Lange rote Leine

Arbroath - Dundee (32 km)

Seit gestern ist die 1000 km - Marke geknackt. Ich klopfe mir heute vor dem Start auf die Schulter und hoffe, dass in Zukunft noch ein paar tausend dazukommen.

 

Als wir unser B&B verlassen, empfangen uns 99,5 % Luftfeuchtigkeit. Auch wenn wir es in Arbroath selbst noch nicht so merken, sobald wir aber wieder auf dem Küstenweg sind, haut uns der Nebel seine Feuchtigkeit wie einen nassen Lappen um die Ohren. Tausende von Tropfen legen sich auf unsere Anoraks und Brillengläser und verfangen sich in unseren Kopf- und Barthaaren. Wir sehen es mal positiv und glauben, dass das unsere altersschwache Lederhaut nur geschmeidiger macht. Und dennoch: Die grauen Tage könnten jetzt mal für eine Weile aufhören. Wohlgemerkt: Wir haben schon lange keinen richtigen Regen mehr gehabt, aber ein wenig Blau in den Himmel und aufs Meer macht doch alles gleich viel freundlicher. Also, Petrus, streng dich mal ein wenig an!

 

Die Menschen am Hafen mögen den Nebel bestimmt auch nicht, denn in kurzen, regelmäßigen Abständen ertönt ein Signalhorn, das den Booten draußen wohl den Weg in den Hafen weisen soll. Mich nervt dieser Ton nach fünf Minuten bereits, wie mag das für die Leute hier sein, die das stundenlang ertragen müssen? Oder hören die das gar nicht mehr?

 

Trotz des Nebels geht es sich hervorragend. Zunächst auf einer Art Seepromenade entlang, später auf gut ausgezeichneten Radwegen. Der Untergrund ist hervorragend, weil meistens Asphalt, und Dieter muss sich nicht über nasses Gras und Unebenheiten aufregen. Wer also zufrieden ist mit seiner Laufspur, wird auch mal belohnt. Am Ortsende, als wir gerade auf einen straßenbegleitenden Radweg einbiegen wollen, stoßen wir am Wegrand überraschend auf einen kleinen Tisch mit Kaltgetränken und einer Dose mit Keksen - zur Selbstbedienung. Daneben befindet sich ein Schreiben, welches darauf hinweist, dass es sich hier um eine "Charity"-Aktion handelt und als ich mich ein wenig umsehe, erblicke ich auch die Spendenbox. Klar, dass ich trinke und spende!

 

Ein Schluck süßer Saft ersetzt aber noch keine Kaffeerast. Kaffee und Tee bekommen wir erst nach fast drei Laufstunden im Café des Leisure Centers von Carnoustie. Selbstbedienung ist angesagt, Plastik-Schalenstühle bestimmen das Mobiliar und im Nebenraum ist eine kleine Spiellandschaft für Kleinkinder aufgebaut. Mütter füttern ihre Kinder am Nebentisch, krabbeln mit ihnen nebenan auf Matten herum oder nehmen die quiekenden Kleinen nach einer Rutschpartie am Fuße einer aufblasbaren Elefantenrutsche in Empfang. Finde ich herrlich! Hier trifft man sich, hier trinkt mein einen Kaffee, hier spielen die Kinder miteinander, hier füttert man sie, hier können Kinder vor Vergnügen kreischen - und niemanden stört es.

 

Hinter Carnoustie verläuft der Weg für einige Kilometer mehr oder weniger schnurgerade an der Eisenbahnlinie entlang, die Arbroath mit Dundee verbindet. Es wird aber nicht eintönig oder gar nervtötend. Die Schienen verschwinden nahezu vollständig hinter Büschen, und nur wenn Züge vorbeirasen, nehmen wir die Bahnlinie überhaupt war. Wir unterhalten uns prächtig und merken so kaum, wie Zeit und Kilometer vergehen. Für mich jedenfalls irgendwie schneller als gedacht sind bald die ersten Häuser von Broughty Ferry zu sehen, das bereits ein Vorort von Dundee ist. Früher allerdings, d.h. bis 1878, war Broughty Ferry wegen seiner Fähre über den Firth of Tay ein bedeutender selbständiger Ort, bevor der Bau der Tay Bridge dies änderte. 

 

Genau am Pier der alten Fähre steht der Pub "The Ship Inn", wo gerade die Wirtin ein paar Stühle vor die Tür stellt. Gleich kommt's, denke ich mir, und prompt: "Ich habe einen unbändigen Durst, komm, lass uns hier ein Bier trinken", meint Dieter, mein durstgeplagter Wanderfreund. Auch wenn die Sonne, die sich mittlerweile mal tatsächlich für eine Stunde durch den Nebel gekämpft hatte, schon wieder hinter Wolken verschwunden ist, bestehe ich darauf, draußen zu sitzen. Mir ist nicht kalt, ich will keine Kneipenluft atmen. Zu meiner Überraschung ordert Dieter kein zweites Pint und wir sind bald wieder unterwegs. 

 

Die letzten Kilometer nach Dundee hinein wollten wir eigentlich gar nicht mehr gehen. Über 30 Kilometer würden es dann wieder werden, und das durch Großstadtgebiet, nicht sehr verlockend. Das könnte man dann auch mit dem Bus machen... Aber eigentlich sind wir noch ganz gut drauf, es ist noch relativ früh und die Strecke am Firth entlang ist auch ganz nett... also los, das packen wir auch noch!

 

Als die Strecke dann gegen Ende doch etwas unattraktiv wird, schlägt das wie erwartet auf Dieters Füße durch. Mit zusammengebissenen Lippen humpelt er in die City von Dundee hinein. Jeder Schritt tut ihm weh. Wir suchen auf der High Street unser Backpacker Hostel. "Bei der Nummer 41 muss das sein. Wo sind hier bloß die verdammten Hausnummern? Wieso können die hier keine Hausnummern neben die Türen schreiben?", knurrt mein waidwunder Wanderfreund. Schließlich finden wir die Hausnummer 71. "Dann kann die 41 nicht weit sein!" Wir gehen weiter... und weiter... Keine Hausnummer mehr! Schließlich merken wir irgendwann, dass die High Street inzwischen einen ganz anderen Namen trägt. Dieter knurrt nicht mehr, er flucht. Er reißt sich die Schuhe von den Füßen. "Bist du dir sicher, dass 41 richtig ist?" Dieter ist sich anscheinend nicht mehr sicher und schaut in seinen Unterlagen nach. Dort findet er als Adresse: High Street 71. Wir haben vor 10 Minuten bereits davorgestanden.

 

Nach mehr als 32 Kilometern sind wir dann endlich doch am Ziel, Dieter humpelnd, aber ohne Frustausbrüche. Kompliment, alter Mann! Aber sein "lustiger" Tag ist noch nicht zu Ende. Unser Twin Room im Hostel verfügt nicht über ein eigenes Bad, wäre für ein Hostel auch ungewöhnlich. Wir finden aber auf der ganzen Etage kein Bad bzw. keine Dusche. Was wir finden ist eine Behindertentoilette mit Dusche. Nun gut, damit kommen wir auch klar...! Dieter geht, wie meistens, zuerst zur Ganzkörperpflege. Als er gerade bereit ist, den heißen Strahl auf sich hinabprasseln zu lassen, fällt ihm zwischen Toilette und Dusche eine rote Schnur auf. "Aha, wieder so'n Ding, woran ich ziehen muss, damit heißes Wasser kommt. Kennt man ja inzwischen." In der Tat gehören diese Ziehleinen oder ein zusätzlicher Schalter zur Inbetriebnahme der Heißwasserversorgung zu Großbritannien hinzu wie Porridge. Also: Dieter zieht! In der Tat fließt heißes Wasser. Aber das wäre auch ohne Ziehen an der Leine geflossen. Plötzlich klopft es aufgeregt an der Tür und eine Stimme erkundigt sich besorgt nach Dieters Wohlbefinden. Man ahnt es: Die rote Leine war der Behinderten-Notruf!

 

 

Sieh dir meinen 32,4 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/608169179

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 18:52)

    Das klingt nach einem sehr nervigen Wandertag. Aber endlich mal wieder eine Ongerbotz, was will man mehr?

    Glückwunsch zum nächsten Tausender, alter Mann!