ja nochmal zurück.

 

Die letzten beiden Tage gehen wir auf dem Berwickshire Coastal Path. Als wir kurz hinter Cockburnspath bei Cove auf diesen Weg treffen, gestattet er uns als erstes nochmal einen Blick zurück auf das von der Sonne angestrahlte Atomkraftwerk, das gestern wie heute unglaublich fehl am Platze in dieser Landschaft wirkt. Da hilft auch nicht der strahlend weiße Anstrich vor strahlend blauem Himmel. 

 

So suboptimal das gestern alles war, so schön soll es heute alles werden, jedenfalls für mich. Ein Pfad immer nahe bei der Kliffkante, aber nie gefährlich nahe. Nicht rutschig, selten nur mit Gras überwachsen. Immer abwechslungsreich: links rum, rechts rum, rauf und runter, ab und zu mal klettern über Gatter, Steighilfen über Zäune oder Mauern, mal über teppichgleiche weiche Wiesen, mal durch hohes, aber trockenes Gras, zwischen Schaf- und Kuhherden hindurch - und immer wieder wunderbare Ausblicke über die Küste von Berwickshire und aufs Meer.

 

Eine erste Rast machen wir (Dieter quengelt schon wieder seit einiger Zeit!) auf einem umgefallenen Gatter, eine zweite (... und er quengelt schooon wieder!) lang ausgestreckt auf einer Schafsweide. Bis dahin ist soweit alles weitgehend in Ordnung. Dann muss irgendwann der Moment gekommen sein, in dem Dieters Fuß wieder beginnt zu schmerzen. Ich habe inzwischen den Überblick verloren, welcher Fuß an welcher Stelle schmerzt. Aber irgendwann ist eine Stelle "wieder wunderbar", doch dann geht es an einer anderen los. Und ist diese im Abklingen begriffen, fängt die alte wieder an. Alles wurde schon bemüht: Pflaster, Wundsalbe, Schmerzsalbe, Schmerztabletten, doch die Pein will nicht von Dieter lassen. Schuld an seinem Leiden sind immer noch die Wege bzw. die Pfade, die eigentlich ja gar keine Pfade sind, sondern hauptsächlich eine Katastrophe. Nur wenige Wege bzw. Pfade finden seine vorsichtige Zustimmung, doch am meisten findet er an Straßen Gefallen. Aber diese müssen "linkslastig" sein, d.h. sie oder zumindest seine Straßenseite müssen geringfügig nach links abfallen. Irgendwie lindert das den Schmerz. Und nur über weiche Wiesen zu gehen, ist sowieso Blödsinn! Wo ist da der Pfad? Und dann dieser "Gefängnispfad", immer am Stacheldrahtzaun entlang! Ob ihm noch nicht aufgefallen ist, dass der liebe Bauer damit verhindern will, dass seine Schafe oder Rinder die Klippen hinunterstürzen?

 

Ich kann mir das irgendwann nicht mehr ansehen und anhören umd gehe meinen Schritt, ohne andauernd zurückzublicken, ohne andauernd zu warten. Dieter muss jetzt selbst damit klarkommen, soll sich einen Wolf schimpfen oder sich zusammenreißen, sollte die Schuld, wofür auch immer, nicht bei irgendwem oder bei irgendwas suchen, vor allem nicht bei einem "bescheuerten Pfad".

 

Für mich gehört der heutige Weg zu den TOP 20 meiner bisherigen "Wanderkarriere" und zu den TOP 5 meiner Schottlandwanderung. Wetter, Landschaft, Weg - alles passt! Zugegeben, die letzten fünf Kilometer ziehen sich, sind sogar recht anstrengend. Steil geht es manchmal einen Hang hinab und genauso steil auch wieder hinauf, doch ich nehme das nicht als schlimme Belastung wahr. Ich habe dann mehr Augen für den Möwenschwarm, der auf der blauen See unter mir im Wasser schwimmt, für das Ausflugsboot, dass sich mit seinen Fahrgästen der Seevögelkolonie an den senkrecht abfallenden Klippen von St Abbs Head nähert oder für den kleinen Leuchtturm auf dieser so zerklüfteten Halbinsel.

 

Ich sitze schon einige Zeit vor dem kleinen Hafencafé in St Abbs, als Dieter auch endlich die Straße hinunterkommt. Und er sieht nicht glücklich aus. "Gibt es morgen nach Berwick-upon-Tweed vielleicht einen Radweg? Sooo einen Pfad kann und will ich nicht mehr!" Ich kann ihm darauf keine Antwort geben, meine Karte endet kurz hinter Eyemouth. Ich weiß, dass es den Berwickshire Coastal Path bis Berwick gibt, mit einem Radweg habe ich mich nicht beschäftigt. Wir fahren mit dem Bus von St Abbs nach Eyemouth zurück, mehr geht heute bei Dieter nicht. Außerdem kommen wir zum Anstoß des deutschen Achtelfinalspiels bei der Fußball-Europameisterschaft sowieso schon zu spät.

 

Im Laufe des Abends einigen wir uns auf folgenden Plan für morgen. Ich fahre alleine mit dem Bus nach St Abbs zurück und gehe die etwa fünf Kilometer bis Eyemouth alleine. Dann treffen wir uns zu einer verabredeten Zeit am Hafen und versuchen schließlich, die letzten vielleicht noch 15 Kilometer unserer Wanderung gemeinsam zu schaffen - auf dem Berwickshire Coastal Path. Und wir werden das schaffen!

 

 

Sieh dir meinen 21,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/621687974

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Montag, 27 Juni 2016 20:14)

    Ihr schafft das!!!!!

  • #2

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 29 Juni 2016 17:54)

    Ha

  • #3

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 29 Juni 2016 17:56)

    Ich nö, schon wieder verdrückt!

    Ich wollte schreiben: Ha! Seit wann wartest du auf deine langsameren Mitwanderer und drehst dich ständig um? Kannst mir nix erzählen... ich kenne deinen Stechschritt!