Mist rollin' in from the sea...

Cruden Bay - Newburgh (19 km)

Mein kritischer Blick auf die Schuhsohle gaukelt mir keinen fortschreitenden Verfall vor. Oder ist der Abstand zwischen Schuh und der sich lösenden Sohle doch einen Millimeter größer geworden? Ich bin mir nicht sicher. Dieter hat gestern bereits schon in freundschaftlicher Fürsorge im Internet drei Outdoor-Händler in Aberdeen und Stonehaven (unseren Etappenzielen für morgen und übermorgen) ausfindig gemacht. Vielleicht werde ich sie bemühen müssen. Gefällt mir gar nicht!

 

Zur gleichen Zeit wie gestern stehen wir wieder an der Bushaltestelle in Newburgh und zwanzig Minuten später sind wir in Cruden Bay. Auf zu neuen Taten! Die Sonne hat es noch nicht durch den Hochnebel geschafft, aber die Luft ist angenehm und der Wind tendiert gegen Null. Nur einen Kilometer lang müssen wir an der Hauptstraße entlang, die aus Cruden Bay herausführt. Dann geht es links ab auf eine kleinere Straße und wir stehen am Beginn eines etwa zehn Kilometer langen Marsches durch prächtigstes Farmland. 

 

Soweit wir blicken können steht alles gut im Grün, das Getreide wird immer höher und ein Bauer lädt gerade mit seinem Trecker und einer entsprechenden Maschine das in Reihen liegende Gras auf seinen Hänger. In regelmäßigen Abständen kommen wir an großen Farmen vorbei - auf denen sich nichts rührt. Aus keinem Stall hören wir einen tierischen Laut, kein Hofhund bellt, kein Geräusch, welches auf menschliches Arbeiten schließen ließe, keine Bewegung ist auszumachen. Was ist hier los? Wir haben keine Ahnung und können es uns auch nicht erklären.

 

Die Hoffnung, dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis sich die Sonne wieder gegen den Hochnebel durchsetzen wird, bleibt unerfüllt. Ganz im Gegenteil! Von der See her ziehen, deutlich sichtbar, Nebelschwaden herauf und Dieter und ich denken unabhängig voneinander gleich an den Text des alten schottischen Liedes "Mull of Kintyre", welches auch Paul McCartney sang. "Mist rollin' in from the sea...". Wie eine flauschige, leichte Decke legt sich der Nebel, der aber nicht undurchdringlich wirkt, auf die Landschaft. Irgendwie ist es stiller als sonst, dumpfer. Das einzige, was wir außer unseren eigenen Schritten vernehmen, ist das aufgeregte Tirilieren der Feldlerchen, die wir nur hören, aber durch den Nebel nicht sehen können.

 

Langsam bringt uns das Sträßchen wieder an die Küste heran und wir erreichen das kleine, ehemalige Fischerdorf Collieston. Bei diesem Örtchen ändert sich die Landschaft entlang der Küste abrupt. Konnten wir in den letzten beiden Tagen mal wieder eine stark zerklüftete Klifflandschaft erleben, so liegen von hier aus erneut kilometerlange Strände mit mächtigen Dünenlandschaften vor uns. Nach einer Rast oberhalb von Collieston, mit schönem Blick auf den alten Hafen und die sich um ihn reihenden Häuser, bekommen wir einen ersten Vorgeschmack darauf. Und was für einen!

 

Unmittelbar hinter dem Ort betreten wir das riesige Dünengebiet der Forvie Sands, ein National Nature Reserve, das größte Dünengebiet Europas. Von Collieston aus erstreckt es sich fünf Kilometer weit bis zum River Ythan bei Newburgh und zwei Kilometer weit ins Landesinnere. An der Küste fallen die Dünen wie Klippen zum Meer hin ab, und auf angenehmen Pfaden durch die Dünen finden sich immer wieder Blicke auf Felsformationen und kleine Strände. Als wir uns etwa nach halber Strecke der Nord-Süd-Ausdehnung vom Küstenbereich ins Innere der Dünenlandschaft wenden, kommen wir an den Resten der Forvie Kirk vorbei. Sie sind alles, was man heute noch von Forvie sehen kann, einst eine florierende Siedlungsgemeinschaft, im Jahr 1413 aber durch eine Reihe brutaler Stürme unter schnell vorwärtsschreitenden Dünen komplett begraben. Was mag sich damals hier abgespielt haben? Nicht auszudenken...

 

Tatsächlich dauert es nochmal eine ganze Weile bis wir die Forvie Sands auch in Ost-West-Richtung durchmessen haben, eine eigenartige, nur mit Dünengras bewachsene Landschaft. Erst kurz vor den Ufern des River Ythan, an dessen anderem Ufer wir - immer noch im leichten Nebel - die ersten Häuser von Newburgh sehen, haben wir dieses große und beeindruckende Naturschutzgebiet hinter uns. Über eine Brücke überqueren wir den Fluss und laufen den letzten Kilometer auf einem Uferpfad Newburgh entgegen.

 

Jetzt sind wir endlich auch zu Fuß dort angekommen, wo wir bereits zweimal übernachtet haben. 

 

 

Sieh dir meinen 18,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/601521201

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wanderin (Mittwoch, 08 Juni 2016 14:16)

    https://www.youtube.com/watch?v=dI8fRjmeinw
    Mull of Kintyre

    Reinhard, bei nächster Gitarrengelegenheit mit Wandergruppe sing/spiel es bitte.
    Klar, keine Ausrede, ist in Deinem Repertoire!

    (Hoffentlich akzeptiert die Kommentarfunktion Links.)

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 15:42)

    Hätteste doch mal das Panzertape mitgenommen! Damit hättest du die SohlenAblösung verhindern oder wenigstens doch locker um drei Wochen verzögern können.