Neue Schuhe - im Rucksack

Dundee - Guardbridge (28 km)

Als ich am frühen Morgen mein Gesicht vom Bett aus zum Fenster drehe, traue ich fast meinen schlaftrunkenen Augen kaum. Draußen scheint die Sonne und was ich vom Himmel sehen kann, ist blau. Das verstehe ich zwar aufgrund der Wettervorhersage von gestern Abend gar nicht, aber man kann ja auch mal positiv überrascht werden. Entsprechend dynamisch stehe ich auf und werfe mich in die Klamotten. Das Frühstück fällt mal wieder recht spartanisch aus. Zum einen ist dies in einem Hostel sowieso nicht im Programm, zum anderen werfen unsere Vorräte nicht allzu viel ab. Aber es geht ja auch mal betont einfach...

 

Beim Öffnen der Hosteltür dann die Ernüchterung: Von Sonne und blauem Himmel kann keine Rede mehr sein - es regnet aus einem durchweg tiefgrauen Himmel. Der erste Teil der heutigen Wanderung dauert genau drei Minuten, dann stehen wir vor einem Outdoor-Laden. Ich habe es mir überlegt, ich kaufe mir jetzt ein Paar neue Schuhe. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich mit ihnen auch heute schon wandere, ja ob ich überhaupt mit ihnen auf dieser Tour wandern werde. Ich hole mir jetzt leichte Wander-Halbschuhe als Edelreserve und stecke sie in den Tagesrucksack, bis mir von meinem alten Schuh die Sohle abfällt. Vielleicht fällt sie mir aber gar nicht ab, sondern hält heroisch bis zum Ende durch. Dann gehe ich mit ihnen auch bis zum Ende! Ich kann doch meine treuen Begleiter von so vielen hundert Kilometern (sie waren ja schon mit auf dem Grünen Band!) nicht einfach so hier in Schottland "in die Tonne kloppen"! Die haben doch auch eine Seele! Sie haben doch, genau wie drei andere meiner früheren Schuhpaare, zu Hause ein gepflegtes Altenteil verdient! Auf der Baustelle, z.B., oder wenn ich mal wieder im Dorf den Kinderspielplatz saubermache. Ich als Ruheständler und meine alten Schuhe als Ruheständler...!

 

Innerhalb von 20 Minuten sind die neuen Schuhe gekauft, davon entfallen 10 Minuten auf die Zeit, die die junge Verkäuferin benötigt, um mir von meinem ausgesuchten Modell die richtige Größe aus dem Lager zu holen. Dieter holt sich noch einen Regenschutz für seinen Rucksack und einen Buff für die Öhrchen und somit wähnen wir uns bestens ausgerüstet für den Rest unserer Tour.

 

Der leichte Regen hat uns während der Shoppingtour leider nicht den Gefallen getan, den Betrieb einzustellen. Es nieselt weiterhin leise vor sich hin. Das wird auch nicht unbedingt besser, als wir auf der ca. drei Kilometer langen Tay Bridge den Dundee Firth überqueren, wir beiden Fußläufigen im abgesicherten Mittelbereich, der uns umtosende Autoverkehr links und rechts von uns auf den beiden Doppelfahrbahnen. Auf der Brücke frischt der Wind merklich auf und Dieter hat Glück, dass ihm seine Kappe zwar vom Kopf, aber nicht von der Brücke oder auf die viel befahrene Fahrbahn fliegt. Das hätte noch gut in die Reihe von Dieters kleinen Missgeschicken gepasst.

 

Auf der anderen Seite des Dundee Firth marschieren wir auf Tayport zu, ständig auf der gegenüberliegenden Seite die Häuser von Dundee und Broughty Ferry liegen sehend. Tayport selbst merkt man an, dass es nach vielen Jahren als wichtige Fährstation auf der Fahrt in den schottischen Norden nun im wahrsten Sinne des Wortes etwas ins Abseits geraten ist. Der Verkehr läuft an dem Städtchen vorbei, auch wenn der kleine Hafen mit Sportbooten recht gut gefüllt ist. Mit Blick auf diesen Hafen nehmen wir uns im Hafencafé die erste Rast für heute.

 

Von Tayport an wandern wir von jetzt an bis kurz vor Edinburgh auf dem "Fife Coastal Path", einem der bekanntesten Longdistancewalks Schottlands bzw. des gesamten UK. Mal sehen, was er uns in den nächsten Tagen so bringt. Zunächst einmal stärker werdenden Regen und einen großen Wald, Tentsmuir Forest. Mindestens zehn Kilometer sind wir in diesem vor vielen Jahren mit Scottish Pines bepflanzten Dünengelände in Küstennähe auf einer langen Schneise unterwegs, von denen immer wieder andere Schneisen abzweigen. 

 

Irgendwo auf dieser Schneise beginnt irgendwann Dieters heutige Leidenszeit, und das meine ich überhaupt nicht ironisch. Eine Sehne im unteren Wadenbereich bereitet ihm Schmerzen, er humpelt beträchtlich, wird langsamer. Sein Blick, nur noch nach vorne auf den Weg und, nach erfolgreicher Durchquerung des Waldes, auf die Straße gerichtet, spricht Bände. Er benötigt jetzt dringend die nächste Pause, aber sich mal eben hinsetzen und sich gegen einen Baum lehnen ist nicht, es regnet immer stärker. Bis Leuchars, dem nächsten Ort, durch den wir kommen, dauert es noch etwas.

 

Doch dann hat er es geschafft. In Leuchars treffen wir gottseidank auf einen geöffneten Pub und die beste Medizin für Dieter ist immer noch: Schuhe ausziehen und ein Bier, eventuell auch zwei! Genauso geschieht's im "Commercial Arms". Während draußen immer mehr der Regen niedergeht, zaubert das kühle Bier auch wieder ein Lächeln in Dieters Gesicht. Und als wir weiterziehen, ist er sogar relativ entspannt und guter Dinge.

 

Doch dann kommt es ganz dicke! Der Regen nimmt langsam, aber unerbittlich sintflutartige Ausmaße an. Anstatt aber unsere Regenschirme zu bemühen, versuchen wir weiterhin, die letzten zwei, drei Kilometer ohne sie zu bewältigen. Doch irgendwann geht es nicht mehr anders, wenn wir nicht bis auf die Knochen nass werden wollen. Die Wolken scheinen aufgeplatzt, es schüttet wie aus Kannen. Das Wasser steht auf der Straße und auf den Bürgersteigen. Wir achten peinlichst genau darauf, wo die größten Pfützen sind, damit uns die vorbeirauschenden Autos oder LKW nicht ein oder mehrere Ladungen Wasser entgegenschleudern. 

 

Irgendwann stehen wir tropfnass im Flur unserer "Seggie Farm B&B". Unsere Gastgeberin bedauert uns ausreichend, sorgt sich um unsere nasse Kleidung und stopft sie in ihren Trockner. Zur Krönung reicht sie uns nach einer Stunde sogar noch einen Teller voll Selbstgebackenes herein - wie nett!

 

 

Sieh dir meinen 28,2 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/609075047

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 19:02)

    Papa, ich weiß nicht, ob es dir klar ist... aber auch bei der Spielplatzaktion vom Dorf sind Schuhe MIT Sohle durchaus von Vorteil...