Ein kleiner Kreis schließt sich

Newburgh - Aberdeen (27 km)

Unmittelbar neben dem "Newburgh Inn" führt eine kleine Straße nach wenigen hundert Metern in die Dünen. Glücklicherweise müssen wir nur eine Dünenreihe auf einem tiefen Sandpfad überqueren (und das reicht mir mit meinem Wheelie schon!), und wir sehen das breite Mündungsgebiet des River Ythan mit einer großen Zahl von Eiderenten vor uns. Wir sehen aber auch mit Erleichterung, dass weite Flächen nicht mit Wasser bedeckt sind, d.h. die Flut hat noch nicht eingesetzt. Dem nächsten schier endlosen Strandgang steht also nichts mehr im Wege.

 

Unmittelbar von dort, wo der Fluss in die Nordsee einmündet, hören wir ein vielstimmiges und nahezu schauriges Geheul. Was im ersten Moment von weitem aussah wie eine Ansammlung von grauen und schwarzen Felsen, entpuppt sich als eine Kolonie von mehreren hundert Seehunden. Eng liegen diese Kolosse nebeneinander, teilweise unbeweglich oder sich räkelnd, heulend oder scheinbar schlafend, den Kopf drehend und wendend oder mit den Flossen schlagend, über den Sand oder durchs flache Wasser robbend.

 

Nahe an der Wasserlinie erreichen Dieter und ich bald wieder den festen Sand, den wir zum Gehen brauchen. Jetzt wieder einfach nur "Strecke machen"! Fast 20 km Strand liegen nun vor uns, rechts die Dünen, links das Meer, über uns ein leicht bedeckter Himmel, unter uns nur Sand... Sand... Sand... Es ist ein ruhiger Tag, nur leichte Wellen rollen heran und wenn wir überhaupt etwas Wind verspüren, dann schiebt er uns sanft von hinten an. Dass die Sonne nicht von einem blauen Himmel scheint, stört uns nicht sehr.

 

Durch die Ebbe ist der Strand ungeheuer breit. Manchmal wissen wir sogar nicht genau, ob das jetzt noch der eigentliche Strand ist oder es bereits vorgelagerte Sandbänke sind. Mehr oder weniger breite Wasserrinnen durchziehen die Sandfläche und zwingen uns immer mal wieder, von unserem zügigen Schritt abzuweichen. Mit langen Schritten oder kleinen Hüpfern versuchen wir zunächst, die Rinnen zu überwinden, suchen die Stellen, wo die geringste Wassertiefe ist, doch irgendwann ist es uns egal und wir latschen einfach durch.

 

Meist sind wir mit den Möwen oder dem ein oder anderen Oystercatcher allein auf diesem fast endlosen Strandgang. Vielleicht treffen wir zehn Menschen, mehr nicht. Aber diese zehn Menschen führen zusammen etwa 30 Hunde aus, eine Frau alleine ist bereits mit 10 Hunden der unterschiedlichsten Rassen unterwegs. Für die Hundehalter ist natürlich der Gassigang über den Strand ideal. Während ansonsten in den Straßen oder den öffentlichen Anlagen mit sehr deutlichen Hinweisen und Ermahnungen auf den Gebrauch der Hundetüten hingewiesen wird, so sieht man am Strand wohl darüber hinweg. Hier wischt die Flut alles weg.

 

Nach fast drei Stunden Sandtreten wird es Zeit für eine kleine Pause - und ein höchst willkommener Zufall verblüfft mich fast etwas. Seit zwölf Kilometern gab es an diesem Strand nichts anderes als Sand und Wasserrinnen und auf einmal liegt ein wahrhaftiger Klotz von Felsen mitten in der Sandfläche. Wieso liegt jetzt hier so ein Felsen rum? Wir hätten sonst nur drei Möglichkeiten gehabt: uns in den feuchten Sand setzen, weiter Richtung Dünen durch tiefen, trockenen Sand stapfen, um uns dort irgendwo niederzulassen oder weitergehen. Aber nein, da liegt da so ein "Picknickplatz" auf einmal einladend vor uns im Sand. Wir klimmen auf ihn hinauf, machen die Beine lang und danken dem, der vielleicht irgendwann mal dieses Exemplar hierhin gerollt hat.

 

Schon lange sehen wir weit im Süden eine Landspitze mit einem Leuchtturm in die See hinausragen. Dort hinten liegt Aberdeen, unser heutiges Ziel. Wir gehen und gehen, aber die Stadt kommt kaum näher. Immer öfter passiert es nun, dass die glatten, festen Sandflächen auf unserem Strand immer seltener werden. Die Flut läuft ein und nimmt uns immer mehr von unserer "Rennstrecke". Der Sand wird tiefer, die Wasserrinnen genauso, steinige Abschnitte nehmen zu, kurzum, es wird immer anstrengender. 

 

Gaaanz, gaaanz langsam kommt Aberdeen, die Großstadt zwischen Don und Dee, näher. Das Gehen im tiefen Sand wird immer beschwerlicher. Endlich kommen wir an den Punkt, wo der Don in die Nordsee mündet, und haben damit das Stadtgebiet von Aberdeen endlich erreicht. Wir überqueren die Brücke und haben jetzt nochmal für ein paar Kilometer einen Strand vor uns, diesmal aber den offiziellen Bade- und Familienstrand von Aberdeen. Von der langen Strandpromenade aus sehen wir aber weder Badende noch Familien am Strand, denn auch wenn sich inzwischen die Sonne etwas mehr gegen die Wolken durchgesetzt hat, dürfte das Baden in der Nordsee bei 13 °C Lufttemperatur nur was für ganz Harte sein.

 

Mit der Gastgeberin unseres Privatzimmers ist vereinbart, dass wir nicht vor 15.30 Uhr vor der Tür stehen. Die meisten der Gastgeber aus dieser Unterkunftssparte gehen nämlich in der Regel noch einem Beruf nach. Mit einer Rast in einem Café bei einem Vergnügungspark zögern wir unsere Ankunft noch etwas hinaus, dann aber wollen wir ankommen. Durch das große, quirlige Hafengebiet kämpfen wir uns durch zu unserer Unterkunft. Plötzlich taucht vor uns die "Hjaltland" auf, die Fähre, mit der ich von Lerwick (Shetlands) nach Kirkwall (Orkneys) übergesetzt habe. Dort, wo sie jetzt beim Terminal der Nortlink Ferries liegt, lag auch mal die "Hrossey", mit der die Kinder und ich vor mehr als sieben Wochen in einer stürmischen Nacht gemeinsam zu den Shetlands aufgebrochen sind. Was war das für eine Seereise, keiner von uns wird sie wohl jemals vergessen...

 

So schließt sich ein erster "kleiner" Kreis. Viel habe ich in dieser Zeit erlebt und gesehen, aber die Reise ist noch nicht vorbei. Erst in drei Wochen bin ich wieder zu Hause. Dieter wohl auch.

 

 

Sieh dir meinen 27,0 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/602729801

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sebastian (Donnerstag, 09 Juni 2016)

    Hui, so viele km nur auf Sand - das kann ganz schön zäh sein oder? Aber das Wellenrauschen hats wohl wieder gut gemacht. An die Fähre kann ich mich sehr wohl noch erinnern :-/

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 15:50)

    Ha! Tatsächlich! Wer könnte sie vergessen? Ich dachte ne ganze Weile nach der Überfahrt immer noch, mir wäre nur von der turbulenten Überfahrt schlecht...