Brexit?

Port Seton - North Berwick (20 km)

So wie wir das immer machen bei unseren Privatzimmer-Gastgebern, verabschieden wir uns auch von Helen vor der Haustür. Schön war es bei ihr und ihrem Mann Dave. Das Zimmer war zwar etwas eng, so dass man das Schrankbett hochklappen musste, um eine zweite Sitzgelegenheit hinstellen zu können, aber wir haben uns wohlgefühlt. Alles war pieksauber, der Kühlschrank für uns gut gefüllt und die Gastgeber überaus liebenswürdig.

 

Ich glaube, heute ist der zweite Tag für mich und der erste für Dieter, an dem wir direkt im Hemd losmarschieren. 20 °C erreicht heute das Thermometer - ein Rekordwert. Das Wasser des Firth of Forth liegt spiegelglatt vor uns und das, was am Strand von Seton Sands an Land schwappt, hat die Bezeichnung Welle nicht verdient. Etwa eine halbe Stunde lang haben wir wieder hautnah Tuchfühlung mit Sand und Wasser, die Sonne brennt nahezu auf uns herab, es riecht mal wieder ein wenig nach Seetang und Möwen und Oystercatcher fliegen solo oder in Formation laut schreiend an uns vorbei. Über dem Firth sehe ich ab und zu ein Flugzeug Richtung Edinburgh Flughafen einschweben und werde mir damit langsam der Tatsache bewusst, dass auch diese Wanderung für mich bald zu Ende ist. Bald werden Dieter und ich im Flieger sitzen, und in einer Woche um diese Zeit werde ich wieder im eigenen Bett aufgewacht sein.

 

An der weitgezogenen Gosford Bay geht es auf dem straßenbegleitenden Radweg entlang. Auch sie füllt eine weite Sandfläche aus, die für uns aber unpassierbar ist. Erstens verhindert ein dichter Felsengürtel, dass wir überhaupt auf sie gelangen können und zweitens ist sie von vielen Wasserrinnen durchzogen. Außerdem sind wir bereits so viele Kilometer auf Stränden entlanggezogen - wir wissen inzwischen, wie sich das anfühlt. 

 

Dieter hat Glück! Die von ihm für die letzten Tage eingeforderten Pausenintervalle von eineinhalb Stunden können auch heute tatsächlich eingehalten werden. Unser erster Boxenstopp ist in Aberlady, einem kleinen, beschaulichen Örtchen etwas im Landesinneren. Kleine Einfamilienhäuser in typisch britischer Bauweise, viele Blumen im Vorgarten, blühende Büsche, hohe Rosenstöcke, kurzer Rasen. Am Straßenrand stehen auf einmal viele parkende Autos, Menschen laufen mit ernstem Gesicht und einem Zettel in der Hand einer unscheinbaren Hauseinfahrt entgegen. Jetzt erst fallen sie mir auf: Kleine Plakatständer stehen neben der Einfahrt auf dem Bürgersteig. "Vote Leave!" und "Vote Remain!" ist mit großen Lettern geschrieben, ein letzter Versuch, die wahlberechtigte Bevölkerung zu beeinflussen. Es geht um das britische Referendum zum Verbleib oder zum Verlassen der EU, um den sog. "Brexit". Wir gehen an einem Wahllokal vorbei. Mal sehen, wie man sich entscheidet, es könnte jedenfalls eng werden. Morgen erst werden wir und die Briten das Ergebnis erfahren.

 

Nicht weit vom gesehenen Abstimmungsort finden wir unseren Rastplatz, der uns im Moment wichtiger ist als das Referendum: die Bar "The Duck". Wir suchen uns draußen einen Platz im Schatten. Ja, wir suchen den Schatten, wer hätte das vor wenigen Tagen noch gedacht. Bei Dieter sitzt die Enttäuschung tief. Alkohol, also ein Bier für ihn, gibt es nicht vor 11 Uhr. Wir haben kurz nach 10. So muss es mal wieder der Tee für ihn tun, ich bleibe bei meinem Kaffee, mit einer eiskalten Cola gegen den ersten Durst (obwohl ich ja eigentlich weiß, dass Cola bei mir keinen Durst löscht).

 

Nach Aberlady kommt ein Golfplatz nach dem anderen. Vor Gullane einer, nach Gullane einer. Sogar ein bei Kennern ganz berühmter: Muirfield Golf Course, Heimat des ältesten Golfclubs der Welt (The Honourable Company of Edinburgh Golfers), Austragungsort etlicher Open Championships, des Ryder Cup, des Walker Cup. Die Weltelite hat hier den Schläger geschwungen, u.a. Nick Faldo, Jack Nicklaus. Der nächste Golfplatz folgt bei Dirleton, ein weiterer kurz vor North Berwick, mit tollem Blick auf den dicken Brocken der Felseninsel Bass Rock. Auf allen Plätzen ziehen sie wieder dahin, die nobel gekleideten Golfenthusiasten, männlichen und weiblichen Geschlechts, mit ihren schlägerbespickten Trolleys. Sie schlagen ab und putten ein, schauen ihrem Spielpartner zu, schlagen sich, wenn angesagt, anerkennend auf die Schultern und natürlich - shake hands!

 

Kurz vor North Burwick ein kritischer Moment: Nach einem ganzen Tag angenehmer Wegführung über glatten Sand, glatte Straßen oder breite und glatte Waldpfade, auf einmal ein enger Trampelpfad am Rand eines hohen Getreidefeldes entlang, kaum länger als fünf Minuten zu gehen, aber für Dieter ein nahezu unverzeihliches Ärgernis. Knurrig trampelt er hinter mir her - und hätte jetzt ein Bus neben ihm gehalten, er wäre eingestiegen.

 

Da aber kein Bus neben einem Trampelpfad hält, schaffen wir es doch noch gemeinsam nach North Berwick. An der Highstreet, der Hauptstraße des Städtchens, liegt unser Privatquartier - im dritten Stock. Immer wieder eine Freude, den Wheelie in solche Höhen wuchten zu müssen. Ein junges Paar begrüßt uns, entschuldigt sich dafür, dass es noch mit Putzen beschäftigt ist. Es sei noch nicht lange her, dass ihre letzten Gäste die Wohnung verlassen hätten. 

 

Dieter und mich stört das nicht im Geringsten. Nur dass es wiedermal ein enges Doppelbett ist, mit einem einzigen zentnerschweren Zudeck, mag mich nicht erfreuen.

 

 

Sorry, heute mal wieder kein Streckenverlauf!

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 24 Juni 2016 06:37)

    Hach, ihr kommt euch noch richtig nah auf die letzten Meter...