Heute mal wieder alleine

St Andrews - Crail (18 km)

Vor dem Einschlafen gestern Abend trommelte der Regen auf das Glasdach des kleinen Wintergartens, der zu unserem Zimmer gehört. Ich dachte mir, sehen wir es positiv, alles was jetzt vom Himmel fällt, macht mich morgen nicht mehr nass. Als wir morgens aufstehen, ist zwar immer noch alles grau, aber es scheint tatsächlich nicht mehr zu regnen. Ist ja schon mal was...

 

Dieter ist etwas zuversichtlich. Wiederholte vorsichtige Bewegungsübungen mit seinem kleinen Zeh in Schlafpausen scheinen eine grobe Verletzung oder gar einen Ermüdungsbruch auszuschließen. "Da wächst was raus! Und wenn ich da draufdrücke, tut das weh!" - ???? - Ein Schlangenkopf? Würmer? Oder nur ein dicker, fetter entzündeter Pickel? Jedenfalls reicht die Selbstdiagnose nicht mehr dazu aus, die Notwendigkeit einer Arztkonsultation in St Andrews einzusehen. Schon vor dem Frühstück steht für ihn fest: Mit dem Bus (und mit meinem Wheelie) fährt er gleich nach Crail und guckt dort nach einem Arzt.

 

Ich begleite ihn auf seinen Wunsch hin noch bis zur Hauptstraße, bis zur Bushaltestelle kann es jetzt nicht mehr weit sein. Ich drehe wieder um und begebe mich auf dem kürzesten Weg zurück auf den Fife Coastal Path.

 

Während Dieter schnell und trocken Crail zustrebt, wird es für mich nun (mal wieder) etwas feucht und anstrengend. Anfangs ist der Weg noch einfach zu gehen, aber das soll sich ändern. Susan, unsere Gastgeberin von der Seggie Farm, lag in ihrer Einschätzung wohl nicht verkehrt. Mit meinem Wheelie wäre es sehr schwer geworden, aber das muss ich auch sagen: nicht unmöglich. Es geht Steinstufen rauf und runter - hatte ich schon öfter. Es wird eng auf dem Pfad und wegen des leichten Regens teilweise rutschig - hatte ich auch schon. Risikoreich wird es an keiner Stelle. Trotzdem, mit Wheelie wäre es noch anstrengender geworden und ich hätte viel mehr Zeit benötigt. So genieße ich den Pfad, was mir noch leichter fällt, als nach etwa einer Stunde der Regen tatsächlich aufhört.

 

Ein Problem aber bleibt. In den Beschreibungen des Weges wird immer wieder darauf hingewiesen, dass bestimmte Teilabschnitte des heutigen Weges nicht bei "high tide" zu gehen sind, und diese rückt immer näher. An zwei Stellen muss ich einfach ganz runter ans Wasser, ein Ausweichen über höhere Regionen ist nicht möglich. Ich klettere über Felsen, muss über einen groben Kiesstrand. Èinige Eiderenten und Kormorane beobachten mich, als wollten sie sagen: "Beeil dich, viel Zeit hast du nicht mehr!" Zwischenzeitlich kommt mir der Golfplatz von Kingsbarns beim Cambo Beach zu Hilfe. Entweder führt der Pfad ganz offiziell ein Stück über die Anlage oder ich nehme mir einfach die Freiheit, den grünen Teppich für ein Weilchen zu betrampeln.

 

Doch dann ist Schluss. Das nächste Stück Felsenküste, dass ich überqueren müsste, ist nicht mehr begehbar. Die Flut hat sie eingenommen. Ich muss die vorgeschriebene Alternativroute nehmen, durchs Inland. Keine Küste mehr, kein Strand, das Rauschen der Wellen wird immer leiser. Jetzt sind Getreide- und Kartoffelfelder dran. Große, unaufgeräumte Höfe liegen am Weg, wie so oft schon ohne eine menschliche Regung, ohne Hundegebell, nahezu gespenstisch still. Dann kurz an einer Hauptstraße entlang, nochmal ein Wirtschaftsweg - und ich bin angekommen für heute.

 

Das "Kalliope B&B" liegt etwa einen Kilometer nördlich von Crail. Als ich durch die Eingangstür komme, steht mein Wheelie wohlbehalten im Flur, aber Dieter ist nicht in unserem Zimmer. Philipp, unser Gastgeber, teilt mir mit, dass er in Crail sei. Prima, denke ich mir, er ist beim Arzt. Ich habe bereits geduscht und die Entspannungsphase im Bett eingeläutet, als Dieter strahlend durch die Tür kommt. Als ich ihn umgehend nach der Diagnose des Arztes frage, kann er mir nur mitteilen, dass er gar nicht bei einem Arzt war, weil es in Crail gar keinen Arzt gibt. Na bravo! Ersatzweise war er einkaufen, denn uns ist mal wieder das "Wasser des Lebens" ausgegangen, ein Zustand, den Dieter nun überhaupt nicht ertragen kann. Aber halt: Er hat auch Brot, Wurst und Käse gekauft, da muss man ja fair bleiben. Und außerdem geht es dem Zeh auch schon wieder ganz gut! Immerhin ist er heute bestimmt schon fünf Kilometer gelaufen, zweimal Crail hin und zurück. "Das ging wunderbar!" Na ja...

 

Der Plan für morgen: Dieter geht mit, solange es geht. Wenn es nicht mehr geht, steigt er in einem der nächsten Orte, die von nun an wie auf einer Perlenschnur aufgereiht an der Strecke liegen, in einen Bus ein und fährt damit nach Leven, unserem nächsten Etappenziel. Und da geht er dann zum Arzt. Wer glaubt das?

 

 

Sieh dir meinen 18,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/611029328

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 20:11)

    Whisky ist auch so etwas wie ein Arzt!

    Sehr naive, aber schöne Vorstellung übrigens, dass die Wolken sich irgendwann leergeregnet haben. Dann gibt es für uns hier ja auch noch Hoffnung!

    Armer Dieter, ich hoffe, da wächst nix bösartiges, bissige aus deinem Zeh raus!

  • #2

    Sebastian (Samstag, 18 Juni 2016 09:12)

    Also ich war viel zäher. Hatte überhaupt keine Probleme. ;-)

  • #3

    niels (Mittwoch, 22 Juni 2016 08:34)

    :-D