Fast eine Bauchlandung

Rattray Head - Peterhead (14 km)

Unsere Birdwatcher bleiben noch einen Tag länger als wir im Rattray Hostel. Nach einem gemeinsamen Frühstück verabschieden wir uns voneinander, bedanken uns für nette Gespräche und das gegenseitige Nachfüllen der Whiskygläser und wünschen uns untereinander noch schöne Tage bei den Vögeln und auf den Wanderwegen. Handschlag - und tschüss!

 

Durch die Dünen kommen wir wieder an den Strand und laufen direkt auf den Leuchtturm von Rattray Head zu. Über 120 Jahre lang steht er nun schon an seinem Platz. Sein unterer Teil ist 15 m hoch, in diesem befindet sich auf etwa 10 m Höhe die Eingangstür, die nur über eine Leiter erreichbar ist. Die Leiter ist aber nur einsetzbar beim Tiefststand der Ebbe, denn dann kann man trockenen Fußes zum Leuchtturm gelangen. Bei Fluthöchststand gelingt das Öffnen der Tür auch von einem Boot aus. Zusammen mit der oberen, typischen Leuchtturmkonstruktion bringt es das Bauwerk auf insgesamt etwa 40 m. 1982 wurde die Signalanlage automatisiert und der Leuchtturmwärter war überflüssig.

 

Wieder würde ich gerne eine Zeitmaschine bemühen: Losziehen mit dem Leuchtturmwärter unter den Bedingungen vor etwa 100 Jahren, bei unruhiger See mit dem Boot übersetzen, eine Nacht lang den Dienst versehen und dabei ständig die Paraffinlampe kontrollieren. Am Tag ist bei Nebel der Dienst noch nicht zu Ende: angestrengtes Ausschauhalten nach sich nähernden Schiffen und Booten, das Nebelhorn betätigen - welch eine Verantwortung...

 

Wir wenden uns in Blickrichtung Süden - und vor uns erstreckt sich unser Wanderweg für den heutigen Tag: Sand... Sand... Sand. Zwölf Kilometer lang werden wir Sand treten - wenn die einkommende Flut es zulässt. Aber eigentlich sind wir da sehr zuversichtlich, denn der Betreiber des Hostels hatte Dieter bereits gestern auf Anfrage versichert, dass es auch bei Flut möglich sei. Die Frage ist nur: Wie lange wird man auf einigermaßen festem Sand laufen können? Müssen wir irgendwann mal in den höheren Bereich des Strandes ausweichen, wo der Sand tief ist und es für uns damit - und erst recht mit meinem Wheelie - zu mühsam oder gar unmöglich wird? Und wenn dies eintreten sollte, kommen wir problemlos über die riesigen Dünen?

 

Wir ziehen einfach los, wird schon! Versteckte sich gestern noch die Sonne hinter hohen Wolken, ist sie heute in voller Pracht vertreten. Der Wind ist gegenüber gestern stark abgeklungen, also alles in allem hervorragende Bedingungen für einen weiteren Beach Walk. Es geht sich gut, der Wheelie rollt, der Sand ist fest, der Strand ist (noch) breit. Bald tauchen hinter den Dünen Stahlgerüsttürme auf, aus deren Spitzen Flammen schlagen. Hier wird abgefackelt. Wir nähern uns dem großen St Fergus Gas Terminal. Es erhält und verarbeitet Gas von über 20 Nordsee-Förderfeldern und versorgt damit 20 % des täglichen Erdgasbedarfs des Vereinigten Königreiches. Trotzdem - irgendwie passt es nicht in diese Natur.

 

Schöner ist da der Blick auf eine riesige Ansammlung von Möwen, die sich weit voraus am Strand versammelt hat. Je näher wir kommen, desto nervöser scheinen sie zu werden. Die ersten von ihnen flattern auf, zuerst nur wenige, dann - wie auf ein verabredetes Zeichen - alle. Wie eine Wolke vereinigt fliegen sie zuerst gemeinsam auf die See hinaus, verteilen sich dann in mehrere Gruppen und landen wieder auf dem Strand, diesmal nur ein paar hundert Meter weiter entfernt. Als wir an ihrem alten Standort vorbeigehen, sieht man überdeutlich ihre Hinterlassenschaften auf dem Sand und ich bin mit meinem Wheelie zu einem kleinen Slalom gezwungen. Doch ähnlich wie bei den menschlichen Fußspuren vor uns im Sand und unseren eigenen hinter uns, werden auch diese Spuren bald von den Wellen weggewischt werden. 

 

Was mich bei jeder Strandwanderung wieder wundert, ist das Fehlen von nahezu jeder Muschel. Über weite Flächen liegt nichts, aber auch gar nichts auf dem Sand. Irgendwann mal verstreut kleine bis faustgroße Kiesel, etwas Seetang, leider auch Überreste menschlicher Umweltsünden: Plastik in jeder Ausführung. Dann entdecke ich eine kleine Besonderheit: Ein vierzackiger Wurfanker liegt im Sand, umschlungen von etwas Seetang. Wozu mag er mal gehört haben, welche Geschichte kann er von sich, seiner Reise und seiner Aufgabe erzählen?

 

Viel zu erzählen von ihrem Leben haben bestimmt die beiden alten Männer, die auf Klappstühlen ganz in der Nähe der heranrollenden Wellen bei ihren ausgeworfenen Angeln sitzen. Dick in Ölzeug eingepackt, mit wettergegerbten Gesichtern hoffen sie auf ihren Fang. Sie warten auf Plattfische, Seezungen, die sie hier schon öfter gefangen haben. Sie sehen mir aber so aus, als hätten sie früher draußen auf See ihre Fische gefangen, vielleicht in ihren eigenen Booten. Trauern sie dieser Zeit hinterher? Jedenfalls ist es für mich fast ein anrührendes Bild, wie diese beiden Alten da sitzen und auf die See hinausschauen.

 

Die Wellen rollen nun immer näher heran, der Strand wird langsam aber sicher immer schmaler. An einigen Stellen werden die Sandflächen, auf die wir ausweichen müssen, weicher und es wird anstrengender. Wir suchen die Nähe der Wasserlinie, aber so manche auslaufende Welle "züngelt" nach unseren Füßen und lässt uns förmlich hüpfen. Unvermittelt geraten wir in eine Sackgasse. Eine Wasserrinne legt sich vor uns quer. Zurück oder durch? Durch! Ich marschiere los - und das Wasser steht mir bis an die Waden. Jetzt auch egal, weiter! Auch die zweite Wade bekommt ihr Nordseewasser ab. Jetzt Dieter! Da er keinen Wheelie hinter sich herschleppen muss, meint er, mit einem beherzten Sprung das Hindernis überwinden zu können. Er nimmt Anlauf, hebt ab - und landet nach einer Sprungweite von ungefähr 80 cm ebenfalls im Wasser. Der Rucksack schlägt ihm in den Nacken und nur mit seiner kolossalen Körperbeherrschung und Gewandtheit kann er eine Bauchlandung verhindern. Beide haben wir nun nasse Salzwasserfüße, aber wen stört das schon. 

 

Ansonsten kommen wir trockenen Fußes in Peterhead an und sind damit tatsächlich nach dreieinhalb Stunden schon am heutigen Ziel. D.h., so ganz stimmt das nicht. Wir werden nicht in Peterhead übernachten, denn sowohl hier, wie auch an unserem morgigen Tagesziel Cruden Bay gibt es keine Unterkunft, die für uns infrage kommt. Daher werden wir nun mit dem Bus zu unserem übernächsten Ziel Newburgh fahren und dort im "Newburgh Inn" Quartier nehmen. Zu einem mehr als günstigen Preis, selbst wenn man die in den nächsten beiden Tagen und heute noch anfallenden Buskosten berücksichtigt.

 

In Peterhead kommen wir zu einer solch günstigen Zeit an, dass es noch für einen kurzen Imbiss reicht, bevor wir in den Bus einsteigen. Da heute Sonntag ist, fällt die Fahrt etwas komplizierter als normal aus und wir müssen umsteigen. Als wir nach fast einer Stunde Fahrt an der Umsteigestation aussteigen, laufen wir einem Ehepaar in die Arme, das in der Nähe des Busstops wohnt und uns nach einem kurzen Gespräch anbietet, uns mit ihrem Wagen nach Newburgh zu fahren. Wir können gar nicht so schnell nicken wie wir zustimmen wollen und sitzen nur wenige Minuten später im Auto.

 

Weitere fünf Minuten später sind wir am "Newburgh Inn", bedanken uns herzlich bei unserem Wohltäter und betreten unsere Unterkunft. Unser Twin-Room ist noch nicht bezugsfertig, macht aber nix, wir können ja draußen in der Sonne solange ein Bier trinken...

 

 

Sieh dir meinen 13,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/599554943

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Montag, 06 Juni 2016 10:42)

    Ich spüre anhand der Fotos und Deiner Beschreibung, Reinhard, dass mir genau diese Strandtour besonders gut gefallen hätte. Zu den Footsteps und den sanften Nordseewellen fallen mir dann auch gleich Liedtexte ein, genau wie zu den Möwen, und "Der alte Mann und das Meer" kommt mir ebenso spontan in den Sinn.

  • #2

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 06:57)

    Na, diesen Stunt hätte ich jauch zu gerne gesehen, Dieter!