Schottisches Nationalgericht

Inverbervie - Montrose (26 km)

Der frühe Morgen hält für Dieter ein für ihn unbekanntes Stück schottischer Lebenskultur bereit. Unser Gastgeber William versprach ihm bereits bei unserer Ankunft die eigenhändige Zubereitung eines schottischen Nationalgerichts zum Frühstück, das uns bestimmt geschmacklich begeistern würde: Porridge. Ich musste innerlich etwas grinsen, weiß ich doch aus verschiedenen Aufenthalten in Großbritannien und nach vielen Porridge-Mahlzeiten während meines Jakobsweges mit Töchterchen Anni, dass Porridge seine eigene Geschmacksnuance hat, die nicht jedermanns Sache ist. Und ich müsste mich sehr in Dieter täuschen, wenn es sein Geschmack wäre. Aber er stimmte dem angepriesenen Frühstücksmahl von William zu, wenn auch offensichtlich recht skeptisch.

 

So sitzen wir denn am Morgen am Tisch und warten gespannt auf unseren Porridge. D.h. Dieter ist gespannt auf den Porridge, ich mehr auf sein Gesicht nach dem ersten Löffel. Stolz kredenzt uns William das Ergebnis seiner morgendlichen Kochkunst - und Dieters Augenlider beginnen schon unmittelbar etwas zu flattern. Nun sieht ja Porridge schon farblich etwas nichtssagend aus und bei der Konsistenz fällt einem eigentlich nur ein Wort ein: schleimig. Dieter sticht tapfer mit seinem Löffel in diese Masse, führt sie zum Mund - und seine Gesichtszüge entgleisen. In diesem Moment steht fest: Dieser Mann wird dieses schottische Nationalgericht nicht essen! Zumindest nicht komplett. Ich verschlucke mich bald vor innerlichen Lachkrämpfen an meiner Portion und als mein Teller bereits blitzblank ist (zugegeben: Ich habe zur Geschmacksverfeinerung dem ge(ver-)salzenen Porridge jede Menge Marmelade beigemengt), stochert Dieter noch mit langem Hals und leicht gerümpfter Nase in seinem Brei herum. Nahezu auf der Stirn geschrieben steht ihm die Frage: Wie kann ich es meinem politischen Bruder im Geiste, mit dem ich gestern Abend noch prächtig die sozialistische Fahne geschwungen und so manchen Whisky vernichtet habe, antun, seinen hochangepriesenen Porridge zu verschmähen? Schließlich kommt die Frage, auf die ich eigentlich bereits nach dem ersten Löffel gewartet habe: "Tust du mir einen Gefallen? Kannst du das essen? Ich krieg das nicht runter..." Na klar kann ich! Wenig später habe ich mir auch diese Portion einverleibt und für Dieter bleibt nur der Toast.

 

Beim Abschied vor der Haustür vermeidet William intuitiv die Frage, wie denn nun sein Porridge geschmeckt habe und Dieter kommt von sich aus auch nicht darauf zurück. Dennoch steht für ihn fest: Bei William und Karen hat es ihm so gut gefallen, da möchte er mit seiner Rosi nochmal für eine Woche hin - bei Full Cooked Scottish Breakfast.

 

Unser Weg von Inverbervie Richtung Süden läuft nun einige Kilometer auf einer "dismantled railway" entlang, einer ehemaligen Bahntrasse. Irgendwann mal wurde sie für Queen Victoria gebaut und war die erste Eisenbahn in dieser Region überhaupt. Die Dame reiste gerne durch ihr Land, konnte sich aber wohl nicht mit den Pferde- oder Autokutschen anfreunden. Mit der Eisenbahn ging es da schon komfortabler. Natürlich diente die Bahn anschließend dann nicht nur den königlichen Besuchen, sondern auch dem regionalen Personen- und Warenverkehr. Und heute dient uns ihre Trasse eben als Wanderweg. Aber bequem ist er nicht! Ich habe das Gefühl, als hätte man vor vielen Jahren die Bahnschienen zwar weggeräumt, den Schotter aber liegenlassen. Jedenfalls gehen wir eine ganze Weile über einen sehr unebenen und holprigen Untergrund. 

 

Dafür sind die Örtchen recht nett, die am Weg liegen: Gourdon, Johnshaven. Ehemals sehr geschäftige Fischereihäfen. Johnshaven soll sogar mal der viertwichtigste Fischereihafen Schottlands gewesen sein. Heute kaum vorstellbar, aber wo man das Gefühl hat, dass in manchen ehemals bedeutenden Häfen heute so gut wie nichts mehr läuft, treffen wir in Gourdon und Johnshaven immer noch auf Spuren von einer recht intensiven Hummer- und Krabbenfischerei und von kleinen weiterverarbeitenden Betrieben. Und dennoch ist alles nur ein Hauch von dem, was vor 50 -150 Jahren hier mal losgewesen sein muss.

 

In Johnshaven werden wir auch wieder angesprochen. Der "Eyecatcher" ist immer mein Wheelie. Hat man ja noch nie gesehen, toll! Was ist denn da drin? (Antwort meistens: Eine Gallone Whisky und was fürs Barbecue unterwegs!) Seid Ihr Wanderer? Woher? Wohin? Shetlands??? Unfassbar! Bis zur Grenze? Das ist aber noch weit! Wie lange seid Ihr schon unterwegs? Ungläubige Blicke...

 

Es geht weiter an der Küstenlinie entlang. Die Ebbe hat Felsen freigelegt, Möwen hocken auf ihnen und vor allem Kormorane, viele von ihnen breiten ihre Flügel zum Trocknen aus. Den ganzen Tag über sprüht leichter Nieselregen auf uns herab, ohne dass er auch nur im Geringsten stört. Die Jacke wird kaum nass, aber wir bekommen permanent eine willkommene Erfrischung bei unserem recht strammen Schritt.

 

Irgendwann kommen wir unten an der Küste nicht mehr weiter. War es eine Zeit lang noch sehr schön, auf schmalem Pfad an tief rotbraunen Sandsteinfelsen entlangzugehen, hört irgendwann der Pfad auf. Stürmische See hat ihn "gefressen" und nichts als schwergängigen Kiesel hinterlassen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zur Straße hochzusteigen und wiedermal ein Stück dran entlangzutippeln. 

 

Nach einer Rast auf einer etwas heruntergekommenen Bank bei der Kirche von St Cyrus, die uns für unsere Mittagsrast nur bleibt, da kein Pub am Wege liegt, kommt nochmal ein Höhepunkt: Wenige Meter hinter der Kirche kommen wir an die Kliffkante, die uns unvermittelt einen grandiosen Blick hinunter auf den Strand von St Cyrus vermittelt. Auf schmalem Pfad geht es steil durch die Klippe, an Stechginster und vielen Wildblumen vorbei, hinunter ins "St Cyrus Nature Reserve", einem Gebiet unmittelbar hinter dem Strand und zwischen den Klippen und einer Dünenreihe, durch das einst der River Esk verlief, bevor er sein Wasser in die Nordsee entließ. 

 

Knapp eine Stunde später überqueren wir diesen Fluss auf einem alten Eisenbahnviadukt und sind nach einer weiteren Stunde in Montrose, unserem Ziel für heute. Aus unserem "Chapel House B&B" vermelden wir zwei erfreuliche Nachrichten: Nach einer von Dieter angeforderten Personenwaage können wir erfreut feststellen, dass Dieter nach zweieinhalbwöchiger Wanderung mittlerweile viereinhalb Kilo und ich nach siebeneinhalb Wochen immerhin achteinhalb Kilogramm weggeschwitzt haben. Das ist doch schon ein Anfang...! Weiterhin erfreulich: Die Schuhsohle ist noch dran!

 

 

Sieh dir meinen 26,1 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/605897348

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Sonntag, 12 Juni 2016 12:23)

    Hallo tapferer Dieter,
    als ich vielleicht 4 Jahre alt war und meine Eltern mir abgewöhnen wollten, den Haferschleim aus der Babyflasche zu trinken, bekam ich ihn im Teller serviert. Ich fand ihn so eklig, musste ihn aber essen, weil es doch der gleiche wie aus der Flasche war. Da versagte mein Kreislauf und ich fiel mit dem Gesicht in den Teller mit dem Haferschleim. Das war das Ende dieses Gerichtes für mich. Ich werde deswegen auch nie Porridge probieren.
    Gruß, auch an Reinhard natürlich
    Lore

  • #2

    Dieter (Sonntag, 12 Juni 2016 19:51)

    Hallo Lore,
    ich muss doch den Autor korrigieren: Das erste Mal Porridge "a long time ago" sollte gewiss Null Wiederholung finden. Dafür hab ich ihn gestern gleich zweimal gegessen: zum zweiten und gewiss letzten Mal !!
    Gruß
    Dieter

  • #3

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 17:16)

    Respekt, Vadder! Gleich zwei Portionen Porridge? Dass du überhaupt loslaufen konntest...