Geheimnis gelüftet

Dysart - North-Queensferry (33 km)

Als sich im Laufe des gestrigen Nachmittags der blaue Himmel immer mehr durchsetzte und abends fast kein Wölkchen mehr am Himmel war, wollten wir schon fast frohlocken. Doch kaum sind wir heute unterwegs, zieht sich der Himmel wieder zu. Aber eins steht fest: Die Temperaturen sind um sensationelle 3 °C auf 17 °C gestiegen. Wie halten wir diese Hitze nur aus... ?

 

So - und jetzt muss ich es schreiben, sonst platze ich! Meine Lieblingstochter hat es mir erlaubt. Es war in Wick vor einigen Wochen, als mein Freund Wolfgang mich besuchte. Er brachte mir von Annika einen dicken Briefumschlag mit, da drin sei irgendwas von Sohn Florian, ich soll da mal was unterschreiben. Ich öffnete den ersten Umschlag - und zum Vorschein kam ein zweiter Umschlag. Ich öffnete den zweiten Umschlag - und zum Vorschein kam ein kleinerer dritter Umschlag. - ???? - Mich beschlich eine Ahnung, mir kribbelte es im Magen, mir wurde heiß. Ich öffnete den dritten Umschlag - und zum Vorschein kam..., rrrrööööchtööög... der nächste Umschlag... und noch einer... und noch einer... Jetzt war ich mir sicher und ich platzte fast vor Freude. Der letzte kleine Umschlag förderte eine Ultraschallaufnahme zutage. Mein kleines Mädchen wird Mama! Ich konnte damals die Nacht kaum schlafen vor Freude. Auf meiner nächsten Langzeitwanderung werden zwei Enkelkinder mehr zu meinem Clan gehören. Ein Spaziergang mit der ganzen Familie nimmt immer mehr das Ausmaß eines Klassenausflugs an.

 

Jetzt aber zu heute! Die ersten Kilometer sind Stadtkilometer mit Seeluft. Kilometerlang stapfen wir auf der in meinen Augen vollkommen überdimensionierten "Esplanade", der Seepromenade, von Kirkcaldy entlang. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie in dieser Stadt ihren Ausmaßen auch nur im Geringsten gerecht wird. Für mich ist sie ein Monstrum, gefällt mir nicht. Der Küstenpfad Richtung Kinghorn schon eher. Breit, guter Untergrund, schöne Blicke aufs Meer, ein paar heulende Seehunde, auch Dieter gefällt es. Und Dieters Ansprüche an einen guten Wanderpfad sind hoch. (Er hat nämlich den Unterschied zwischen einem Wanderpfad und einem Kurparkweg immer noch nicht verstanden.) 

 

Nach über zwei Stunden die erste Pause vor einem kleinen Imbiss am Strand von Kinghorn. Dieter schlürft seinen Tee, ich meinen Kaffee, ergänzt durch einen "Selfmade pancake with icecream". Der Kaffee schmeckt etwas nach Fisch, der Pancake nach Seetang, aber vielleicht muss das hier an der See so sein, alles mit einer gewissen unveränderlichen lokalen Note. Eine gute Note bekommen von mir auch die zwei Jungs von der benachbarten Lifeboat Station, die zur körperlichen Abhärtung äußerst cool über den Strand den Fluten entgegengehen und auch tatsächlich ins Wasser laufen. Dieter und ich sind uns einig: Wir beiden wären - bekleidet nur mit Badehosen - schon auf dem Weg über den Strand erfroren.

 

Aber wir beide sind auch Helden! Mutig betreten wir trotz einlaufender Flut den großen Strand vor Burntisland, relativ sicher, es bis Burntisland trockenen Fußes zu schaffen. Doch Burntisland kommt einfach nicht näher, die Flut aber schon. Inzwischen tapsen wir durch Wasser, das zwar noch nicht in die Schuhe läuft, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Unangenehm ist, dass wir den überwässerten Strand auch nicht einfach verlassen können, eine extrem steile Straßenbefestigung macht uns das unmöglich. Immer weiter werden wir an den Rand gedrängt und ich denke schon darüber nach, ob wir nicht so langsam die Schuhe ausziehen sollten, als wir fast im letzten Moment einen Durchlass zur Straße erreichen. Ich sag es ja immer: Alles fügt sich, aber diesmal war es knapp.

 

Dieter hat inzwischen wieder Fußprobleme und möchte in Burntisland abbrechen. Ich finde es gut, dass er nicht auf Biegen und Brechen und trotz Schmerzen durchziehen will. Er schafft mindestens die Hälfte der Tagesstrecke, vielleicht ist irgendwann die richtige Medikation gefunden und dann tänzeln wir beide gemeinsam in etwas mehr als einer Woche dem Ziel entgegen. Jedenfalls setzt er sich im Zentrum von Burntisland auf eine Bank an einer Bushaltestelle und hofft, dass in zehn Minuten der Bus kommt. Selbstverständlich ist das ja nicht, wie er schon mal zu seinem Leidwesen erfahren musste. Ich stelle ihm meinen Wheelie neben seine Bank und hoffe, dass er gleich nicht ohne ihn in den Bus einsteigt.

 

Die zweite Hälfte des Wandertages gestaltet sich zunächst recht einfach. Der Weg ist so bequem, dass sogar Dieter seine Freude daran gehabt hätte und die zweite Rast des Tages am Strand von Silversand Bay kurz vor Aberdour hat fast etwas von Ostseeurlaub. Familien spazieren umher, Kinder spielen im Sand, auf der Wiese, der großen Hüpfburg oder dem kleinen Spielplatz, der Eisverkäufer hat Hochkonjunktur, überall wuseln Hunde herum, drinnen im Selbstbedienungsrestaurant riecht es überaus fettig - es ist Sonntagnachmittag. Ich bediene mich an der Ausgabetheke mit einer Cola, setze mich draußen auf die große Terrasse und beobachte Menschen und Hunde. Auf dem Firth of Forth schippern kleine Segelschiffe und große Tanker und drüben am anderen Ufer meine ich schon Häuser auszumachen, die zu Edinburgh gehören. Morgen werden Dieter und ich dort sein.

 

Die Sicht ans gegenüberliegende Ufer ist zu gut. Die Berge bei Edinburgh scheinen zum Greifen nahe. Kein gutes Zeichen. Es wird Regen geben, denke ich mir, aber hoffentlich erst heute Nacht. Falsch gehofft! Kaum bin ich wieder eine halbe Stunde unterwegs, fallen die ersten Tropfen. Dann wird auch noch die Strecke nervig. Ehemalige Industriegelände, wo einst Schiffe verschrottet wurden, jetzt Brachland oder aufgehübscht durch Wohnviertel. Lang zieht sich der Weg nach Inverkeithing hinein und mindestens genauso lange wieder hinaus. Da kann auch der Blick auf die im Regendunst verschwimmende riesige Forthbridge nichts dran ändern. Dann der Abzweig nach North Queensferry. Ich wähne mich fast am Ziel. Aber immer noch geht es durch einen immer stärker werdenden Regen weiter, weiter, weiter... 

 

Endlich senkt sich die Straße nach North Queensferry hinab, genau dorthin, wo früher die Fähre von South Queensferry, jenseits des Firth of Forth, anlandete, bevor die mächtige Forthbridge gebaut wurde, auf der heutzutage die Züge verkehren. Praktisch direkt unter diesem monströsen Bauwerk steht unsere Unterkunft, das "Ferrybridge Hotel". Nass wie ein Pudel komme ich dort an. Dieter ist schon länger da. Diesmal hatte der Bus nicht 85 Minuten Verspätung.

 

 

Sieh dir meinen 32,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/614433971

 

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