85 Minuten Verspätung

Crail - Leven (36 km)

Inzwischen sind wir ja schon zufrieden, wenn es morgens beim Loslaufen nicht regnet. Aber diese Freude wurde uns in den letzten Tagen nicht oft beschert. Als wir heute am "Kalliope B&B" starten, ist der Landregen noch immer dran. Auf das Ende des Regens oder auf eine Regenpause zu warten ist sinnlos, denn erstens wissen wir nicht, wann das eine oder das andere eintritt und zweitens können wir uns keinen Zeitverlust erlauben, der Weg heute ist lang.

 

Dieter wähnt sich anfangs in Jahrhundertform, er läuft wie aufgedreht. "In St Andrews hätte ich nicht gedacht, dass ich überhaupt noch einen Kilometer wandern werde", kommentiert er erleichtert seinen flinken Schritt, "jetzt geht es wieder, wie geschmiert!" Na hoffen wir das Beste! 

 

Der Weg ist recht abwechslungsreich und kurzweilig, weil wir alle vier bis fünf Kilometer durch kleine Fischerorte kommen: Crail, Anstruther, Pittenweem, St Monans, Elie. Überall die kleinen Häfen mit ihren hohen Kaimauern und meist kleinen Fischer- oder Segelbooten, den alten Häusern, die den Häfen manchmal eine filmreife Kulisse verpassen, bunt in den Farben, aber manchmal auch etwas renovierungsbedürftig. Manchmal umweht uns noch ein leichter Fischgeruch und wir entdecken kleine Fischläden oder Verarbeitungsbetriebe, wo die letzten Fänge verkaufsbereit gemacht werden. Spezialität der Gegend hier: Hummer. Fangkörbe und Reusen stapeln sich auf den Kais, Boote werden repariert und breit ausgelegte Netze geflickt. Bis auf Anstruther, wo der Tourismus recht ordentlich Einkehr gehalten hat, geht es überall jedoch recht besinnlich zu. Nicht zu vergleichen mit den Tagen, als die Menge der Fischerboote in Zeiten des großen Heringbooms kaum Platz in den Häfen fanden. Die Anzahl der Pubs ist, ganz im Gegensatz zu früher, recht überschaubar, und bei manchem, der noch übriggeblieben ist, sieht man schon von außen, dass er mal bessere Zeiten (jedenfalls was den Verdienst betrifft) gesehen hat. 

 

Da wir mal wieder ohne Regenschirm unterwegs sind (immer nach dem Motto, vom Schwitzen werden wir sowieso nass), sind wir spätestens in Pittenweem ganz schön durchgeweicht, und die kaum zweistelligen Temperaturen lassen auch nicht unbedingt angenehmes Wohlbefinden aufkommen. Deshalb versuchen wir es mit einer Rast in einem Café. Drinnen ist es gemütlich und warm, die Bedienung ist außerordentlich freundlich, Tee, Kaffee und ein Scone füllen etwas den Magen aus - die vorher etwas geschwächten Lebensgeister kehren nach solch einer Pause manchmal gerne gestärkt zurück. 

 

Nach weiteren nassen Kilometern wollen wir diese angenehme Erfahrung in Elie wiederholen, aber entweder lag kein Café dort auf unserem Weg oder wir haben es schlicht übersehen. Im nächsten Ort Earlsferry dasselbe Spiel, wieder keine Einkehrmöglichkeit, und welcher Wanderer, der mehr als 30 Kilometer Tagespensum vor sich weiß, rennt schon die Straßen rauf und runter, um eventuell doch eine zu finden? Und irgendeine Bank im Regen ist auch nicht unbedingt das, was man sich so vorstellt.

 

Leider kommt genau jetzt der Moment, an dem Dieters Fuß sich wieder meldet. Diesmal ist es nicht sein Zeh, der ihm Pein bereitet, sondern ein altes Leiden, sein Fußballen. Tragischerweise ist zur selben Zeit festzustellen, dass die Strecke nicht unbedingt einfacher wird. Vor uns liegt eine kleine Dünenlandschaft, die die West Bay von einem Golfplatz trennt, danach geht es steil hinauf auf eine Klippe und anschließend ähnlich steil auch wieder hinunter. Die Wegqualität ist vorhersehbar: ein enger, unebener, wegen des Regens teilweise sehr glitschiger Pfad. Dieter wird ruhiger, langsamer - Wanderbegeisterung sieht anders aus. 

 

Steinstufe um Steinstufe mühen wir uns den Anstieg auf die Klippe hinauf. Auf halber Höhe kündigt sich ein kleiner Trost an: Am Pfadrand steht eine Bank im Schatten eines dicken Sandsteinfelsens. Hier muss Rast gemacht werden, zumal der Regen tatsächlich aufgehört hat. Zeit fürs Mittagessen: Zwei Bananen, die ich heute Morgen am Frühstücksbuffet habe mitgehen lassen, und ein paar Kekse verschwinden in meinen hungrigen Magen. Für Dieter steht fest: Er will so bald wie möglich die Etappe abbrechen, aber wo... und wie weiter? Wie kann er zur Unterkunft nach Leven kommen? Wir überlegen und überlegen, schauen auf die Wanderkarte, ziehen einen Busfahrplan zu Rate. Ergebnis: Wir müssen erstmal über den Berg, also weiter die Steinstufen hoch, dann auf der anderen Seite hinunter bis zum großen Campingplatz. Vielleicht ergibt sich dort irgendwas.

 

Als wir unsere Bankpause und die restlichen Steinstufen hinter uns haben, wird der Weg nicht unbedingt einfacher. Im Gegenteil! Als schmaler, sehr schmaler Pfad zieht er sich am sehr steil abfallenden Hang dahin - und er ist rutschig wie Schmierseife. Es wird etwas haarig mit meinem Wheelie, und einmal habe ich Glück, dass ich mich noch so gerade mit der rechten Hand an einem Grasbüschel festhalten kann, während Füße und Wheelie bereits langsam in eine Richtung rutschen, die besser nicht meine sein sollte.

 

Doch irgendwann haben wir auch das geschafft, haben die Steinstufen bergab ebenfalls hinter uns, genauso wie den schmalen, unebenen, sich noch lang hinziehenden Pfad bis zum Campingplatz - und Dieter hat endgültig genug. Weiter geht es mit ihm heute nicht. Im Campingplatz-Café fragen wir nach der Möglichkeit, mit einem Bus nach Leven zu kommen. Nach einigen Überlegungen und Ratschlägen erklärt sich ein Mitarbeiter der Campingplatz-Verwaltung bereit, Dieter in den nächstgelegenen Ort zu fahren, von wo in einer halben Stunde ein Bus nach Leven fährt. Hört sich nach einer prima Lösung an, zumal der nette Mitarbeiter auch noch meinen Wheelie mit in seinen Wagen verstaut, damit Dieter ihn mit nach Leven nehmen kann. Denn ich gehe die restlichen zehn Kilometer natürlich auch noch - und ohne Wheelie natürlich besser und schneller.

 

Während Dieter im Auto Richtung Bushaltestelle verschwindet, trinke ich noch in Ruhe meinen Kaffee aus und ziehe dann wieder los. Glücklicherweise wird es ab sofort recht einfach. Die Ebbe erlaubt mir zwei ausgedehnte Gänge über die Strände der Largo Bay, nur unterbrochen durch etwa zwei Kilometer auf einer alten Bahntrasse oder über den Asphalt der kleinen Straßen von Lower Largo.

 

Zwei Stunden später bin ich nach insgesamt 36,5 km in unserem "Caledonia Hotel" in Leven - und Dieter ist auch gerade angekommen, jawohl, gerade erst. Sein Bus hatte bei der vorgesehenen Haltestelle 85 Minuten Verspätung! Wie das geht? Anscheinend ist er komplett ausgefallen! Als sich Dieter, nach einiger Wartezeit natürlich hochgradig angefressen, bei der Busgesellschaft telefonisch nach dem Verbleib des Busses erkundigen will, muss er feststellen, dass sein Handy leer ist. Also bleibt ihm nur, mit viel Groll, aber auch Hoffnung im Herzen, auf den nächsten Bus zu warten. Tja, auf diese Art und Weise ist man dann nicht viel schneller als ein Wanderer.

 

Das Schöne an Dieter ist, dass er nach gewisser Zeit nach allen Schmerzen und Missgeschicken wieder lachen kann, und nach ein paar Bier und Whisky sowieso.

 

 

Sieh dir meinen 36,5 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/613331623

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Samstag, 18 Juni 2016 22:35)

    36,5 km ?????????????????
    Reinhard, bist Du eigentlich noch gescheit?
    Nee-nee - kopfschüttel

    Lore, die alles, was mehr als 20 km ist, schon als sehr anstrengend bezeichnet

  • #2

    Die Pilgertochter (Sonntag, 19 Juni 2016 09:53)

    Papa, so langsam fängt die Heimat an, sich Sorgen zu machen. Übers Handy nicht erreichbar, zwei Tage kein neuer Blogartikel und wenn dann einer kommt, dann so einer??? 36,5 km??? Steilhänge, auf denen man sich an Grasbüscheln festklammert, um nicht abzustürzen? Papa, Papa, pass bloß auf dich auf auf den letzten Metern... Wir wollen dich heile zurück haben!

  • #3

    Lore (Sonntag, 19 Juni 2016 21:10)

    Tja, das mit den gefährlichen Steilhängen, den Grasbüscheln, der Flut und den Prielen, das finden auch Peter und Lore überhaupt nicht entspannend, nicht beruhigend, nicht abenteuerlich, nicht cool, sondern sehr leichtsinnig und verantwortungslos.
    Liebe Wagner-Kinder, es nutzt aber nichts, wenn wir unsere Sorgen kundtun. Auf Rügen ist Papa oberhalb der Steilhänge auch hinter die Absperrung gegangen, um die blöden Kreidefelsen zu fotografieren. Alle Warnungen seitens der Mitwanderer hat er ignoriert. So isser!
    Gruß
    Lore