Versteckte Kronjuwelen

Stonehaven - Inverbervie (20 km)

Nachdem ich die Sohle von meinem linken Schuh nochmal kräftig gestreichelt habe, ziehen wir pünktlich um 9 Uhr von unserem kleinen "Hotel Belvedere" in Stonehaven los. Das Wetter an diesem Morgen ist so, wie es schon seit ein paar Tagen jeden Morgen ist: bedeckt, dazu fast windstill und nicht kalt. Nachmittags lockern die Wolken meist auf und die Sonne macht sich bemerkbar. Besseres Wanderwetter kann es kaum geben. Mal sehen, wie lange das noch so weitergeht.

 

Direkt hinter Stonehaven müssen wir wieder Höhe gewinnen. Unser Weg verläuft für die nächsten zwei Kilometer nun als Pfad oberhalb der Klippen bis zum Dunnotar Castle. Noch ehe wir die Höhe erreicht haben, eröffnen sich uns Postkartenblicke zurück auf Stonehaven. Strand, Stadt, Hafen - Dieter findet alleine jetzt doppelt so viele Fotomotive wie gestern am ganzen Tag zusammen und ist wieder mit der Welt zufrieden.

 

Kaum haben wir die Hügelkuppe überschritten, kommt auch schon Dunnotar Castle in den Blick. Der Reiz dieser Burganlage, bestehend aus elf zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert errichteten Gebäuden, liegt vor allem in seiner malerischen Lage. Die Burgruine steht auf einem Felsen aus rotem Sandstein in der Nordsee, der nur durch einen schmalen Pfad vom Festland aus zu erreichen ist. Das Hochplateau hat eine Fläche von rund vier Hektar und ist von steil abfallenden Klippen (50 m hoch) umgeben. Diese strategisch günstige Lage erlaubte seinen Besitzern nicht nur, die nordschottischen Schifffahrtsrouten, sondern auch die Küste und die Hügel des Hinterlandes zu kontrollieren. 

 

Während der Englischen Bürgerkriege wurden im Castle die Schottischen Kronjuwelen vor den in Schottland einfallenden Truppen Oliver Cromwells versteckt. Als Cromwell das Castle belagerte und zur Kapitulation aufforderte, wurden die Kronjuwelen heimlich ausgelagert. Über das Wie werden zwei Varianten erzählt: Die eine besagt, dass Krone, Zepter und Schwert zwischen Säcken mit Waren versteckt und so hinausgeschafft wurden. Eine andere Quelle berichtet, die Kronjuwelen seien zum Strand hinuntergelassen, dann von Bediensteten in einem Behälter mit Seetang weggebracht und unter dem Fußboden der nahegelegenen alten Kirche von Kinneff vergraben worden. Erst neun Jahre später wurden sie wieder aus der Kirche gebracht und dem wiedereingesetzten schottischen König übergeben.

 

Dieter und ich stehen am Anfang einer Treppe, die in vielen, vielen Stufen zunächst tief hinunter fast auf Meereshöhe führt, um anschließend wieder auf das Plateau der Burganlage aufzusteigen. Für Dieter steht schnell fest, dass er ja eigentlich schon sehr viele schottische Burgruinen gesehen habe und dass er sie ja auch von hier schon ganz gut habe fotografieren können... und überhaupt... Mir fällt ein, dass ich vor Jahren auch schon mal hier war und die Anlage sehr eingehend besichtigt habe und der Eintritt ganz schön teuer war... und auch überhaupt... Wir schauen nochmal anerkennend zu dieser für die schottische Geschichte so bedeutsamen Burg hinüber und gehen weiter.

 

Auf kaum befahrenen kleinen Straßen, mit weiten Blicken über Raps- und Getreidefelder und die im Dunst sich verlierende Nordsee, kommen wir zu den Ruinen des vor 90 Jahren aufgegebenen ehemaligen Fischerdorfes Crawton, d.h. es bestand mal nur aus Ruinen, mittlerweile ist das ein oder andere Cottage wieder instandgesetzt und ein Haus sogar neu gebaut worden. Es regt sich wieder Leben in diesem so idyllisch gelegenen Dörfchen am Klippenrand.

 

Unmittelbar vor Catterline stoßen wie mal wieder auf die Markierungshinweise der National Cycle Route 1. Seit den Shetlands kreuzen sich unsere Wege immer wieder oder laufen eine Zeit lang zusammen. Das wird sich auch bis zum Schluss nicht ändern. 

 

Heute ist in Inverbervie Schluss. Obwohl der Weg heute nicht weit war, kommen wir erst relativ spät in unsere Privatunterkunft. Per E:mail wurden wir gebeten, erst ab 16.30 Uhr zu erscheinen, da man selbst nicht früher zu Hause sei. Wir kennen das und laufen in Inverbervie einen Pub an, um mit drei Bier (zwei für Dieter, eins für mich) die Wartezeit zu überbrücken. Unsere Gastgeber scheinen aber schon auf uns gewartet zu haben, denn kaum stehen wir vor der Tür, wird diese schon aufgerissen und William begrüßt uns. Zusammen mit seiner Frau führt er uns in den Garten - und siehe da, unser Domizil für heute Nacht ist ein Gartenhaus! Und zwar keins der Kategorie Gartengeräteschuppen, sondern mit einem Grundmaß, wie wir es noch nie vorher in einem Zimmer gehabt haben. Selbst für eine Essecke und einen Billardtisch ist Platz genug und fast würde auch noch eine Tischtennisplatte reinpassen. Einziger Haken: Es gibt mal wieder, wie eigentlich in allen Privatzimmern, nur ein Doppelbett und nicht zwei Einzelbetten. Dabei ist für mich nicht das Doppelbett an sich das Problem, sondern die Tatsache, dass diese immer nur eine Decke haben. Bei Eheleuten mag das ja noch für eine gewisse Zeit einen Sinn haben, aber bei uns zwei Kerlen?! Grässlich! Na ja, sooo schlimm auch wieder nicht..., aber wenn er mir die Decke wegzieht, trete ich ihn aus dem Bett!

 

 

Sieh dir meinen 20,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/604872369

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Sebastian (Freitag, 10 Juni 2016 22:16)

    Na dann kuschelt mal schön ;-)

  • #2

    Renate Z. (Samstag, 11 Juni 2016 15:00)

    Dann müsst ihr halt mal wie Löffelchen liegen....:)

  • #3

    Peter (Samstag, 11 Juni 2016 20:48)

    das Doppelbett ist ja ok, aber eine gemeinsame Decke ist bei zwei Kerlen schon etwas grottig.
    Ein Etagenbett wäre besser . Wie dem auch sei, die Bilder sind prima.
    Gruß aus Lohmar auch an Dieter
    Peter

  • #4

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 16:01)

    Na, das ist ja mal ne Kampfansage! Hoffentlich tritt Dieter nicht schneller...