Frühstück weg!

Cramond/Edinburgh - Port Seton (30 km)

Unser Frühstück ist weg! Gestern frisch eingekauft und jetzt einfach weg! Wir wollten uns die Extrazahlung fürs Frühstück im Almond House sparen und jetzt haben wir nur noch trockenen Toast, den die Schotten hier "Brown Bread" nennen. Käse, Wurst - weg! Dieter ist darüber noch etwas erschütterter als ich und protestiert bei der Rezeption. Ergebnis: Wir bekommen das Hausfrühstück heute Morgen umsonst (immerhin £ 6 pro Person) und das von gestern, welches wir uns gegönnt hatten, brauchen wir auch nicht zu bezahlen. Ich stelle fest: Man sollte sich viel öfter seinen eigenen Proviant klauen lassen.

 

Als wir Almond House verlassen, schlagen uns unfassbare 17 °C entgegen. Wir warten ab, ob uns auf dem Küstenweg der von Dieter gefürchtete "eisige Wind" wegbläst, da dieser das aber nicht tut, reißen wir uns nach Wochen mal wieder die Anoraks vom Leib und gehen im Hemd. Wie angenehm!

 

Auf einer Art Uferpromenade laufen wir am Ufer des Firth of Forth entlang und unsere Wegmarkierung ist das Schild des "John Muir Way", mit dem Portrait seines Namensgebers. In Dunbar, seinem Geburtsort, werde ich auf ihn nochmal zurückkommen. Granton ist der nächste Ort durch den wir kommen, früher mal selbstständig, heute ein Vorort von Edinburgh. Obwohl wir für eine Weile von der Küste entfernt sind, kommen wir am "Granton lighthouse" vorbei, das aber gar kein Lighthouse ist. Das Gebäude mit dem leuchtturmartigen Gebäude war mal das Depot des "Northern Lighthouse Board" (NLB), der Institution, die für die Errichtung und die Versorgung aller schottischen Leuchttürme zuständig war. Versorgungsgüter für die Leuchttürme wurden hier gelagert und mit Schiffen, die ebenfalls der NLB gehörten, zu den verschiedenen Leuchttürmen gebracht. Die Kuppel auf der Spitze des Gebäudes, einer echten Leuchtturmspitze sehr ähnlich, wurde zu Übungszwecken genutzt und um die Signallampen zu testen, bevor sie in die echten Leuchttürme eingebaut wurden.

 

Am Hafen von Newhaven vorbei, mit seinem alten Leuchtturm und den neuen Gebäuden im Hintergrund, kommen wir nach Leith. Seit mindestens tausend Jahren gibt es hier einen aktiven Hafen und seitdem die Kontrolle über ihn vor vielen hundert Jahren an Edinburgh überging, sind die beiden Städte zusammengewachsen und Leith ist der Haupthafen der schottischen Hauptstadt. War gerade das Hafengebiet noch vor einigen Jahren ein ziemlich heruntergekommenes Gebiet, hat es sich inzwischen enorm zum Positiven entwickelt. Besonders dazu beigetragen haben die Neubauten des mächtigen Bürogebäudes Victoria Quay und des Ocean Terminal Shopping Centres, vor dem an einem Kai auch die ausgemusterte ehemalige "Royal Yacht Britannia" liegt, mit der Elizabeth und Philipp auf ihren Staatsbesuchen die Welt bereisten. Jetzt wird sie von Touristen überrannt, die gerne mal sehen wollen, in welchem Bett an Bord die Queen geschlafen hat. Wir schenken uns das und gehen bei Starbucks im Shopping Centre einen Kaffee trinken.

 

Hinter Leith dann die Kilometer zum geistigen Abschalten. Lagerhäuser, Warenhäuser, Tank- und Waschanlagen, Möbeldiscounter, Fastfoodtempel, rauschender Verkehr - bis kurz vor Portobello. Eine kleine, mittlerweile für den Autoverkehr gesperrte Straße bringt uns hinunter an den langen und ungeheuer sauberen Sandstrand mit seiner gepflegten Strandpromenade. Auch wenn auf dem Strand nicht die Strandkörbe aufgeschlagen sind und bestimmt auch kein Mensch einem kühlen Badevergnügen nachgeht, Menschen flanieren die Promenade entlang, sitzen draußen an den Tischen der Straßencafés, Kinder plündern die Eisdielen. Schon immer war Portobello das Stranderlebnis für die Edinburgher und wer hier wohnt, genießt es erst recht.

 

Nächstes Zwischenziel: Musselburgh. Nach Caithness, Sutherland, Angus, Fife und Edinburgh bin ich jetzt in East Lothian und mit Musselburgh in der ältesten Stadt Schottlands. Doch der John Muir Way führt nur am nördlichen Rand der Stadt entlang, streift hinter der Mündung des River Esk in den Firth of Forth mit seiner Schwanenkolonie die rekultivierte Landschaft der ehemaligen Kohlenaschehalde des alten Kohlekraftwerks von Prestonpans. Vom alten Kraftwerk in Prestonpans stehen auch nur noch zwei dunkle Kästen in der Landschaft. Nichts erinnert mehr an frühere Tage, aber richtig schön ist es hier auch nicht.

 

Dieter ist heute gut dabei, besteht aber auf seine Pausen alle eineinhalb Stunden. Bis Leith haben wir heute Morgen dies fast auf die Minute geschafft, für die ehemalige Bergarbeiterstadt Prestonpans gelingt uns das auch. Im "The Goth", einem originellen und historischen Pub, bekommen wir, auch wenn die Küche so gut wie kalt ist, noch eine Soup of the Day, trinken was dazu und dann geht es an den Endspurt.

 

Doch der Endspurt wird lang. Erst aus Prestonpans heraus, das alte Kraftwerk umkurvt, nach Cockenzie and Port Seton hinein, einmal komplett durchquert, dann noch an den südlichen Ortsrand. Als wir endlich vor der Tür unseres Privatquartiers bei Dave und Helen stehen, haben wir wieder 30 Kilometer hinter uns. Dieter staunt über sich selbst, dass er das relativ problemlos weggesteckt hat. Ich staune auch.

 

 

Sieh dir meinen 30,4 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/617341968

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Sebastian (Donnerstag, 23 Juni 2016 11:01)

    30km ohne Frühstück - das wäre haarig geworden.

  • #2

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 23 Juni 2016 13:09)

    Jaaaa.... der Dieter ist jetzt gut eingelaufen! Jetzt könnte er locker nochmal tausend dranhängen!

  • #3

    Dieter (Freitag, 24 Juni 2016 18:53)

    und ob, Bildertochter!!