Kein gutes Gefühl

Guardbridge - St Andrews (10 km)

Unsere nassen Sachen von gestern liegen heute Morgen wieder draußen vor unserer Zimmertür, gewaschen und getrocknet. Ein Dank an die Gastgeberin! Aber das ist nicht ihre einzige gute Tat, die sie uns angedeihen lässt. Viel entscheidender ist ein guter Rat von ihr, der auch gewisse Bedenken von mir, die ich schon die ganze Zeit mit mir herumtrage, bestätigt. 

 

Ich wusste bereits, dass der Fife Coastal Path ab St Andrews südwärts in Abschnitten schwer zu gehen sein wird. Die Informationen, die ich habe, bezogen sich dabei jedoch eher auf die Unpassierbarkeit während der Flut. Die neuen Informationen weisen jetzt zusätzlich noch auf Schwierigkeiten hin, die ich mit meinem Wheelie bekommen könnte. Sowohl unsere Gastgeberin als auch ihr Mann warnen vor einem ganz schmalen Pfad, rechts Zaun, links freier Fall, teilweise sehr steinige oder glatte Abschnitte. Sie raten uns zu zwei alternativen Vorgehensweisen: 1. Überbrücken der nächsten beiden Tage mit einem Taxi (Wie bitte? Geht ja gar nicht!), 2. Gepäck mit einem Taxi transportieren lassen, wie es entlang des Fife Coastal Path oft praktiziert wird. Letztere Alternative hört sich doch schon mal ganz gut an, damit müssen wir nicht auf einen der interessantesten Abschnitte der Wanderung verzichten und würden ein zu hohes Risiko weitestgehend ausschließen. Das mögliche Problem mit der Flut würde zwar weiterhin bestehen, aber in diesem Fall könnten wir ins Inland ausweichen, zur Not wieder über Mauern und Zäune.

 

Beim Abmarsch von der Seggie Farm finden wir draußen wieder einen kuscheligen Novembertag mitten im Juni vor: bestimmt nicht mehr als 10°C, leichter Nieselregen, Nebel, vorherrschende Farbe: Grau. Unsere Regenschirme sind zwar wieder am Wheelie verstaut, aber in Alarmbereitschaft. So etwas wie gestern soll uns nicht nochmal passieren. Die Laune ist nichtsdestotrotz eigentlich ganz gut, denn Dieters Fußprobleme von gestern (Fußballen- und Sehnenschmerz) sind auf wundersame Weise verflogen, worauf er immer wieder begeistert hinweist. Er verschweigt zu diesem Zeitpunkt aber, dass sich ein neues Problem ankündigt: der kleine Zeh des rechten Fußes.

 

Auf einem breiten Radweg marschieren wir St Andrews entgegen, erst recht zügig, dann merke ich, wie Dieter immer ruhiger und zusehends langsamer wird. Ich sehe auch, dass sein Blick nur stur vor seine Füße gerichtet ist - typischer Fall von "Tunnelblick". Schmerzen und Wettertristesse, ein übles Bündnis.

 

Nach knappen sieben Kilometern erreichen wir St Andrews, "Home of Golf". Von jetzt an ist Dieter mehr oder weniger "out of order". Den "Old Golf Course", Mekka des internationalen Golfsports, nimmt er nur noch am Rande wahr, genauso die Universität, die drittälteste Schottlands, und die gewaltige Ruine der Kathedrale. Er humpelt mit mir zur Touristen-Information an der Market Street, wo ich mir eine noch notwendige Wanderkarte kaufen will, und lässt sich dort sofort auf einen Stuhl fallen. Armer Kerl!

 

Welch ein Glück, dass wir heute gar nicht weiter als bis nach St Andrews müssen. Zehn Kilometer sind wenig, können aber manchmal viel zu viel sein. Auch wenn wir nur noch zwei Kilometer von unserer Unterkunft entfernt sind, empfehle ich Dieter eine Rast am kleinen Hafen in einem Container-Imbiss, der sich "Hafencafé" nennt. Die Rast tut ihm vielleicht ganz gut, hilft aber im Endeffekt nicht wirklich. Der letzte Kilometer am East Sand, dem kleineren der beiden Strände von St Andrews, entlang bleibt für Dieter schmerzhaft. So langsam beginnen die Gedanken zu kreisen: Was soll jetzt werden?

 

Im Zimmer unserer Unterkunft präsentiert mir Dieter einigermaßen zerknirscht seinen kleinen Zeh. Dick angeschwollen und rot wie eine Barlampe! Sieht gar nicht gut aus...! Eins steht fest: Morgen kann er auf keinen Fall mitlaufen. Und nur mit einem Tag Pause wird das auch nicht erledigt sein. Ich empfehle ihm, schnellstmöglich einen Arzt aufzusuchen. "Heute geh ich keinen Schritt mehr aus dem Haus!", kommt seine klare Ansage. "Ich fahre morgen mit dem Bus nach Crail (unserem nächsten Tagesziel) und da guck ich mal, ob ich einen Arzt finde." Als wir uns mit unserem Gastgeber unterhalten, ergibt sich eine andere Variante. Morgen früh fährt er Dieter nach dem Frühstück und meinem Abmarsch ins Krankenhaus, wo es eine Orthopädie geben soll. Nach einer Diagnose und einer so oder so ausgefallenen Behandlung fährt Dieter dann mit meinem Wheelie im Bus (oder im Taxi?) nach Crail. Und dann sehen wir weiter...

 

Draußen regnet es schon den ganzen Nachmittag ergiebig. Passt irgendwie zur Gesamtsituation. Nur gut, dass im Moment die Fußball-Europameisterschaft stattfindet. Dieter sitzt vor dem Fernseher. Gerade spielt Rumänien gegen die Schweiz, heute Abend läuft das nächste Spiel. Das lenkt Dieter vielleicht ein wenig ab. Ich will ja optimistisch sein, habe aber kein gutes Gefühl.

 

 

Sieh dir meinen 10,6 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/609996448

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sebastian (Mittwoch, 15 Juni 2016 21:20)

    Aua aua, gute Besserung!

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 19:10)

    Boa, das sollte ich meinem Vater mal zumuten, dass ich solche Wege geh und er muss zu Hause bangen! Ganz schmaler Pfad, rechts Zaun, links freier Fall. Papa, Papa, nicht cool!
    Gute Besserung, armer Dieter!