Über rötlich schimmernden Sand

Rosehearty - Rattray Head (27 km)

Dieter ist beim Frühstück wohl noch sehr mit den Anstrengungen des gestrigen Tages und mit daraus resultierenden Befürchtungen für heute beschäftigt. Jedenfalls schüttet er sich statt Milch Orangensaft in seinen Kaffee. Ich wäre bald vom Stuhl gefallen.

 

Beim Abmarsch kann man das Wetter nur als trostlos bezeichnen. Die Wolken hängen tief, über der See gibt es keinen Horizont und wir warten förmlich auf den einsetzenden Regen. Nur der Nordwind kommt nicht mehr so kalt daher und bläst auch nicht so kräftig. Und trotzdem donnern gewaltige Wellen gegen die Küste und ich möchte nicht wissen, wie diese Wellen bei einem Wintersturm aussehen. Obwohl..., eigentlich möchte ich es doch wissen. Ich könnte jetzt eine Zeitmaschine gut gebrauchen... nur einmal kurz anschalten... in den Sturm reinsehen... reinhören... und wenn es mir zu dolle wird - wieder abschalten.

 

Im Gleichschritt marschieren wir die Straße entlang. Noch geht das. Noch steht Dieter gut im Saft. Erst wenn wir etwa zwei Stunden unterwegs sind, wird seine Schrittfrequenz geringer und kurz vor dem jeweiligen Ziel sind es eigentlich keine Schritte mehr. Nein, Quatsch, für jemanden, für den der Begriff "Wandern" vor zwei Jahren noch eine Lachnummer war, schlägt er sich hervorragend. Er will sich ja auch selbst was beweisen.

 

Aus leichtem Sprühregen wird kurz vor Fraserburgh ein recht ergiebiger Landregen. Während meine Jacke dem gut standhält, beginnt meine Hose bald vor Nässe an meinen Beinen zu kleben. Als mein Indiana-Jones-Hut auch bald durch ist und ich kurz davor bin, meinen Regenschirm zu zücken, kommen wir in Fraserburgh Zentrum an einem Lebensmittelladen vorbei. Das kommt gut! Hier können wir uns nämlich nicht nur unterstellen, sondern auch noch einkaufen. Dies ist auch notwendig, da wir uns die nächsten mehr als 48 Stunden selbstversorgen müssen. In unserer nächsten Unterkunft, einem Hostel, werden wir weit weg von jedem Laden, jedem Pub und jedem Restaurant sein. Und das nicht nur an einem Abend. Da wir morgen einen Ruhetag einlegen wollen, muss alles in doppelter Ausführung beschafft werden. Dazu noch was fürs Frühstück, für den kleinen Hunger zwischendurch und... - au Mann, hoffentlich überleben wir das überhaupt...

 

Als wir den kleinen Supermarkt verlassen, hat es aufgehört zu regnen. Doch wir geben uns keinen Illusionen hin, diese trockene Phase wird nur von kurzer Dauer sein. Aber immerhin reicht sie, um in aller Ruhe durch den Fischereihafen von Fraserburgh zu gehen, der schon eine Nummer größer ausfällt als die letzten. Recht große Schleppnetzboote liegen an den Kaimauern, Netze sind auf dem Kai ausgelegt und werden von einigen Männern geflickt und ein Fischer verkauft seinen bescheidenen Fang direkt aus seinem kleinen Boot heraus.

 

Schon bald nach dem Hafen kommen wir zum Strand von Fraserburgh, d.h. die Karte sagt uns, dass hier der Strand ist. Wegen der Flut ist außer den Dünen nicht viel von einem Sandstrand zu sehen. Und genau das wirft jetzt eine Frage auf. Wird die Flut in etwa zwei Stunden so weit zurückgegangen sein, dass wir unseren für heute Nachmittag vorgesehenen Strandgang machen können? Wenn das nicht gehen sollte, hätten wir nämlich ein Problem und müssten gewaltige Umwege auf uns nehmen. Viel mehr Kilometer also, viel spätere Ankunft am Tagesziel, nach den 35 Kilometern von gestern keine schöne Vorstellung.

 

Wir verdrängen vorläufig unsere Befürchtungen und ziehen einfach weiter. Nach Inverallochry geht der Regen weiter - und jetzt wird der Regenschirm rausgeholt. Wir müssen ein schönes Bild abgeben, als wir mit unseren Schirmen über den Golfplatz ziehen, der sich zwischen Inverallochry und St Combs an der Küste entlangzieht. 

 

In St Combs muss nach vier Stunden endlich mal Pause sein. Glücklicherweise gibt es hier einen Tearoom, wo uns endlich Trockenheit und Wärme umgibt. Wir sind nicht die einzigen Gäste. Eine ganze Schulklasse ist hier, wie jeden Freitag nach Schulschluss. Denn freitags macht man noch einen Ausflug, kehrt zum Schluss nochmal im örtlichen Tearoom ein und verabschiedet sich dann ins Wochenende. In der Kinderecke sitzen zwei Mütter mit ihren Kleinkindern, trinken dort ihren Kaffee, während die Kleinen jede Menge Spielzeug bearbeiten, und an zwei weiteren Tischen sitzen Senioren bei einem Quätschchen zusammen. Dörfliches Gemeinschaftsleben vom feinsten.

 

Als wir zum Strand kommen, macht sich Erleichterung breit. Die Flut ist auf dem Rückzug und eine fast endlos erscheinende Sandfläche liegt vor uns. Leicht rötlich schimmert sie und die mittlerweile tatsächlich scheinende Sonne verstärkt diesen Eindruck. Gewaltige Dünen begrenzen den Strand zum Land hin. Mehr als zwei Stunden haben wir nun dieses herrliche Stück Natur für uns, nur der ein oder andere Möwen- oder Wildgänseschwarm leistet uns für einen Moment Gesellschaft. Das Gehen auf dem Sand, von dem sich gerade das Wasser zurückgezogen hat, ist ein Genuss. Nicht zu weich, so dass es anstrengend wird, aber weich genug, dass wir den Unterschied zum Asphalt der Straßen schon merken. Das Brüllen der beständig heranrollenden Wellen ist nicht bedrohlich, ist ein Teil dieser Kulisse. Der Wind schiebt uns von hinten voran. 

 

Nach einer leichten Biegung taucht der große Leuchtturm von Rattray Head vor uns auf, eine Landmarke, die wichtig für uns ist. Dort müssen wir den Strand verlassen und die Dünen durch- bzw. überqueren, um zu unserer nächsten Unterkunft zu kommen, dem Rattray Head Hostel. Ein paar hundert Meter weiter finden wir eine Stelle, wo wir meinen, dass dies möglich ist. Ich schicke Dieter einen Sandpfad die Dünen hoch, damit er nach dem Hostel dahinter Ausschau hält. Er macht das bereitwillig, drückt mir aber vorher noch seine Fotokamera in die Hand, damit ich ihn beim Erklimmen der Düne fotografieren möge. "Du musst die Kamera dann nur mit hochbringen", teilt er mir mit. - ????? - Was soll ich denn sonst damit machen? Sie nach dem Foto unten ins Dünengras legen? Nachdem er den Aufstieg die Düne hinauf mit Müh' und Not geschafft hat, signalisiert er mir strahlend, dass er das Hostel erblickt habe und dies nicht mehr weit weg sei. Dann stapft er erwartungsfroh weiter und ich kann zusehen, wie ich mit meinem Wheelie alleine durch den tiefen Sand die Düne hochkomme.

 

Eine Viertelstunde später stehen wir vor dem Hostel, das völlig allein im Küstenhinterland steht. Früher war es das Haus des Leuchtturmwärters, der sich nur zu seinen Dienstzeiten in dem auf einer vorgelagerten Felseninsel stehenden Leuchtturm befand. Seitdem alle Leuchttürme automatisiert sind, braucht es keine Leuchtturmwärter mehr und ihre ehemaligen Behausungen werden anders genutzt, z.B. als Ferienwohnungen oder wie hier als Hostel. Wo damals also der Leuchtturmwärter mit seiner Familie wohnte, finden heutzutage Wanderer, Radler oder Birdwatcher eine preiswerte Unterkunft.

 

Hier werden wir also unseren Ruhetag verbringen. Außer Wiesen und Dünen gibt es hier nichts. Nur die Leuchtturmspitze grüßt über eine Düne zu uns hinüber.

 

 

Sieh dir meinen 27,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/597189140

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 17 Juni 2016 06:45)

    Was macht man denn an einem Ruhetag im Nirgendwo? Protestschlaf?