Grandiose Klippenküste von Buchan

Peterhead - Cruden Bay (16 km)

Seit gestern liegt etwas Kummer auf meiner Wandererseele. Einer meiner beiden Schuhe scheint sich in den Ruhestand verabschieden zu wollen, die Sohle an der Ferse löst sich. Drei Wochen werden die Schuhe noch gebraucht, ich bezweifle, ob sie das schaffen. Was tun? Drauf setzen, dass es noch reicht? Oder übermorgen in Aberdeen einen Schuster aufsuchen (und vor allem finden), der mir den Schaden nochmal notdürftig repariert? Oder direkt ein Paar neue Schuhe kaufen und mit uneingelaufenen Exemplaren weiterlaufen? Fragen über Fragen - aber heute Scheuklappen vor und erstmal los.

 

Zuerst müssen wir - wieder mal nur mit leichtem Gepäck - mit dem Bus nach Peterhead zurück. Um 9.30 Uhr sind wir da und lassen uns am großen Hafen raussetzen. Von dort steuern wir auf den mächtigen Blickfang zu, der zunächst die Küste optisch beherrscht: das Gaskraftwerk kurz vor dem kleinen ehemaligen Fischerdorf Boddam. War bis vor noch gar nicht so langer Zeit der rot-weiße Leuchtturm von Boddam mit seinen 35 m Höhe das auffälligste Bauwerk in Blickrichtung Süden, so ist es nun dieses Monstrum von "Power Station", das den Leuchtturm nahezu winzig erscheinen lässt. Zwischen dem Sicherheitszaun des Kraftwerks und der Felsenküste passen wir so gerade auf einem schmalen Pfad hindurch, lassen Boddam mit seinem fast 190 Jahre alten Leuchtturm hinter uns und sind wenig später auf der Landstraße. Die Straße ist nicht sehr breit, trotzdem aber ist sie ganz schön befahren. Es wäre recht riskant, selbst hart am Straßenrand zu gehen, deshalb nehmen wir den Pfad unmittelbar daneben. Dieser aber ist sehr uneben und nötigt uns viel Konzentration, ja sogar Anstrengung ab. Als Alternative wird uns für eine kurze Weile eine alte Bahntrasse angeboten, die aber, wie sich bald herausstellt, in Teilen unpassierbar ist. Das Schönste noch an diesen etwa drei Kilometern sind einige Longhornrinder, die nahebei auf der Weide stehen und uns offensichtlich ohne eine Spur von Mitleid hinterhersehen.

 

Doch auch das hat irgendwann einmal ein Ende und der wirklich schöne Teil des Tages beginnt. Auf einem Wirtschaftsweg bewegen wir uns fort von der Straße und wo vorhin noch reger Autoverkehr oder große Weiden mit hunderten von Schafen unsere Blicke beherrschten, ist es fast unvermittelt die fantastisch sich vor uns ausbreitende Klippenküste von Buchan, ein Gebiet, das sich über mehrere Kilometer nach Süden erstreckt und wohl zu den spektakulärsten Küstenabschnitten des schottischen Festlands zählt.

 

Ein schmaler Trampelpfad führt an den Klippen entlang und umläuft die verschiedenen Meereseinbuchtungen. Ich freue mich einmal mehr, heute ohne Wheelie unterwegs sein zu können. Natürlich hätte es auch mit ihm wieder irgendwie geklappt, aber wenn es neben einem nahezu senkrecht 30 m und mehr hinabgeht, läuft es sich ohne weitere Belastung doch stressfreier. Immer wieder bleiben Dieter und ich stehen, schauen in Tiefe auf das Wasser hinab oder hinüber auf die senkrechten Wände der gegenüberliegenden Klippen mit ihren Seevögelkolonien, auf die Felseninseln und Felsenbögen, die die Natur in Jahrhunderttausenden hat entstehen lassen, hören das Rauschen des Wassers tief unter uns und das Schreien der Vögel in der Luft, auf dem Wasser oder in ihren Brutnischen in den Klippenwänden. Blumen wachsen pink, rot und gelb am Pfadrand, die Sonne scheint, Himmel und Meer sind blau - es ist einfach mal wieder eine Wonne.

 

Bei einer besonderen Stelle an diesem Küstenabschnitt, den "Bullers of Buchan", setzen wir uns ins Gras, lehnen uns an einen großen Stein und legen eine Rast ein. Schuhe aus, Luft an die Füße, die vor fünf Tagen in den Rucksack gepackte Banane hat es überlebt und kann gegessen werden, dazu ein paar Schokokekse und ein Schluck aus der Wasserflasche, mehr braucht man nicht. Bei den "Bullers of Buchan" handelt es sich um eine eingestürzte Felsenhöhle, die jetzt einen fast kreisrunden und 30 m tiefen "Topf" bildet. Das Meer bricht durch einen nahezu majestätischen Felsentorbogen ein, was vor allem bei stürmischem Wetter ein grandioses Schauspiel sein muss. Doch jetzt ist es ruhig hier, friedlich, sonnig - und trotzdem überwältigend.

 

Weiter laufen wir an der Klippenküste entlang, staunen, fotografieren. Auch der Trampelpfad ist uneben und nur mit Konzentration zu gehen, aber wir nehmen es nicht so wahr. Die Schönheit dieser Natur beschäftigt uns mehr. Weit im Süden, gegen die Sonne, erscheint nun die Silhouette von Slains Castle. Es dauert eine Weile bis wir die Ruine erreicht haben. Als das Castle noch keine Ruine war, inspirierte sie den Schriftsteller Bram Stoker zu seinem berühmten Dracula-Roman, den er im Hotel "The Kilmarnock Arms" in Cruden Bay niederschrieb. Nach mehreren Renovierungs- und Erweiterungsmaßnahmen verfiel Slains Castle, bis 2007 Pläne genehmigten wurden, es wieder instandzusetzen und mit Luxusappartements auszustatten. Dabei hatte man vor allem die Golfer-Gesellschaft im Blick, die sich regelmäßig auf dem nahegelegenen Golf Course von Cruden Bay traf und immer trifft. Die Konjunkturkrise legte die Pläne erstmal auf Eis.

 

Am Slaines Castle endet für heute unsere Klippenwanderung entlang der Küste von Buchan. Nach einem letzten Kilometer sind wir in Cruden Bay, unserem heutigen Etappenziel. An der Straße mitten im Ort stoßen wir auf eine Bushaltestelle und zu unserer großen Freude fährt zehn Minuten später ein Bus Richtung Newburgh. Perfektes Timing! Wo wir heute in den Bus einsteigen, steigen wir morgen wieder aus.

 

 

Sieh dir meinen 16,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/600526161

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 15:32)

    Papa! Man braucht sehr wohl mehr als nur eine

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 15:34)

    (Huppala, zu schnell auf "senden" gedrückt!)

    n Schluck aus der Wasserflasche! Das solltest du nach deinen Erfahrungen nach dem Jakobsweg wohl wissen!