Brexit!!!

North Berwick - Dunbar (25 km)

Hoppala, da haben wir ihn, den Brexit! Die Mehrheit der Briten hat sich entsprechend entschieden. Bestimmt nicht die Mehrheit der Schotten, auch nicht die Mehrheit der jungen Menschen. Den Lebenspartner von Freya treffen wir heute früh im Flur. Mit bitterer Miene gesteht er, Freya und er seien geschockt. "It's a bad day!" Mensch, Mensch, diese Insulaner...! Mal sehen, welche Auswirkungen das nun auf lange Sicht hat.

 

Das Ergebnis von gestern ist bestimmt auch Thema auf den britischen Golfplätzen. Auch auf dem von North Berwick, zu dem wir kommen, kaum dass wir das Stadtgebiet verlassen haben. Allerdings lässt sich zunächst kein Golfspieler blicken, wahrscheinlich diskutiert man noch über die möglichen Folgen bei einer Tasse Tee im Vereinsheim, sorry, im Clubhaus. Nur der Greenkeeper ist mit seinem (wahrscheinlich) elektrobetriebenen Spezialwägelchen unterwegs und schaut nach dem Rechten. Als er uns dabei ertappt, wie wir gerade quer über den Platz gehen wollen (weil wir wirklich keinen anderen Pfad entlang der Küste sehen), weist er uns höflich darauf hin, dass dies bitteschön nicht möglich sei. Aber da hinten, ganz am Rand, sei ein schmaler Pfad. Ob das allerdings mit diesem "Fahrzeug" (er zeigt auf mein Wheelie!) gehe, wisse er nicht. Damit ist er seiner (wahrscheinlichen) Pflicht nachgekommen und hat uns vom Golfplatz geschmissen.

 

Denkt er! Wir finden zwar den Pfad, entscheiden uns aber einvernehmlich und ohne Absprache, dass wir ihn nicht als den Unsrigen akzeptieren. Er ist sehr schmal, mit hohem, nassen Gras überwachsen und kurvt wie eine Achterbahn rauf und runter durch den Hang. In einem beständigen Abstand zu ihm von zwei bis fünf Metern befindet sich das kurzgemähte, fast ebene Golfgelände. Da versteht sich eigentlich von selbst, woher wir unsere Füße lenken. Da kann der Greenkeeper gucken, wie er will! Die ersten Golfer, die wir treffen, scheinen wir sowieso nicht zu stören. Auf unser freundliches Grüßen grüßen sie genauso freundlich zurück.

 

Eine kleine Strafe kommt allerdings. Als es auf dem Golfplatz nicht mehr weitergeht und wir auf die Straße ausweichen müssen, bleibt uns keine andere Möglichkeit, als eine Mauer zu überklettern. Mir gelingt das, mit Dieters Hilfe auch meinem Wheelie, nur Dieter selbst bleibt mit einem Fuß an einem der senkrecht vermauerten Natursteine hängen und landet mit dem Bauch auf dem Bürgersteig. Ich bitte ihn, diesen Stunt nochmal für ein Foto zu wiederholen, aber er lehnt glatt ab.

 

Beim kurzen Marsch entlang der Straße kommt Tantallon Castle in den Blick, eine mächtige Ruine, im finsteren Mittelalter direkt an der Kliffkante gebaut, mancher Belagerung erfolgreich widerstanden, schließlich von Truppen Oliver Cromwells genauso erfolgreich zerstört. Bald sitzt Dieter bei wärmender Sonne im früheren Hof der Burganlage auf einer Bank, was unmissverständlich bedeutet: "Hier mache ich jetzt eine Pause!" Der Platz und der Moment ist aber auch wie geschaffen dafür. Die Sonne wärmt den Pelz, der Blick geht aufs blaue Meer hinaus und hinüber zum Bass Rock, dem wuchtigen vorgelagerten Vulkanfelsen mit seinem alten Leuchtturm. 

 

Der gesamte Felsen schimmert weiß gegen den blauen Himmel und was da so schimmert, ist nicht etwa die Hinterlassenschaft der Seevögel, die wir rundum umherfliegen sehen, sondern es sind die Seevögel selbst, Tausende von ihnen, die größte Basstölpel-Population Europas. Wer will, kann sie sogar beim Brüten aus nächster Nähe beobachten. Webcams schicken permanent Bilder ins Sealife Museum nach North Berwick, aber auch Ausflugsboote fahren hinüber und kurven um Bass Rock herum. Außer Wissenschaftlern kann aber kein Mensch den Felsen betreten.

 

Während Dieter so sitzt und zu den Basstölpeln (Gannets) rüberguckt, stöbere ich etwas intensiver in der imposanten Ruine herum. Wieder denke ich an meine Zeitmaschine, die es mir doch mal ermöglichen könnte, am Festmahl des Burgherrn in der Great Hall teilzunehmen. Wäre doch mal interessant zu erfahren, was da so auf den Tisch kommt.

 

Während wir uns am Tantallon Castle aufhalten, zieht hinter uns starke Bewölkung auf. Zwanzig Minuten später fallen die ersten Tropfen. Zu dieser Zeit durchqueren wir das Mini-Dörfchen Seacliff, das außer aus einem großen Reiterhof nur noch aus zwei, drei Cottages besteht. Eine ältere Frau in Arbeitskleidung spricht uns an, wie das öfter unterwegs mal geschieht. Woher? Wohin? Welch tolles Teil da! (Gemeint ist mein Wheelie.) Doch dann auch: "Haben Sie gehört? Von unserem Referendum gestern? Schlimm, schlimm, ein trauriger Tag!" Die Bestürzung darüber scheint sie kurz zu verwirren, denn sie schickt uns in die falsche Richtung. Oder sie hat einfach links und rechts verwechselt. Dieter und ich wähnen uns jedenfalls sicher, bis mir die Richtung irgendwann komisch vorkommt. Doch da ist ein Umkehren schon nicht mehr sinnvoll und die Straße ist mal wieder die einzige Alternative, und zwar ein recht langes Stück Straße. Ich ärgere mich darüber, denn das, was wir auf diese Weise verpasst haben, hatte ich mir eigentlich als einen recht reizvollen Abschnitt vorgestellt. Doch etwas Positives kommt dann doch dabei heraus: Auf einem alten Straßenschild im Ort Whitekirk entdecke ich erstmalig den Hinweis auf "Berwick", gemeint ist Berwick-upon-Tweed, unser endgültiges Ziel und die erste Stadt jenseits der schottisch-englischen Grenze. 36 3/4 Meilen sollen es bis dahin noch sein - ein Ende ist also absehbar.

 

Auch wenn das Straßenlaufen nicht unbedingt anstrengend ist, so kann Autoverkehr und die gewisse Eintönigkeit nerven und auf die Dauer zu einem mentalen Problem werden. Ich versuche, diese Phasen meist mit Singen so gut wie möglich zu überbrücken. Dieter bekommt den Tunnelblick, hört und fühlt ganz besonders gut in seinen Körper hinein umd findet immer was, wo etwas zwickt und zwackt. Dann wird er spürbar langsamer und giert nach einer Pause. Kommt eine gute Möglichkeit dazu, ist alles gut, kommt sie nicht, habe ich was falsch gemacht. Jetzt aber kommt sie: ein kleiner "Coffee Shop" in der ehemaligen Schmiede von Tyninghame. Wir können draußen sitzen, die Sonne scheint wieder, Kaffee und Tee, Soup of the Day und Schoko-Kokosnusskuchen schmecken - die Welt ist wieder in Ordnung.

 

Wäre diese Erholung für Körper und Geist nicht gewesen, Dieter hätte die letzte Herausforderung des Tages nur mit Mühe geschafft. Wieder ist es ein enger, unebener Pfad entlang des trockengefallenen Mündungsbereichs des River Tyne, der ihn hinter mir rummosern lässt, allerdings mit einem gewissen Grad an Galgenhumor, das muss ich zugeben. Dann nochmal ein Stück Salzmarsch, ein Stück Strand, über eine kleine Fußgängerbrücke über den Tyne, eine Straße am Stadtrand von Dunbar, unserem heutigen Tagesziel, entlang - und endlich stehen wir vor "Rowan Cottage", unserem B&B.

 

Eine freundliche Lady begrüßt uns herzlich, lässt mit einer liebenswerten Schüchternheit, aber auch einem gewissen Stolz unser Lob für ihren blumengeschmückten Vorgarten über sich ergehen und führt uns dann hoch ins Dachgeschoss in unser großes Zimmer. Doch eins hat auch sie heute gemein mit den allermeisten Schotten: ihr Entsetzen über das Referendum-Ergebnis. "Sturgeon (die schottische Regierungschefin) plant jetzt ein neues Referendum zum Austritt Schottlands aus dem UK. Das ist auch nicht gut." Sie will anscheinend einfach nur, dass alles so bleibt wie es ist. Aber diese Zeit ist wahrscheinlich vorbei.

 

 

Sieh dir meinen 25,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/619367308

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Inge Geisler (Samstag, 25 Juni 2016 08:54)

    Ach, wie schade! Ab nächster Woche werde ich morgens wieder bevorzugt Zeitung lesen müssen!

  • #2

    Die Pilgertochter (Samstag, 25 Juni 2016 10:09)

    Aaaaah..... ein Coffee Shop.... na dann entspannt euch mal....

  • #3

    Lore (Samstag, 25 Juni 2016 10:32)

    Hallo und guten Morgen aus dem dunkelgrauen regnerischen Rheinland!
    Kein Wort mehr zum kuscheligen Bett mit der zentnerschweren Gemeinschaftszudecke bedeutet sicher, dass Ihr eine super gute Nacht hattet. Ich wünsche Euch noch eine gute Restzeit (der Wanderung), bequeme Schlafstätten, Füße, die nirgendwo hängen bleiben, ausreichend sonnige Rastplätze ab 11.00 Uhr und eine planmäßige Heimkehr.
    Gruß von Lore, die es auch schon jetzt bedauert, dass es bald nichts mehr von Euch zu lesen und zu gucken gibt