Brückengiganten auf engstem Raum

North-Queensferry - Cramond/Edinburgh (17 km)

Die Menschen von North Queensferry müssen seit weit über 120 Jahren zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einem immer wiederkehrenden Vibrieren, Rumpeln und Donnern leben. Direkt über ihre Dächer hinweg rollen die Züge zwischen Edinburgh und Perth auf der gigantischen Forth Bridge. Aber wahrscheinlich hören sie das gar nicht mehr. Während der Nacht höre ich das dank Ohropax auch nicht, aber ein regelmäßig wiederkehrendes Vibrieren erinnert mich schon daran, dass hoch über mir mal wieder der Schienenverkehr roĺlt.

 

Mit dem Bau der Forth Bridge begann man 1883, nur wenige Jahre nach dem verhängnisvollen Kollaps der neuen Tay Bridge bei Dundee, der vielen Menschen das Leben kostete. Diesmal wollte man nichts riskieren, wollte sichergehen, dass diese neue Brücke über den Firth of Forth nicht unter dem Gewicht von einem Zug oder der Gewalt eines Sturmes in sich zusammenfällt. Bei ihrer Eröffnung 1890 hatte die Auslegerbrücke die größte Spannweite aller Brücken weltweit. Diesen Rekord musste sie erst 1919 an die Quebec-Brücke abtreten. Sie gilt als die erste Brücke, die vollständig aus Stahl (im Gegensatz zu dem bis dahin verwendeten Schmiedeeisen) hergestellt wurde. Die Forth Bridge ist fast drei Kilometer lang, ihre drei Türme erreichen eine Höhe von über 100 m und die Züge überqueren den Firth of Forth in einer Höhe von etwa 50 m. 4.000 Männer waren während des Baus hier beschäftigt, von denen allein 450 dabei verletzt und 95 getötet wurden.

 

Obwohl die Brücke im März 1890 offiziell eröffnet wurde, kam es bereits sechs Wochen vorher zu einem ersten Test. Zwei über 300 Meter lange Züge, jeweils bestehend aus einer Lokomotive und 50 Waggons, die jeweils wiederum über 900 Tonnen wogen, rollten nebeneinander auf den beiden Gleisen über die gerade fertiggestellte Brücke. Die Forth Bridge überlebte den Test, aber man kann sich die Gefühle des Zugpersonals ausmalen, als es - eingedenk des Tay-Desasters - aus 50 m Höhe ins Wasser blickte.

 

Dieter und ich blicken an diesem Morgen nicht von dieser rostroten, North Queensferry überschattenden Mammutkonstruktion ins Wasser, sondern von der zweiten Brücke, die von diesem kleinen Ort aus den Firth zum gegenüberliegenden South Queensferry überspannt, der Forth Road Bridge. Im September 1964 gab das britische Königspaar das als Hängebrücke konzipierte Bauwerk für den Autoverkehr frei. Sie war damals die größte Brücke ihrer Art in Europa. Sie ist gut 2,5 Kilometer lang, besteht aus insgesamt fast 47.000 Tonnen Stahl, darin eingeschlossen die zusammen fast 50.000 Kilometer (!) langen Drahtseile des Tragwerks. Überall auf der Welt würde eine Brücke dieses Ausmaßes sofort alle Blicke auf sich ziehen und eine besondere Attraktion sein, doch diese hier steht nur im Schatten ihrer großen Schwester, der Forth Bridge.

 

Dieter und ich müssen über einige Treppenstufen die Fahrbahnhöhe der Forth Road Bridge erklimmen, dann aber sind wir für eine halbe Stunde auf einem Geh- und Radweg neben dem rauschenden Autoverkehr auf ihr unterwegs. Unter unseren Füßen vibriert der Asphalt, beim Fotografieren kann ich froh sein, dass die Anti-Verwackel-Automatik meiner Kamera scharfe Bilder der benachbarten roten Forth Bridge überhaupt erlaubt. Das Wetter ist klar, oft dringt sogar die Sonne durch die Wolken, es ist nicht kalt, sogar der Wind hält sich in Grenzen. Der Ausblick ist fantastisch, der Firth of Forth glitzert teilweise in der Sonne. 

 

Doch inzwischen gibt es von der Road Bridge nicht nur die 2015 von der UNESCO in die Weltkulturerbeliste aufgenommene Eisenbahnbrücke und den Firth zu bestaunen, sondern mittlerweile auch die schon sehr weit fortgeschrittene Baustelle einer zweiten gigantischen Autobahnbrücke. Noch in diesem Jahr 2016 (dann müssen sie sich aber beeilen!) soll "Queensferry Crossing" für den Verkehr freigegeben werden. Die Türme stehen schon und bald werden die Lücken zwischen den einzelnen Auslegern geschlossen sein. Der immer stärker werdende Verkehr mit immer höher werdendem Lastenaufkommen macht eine zweite Autobahnbrücke notwendig. Erst recht, seitdem man in den vergangenen Jahren Korrosion in den Stahlsträngen der Haupttragekabel feststellen musste und was es notwendig erscheinen lässt, den Schwerlastverkehr in Kürze von der Forth Road Bridge fernzuhalten.

 

Mit dem Überqueren des Firth of Forth ist unsere Wanderung auf dem Fife Coastal Path zu Ende. In South Queensferry stoßen wir auf den John Muir Way, dem wir nun, immer am Südufer des Firth of Forth entlang, bis Dunbar folgen. Immer nah bei ihm bleibt die National Cycle Route 1, ein alter Bekannter seit den Tagen auf den Shetlands. Über die Cramond Bridge queren wir den River Almond, an dessen Mündung in den Firth of Forth sich bereits die Römer bei ihrer zweiten Schottland-Invasion 140 v.Chr. ein Fort errichteten, um von hier aus ihren Antoniuswall, der sich von hier bis zum River Clyde erstreckte, zu überwachen.

 

Wo früher das Römerfort stand, beginnt heute ein Golfplatz, und wo der Golfplatz auf die Küste des Firth trifft, steht unsere Unterkunft, the "Almond House Lodge". Nur 17 km war die Strecke heute lang, aber für uns beide heute lang genug. Für Dieter wegen seines Fußes, für mich, weil mir die Dreißiger-Etappen der letzten Tage noch etwas in den Knochen stecken. Viel mehr als meine linke Schuhsohle, die sich noch immer tapfer hält, macht mir mein linker Meniskus Sorgen. Beim Gehen merke ich kaum etwas, am Ziel angekommen kann ich mein Knie manchmal nur noch mit Schmerzen krümmen. Ja, ja, man wird nicht jünger...

 

 

Sieh dir meinen 16,5 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/615386874

 

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