Stramme Leistung

Macduff - Rosehearty (35 km)

Heute stehen uns viele Kilometer bevor, nur wieviele wissen wir nicht so genau. Auch einige Höhenmeter werden wir bewältigen müssen, nur was auf uns zukommt, können wir schlecht abschätzen. Das mindeste, was wir vorab tun können, ist früher als normal losgehen. Um halb neun schließt sich die Tür vom "Villa Duff B&B" hinter uns und wir sind "on the road again". 

 

Das Wetter ist etwas ungemütlich. Schwere, dunkle Wolken werden von einem kalten Nordwind über uns hinweggetrieben und viel anders wird es heute wohl auch nicht werden. Aufwärmen können wir uns also nur, wenn wir ein ordentliches Tempo vorlegen und gottseidank bereitet uns die vor uns liegende Wegstrecke dazu gute Voraussetzungen. Wir schweben nahezu über die kleine Landstraße, wobei uns ein beträchtlicher Rückenwind zugutekommt. Außer dem Straßengrau sehen wir eigentlich nur Grün. Getreidefelder und Weideland für Rinder und Schafe soweit das Auge reicht, zwischendurch immer wieder die dazugehörigen Farmen. Das heutige Grau der Nordsee taucht ab und zu mal links von uns auf und verschwimmt dort mit dem Grau der Wolken. Ein Horizont ist nicht auszumachen.

 

Nach mehr als zwei Stunden steigen wir auf einer steil abfallenden Straße nach Gardenstown hinab, einer dieser alten Fischerorte in der Region, die am Fuß der Klippen liegen, mit kaum mehr Platz zwischen ihrer untersten Häuserreihe und den Wellen der Nordsee als maximal einer engen Straßenbreite. Im Sommer, bei blauem Himmel und einem lauen Lüftchen, mag hier eine gewisse Romantik aufkommen, bei Winterstürmen eher nicht. Selbst heute, wo man bei weitem noch nicht von einem Sturm sprechen kann, sind die Wellen, die gegen Gardenstown anrollen, schon beträchtlich. 

 

Wir brauchen jetzt ein wenig Wärme und sind froh, als wir fast unten an der Wasserlinie ein kleines Haus entdecken, auf dem das Schild "Teapot" über der Tür hängt. Drinnen ist es in der Tat warm und die Kanne Tee tut ihr Übriges. Der Besitzer interessiert sich sehr für unsere Tour, erzählt von eigenen Outdoor-Unternehmungen und denen ehemaliger Gäste. Wenn man dann hört, dass einer seiner Gäste, ein Australier, mit einem Kanu komplett um seinen eigenen Kontinent gepaddelt ist, dann nimmt sich die eigene Leistung ganz schön mickrig aus.

 

Von Gardenstown gehen wir an der Felsenküste entlang ins unmittelbar benachbarte Crovie. D.h., wir können von Glück sagen, dass wir das können, denn die einkommende Flut lässt das so gerade noch zu. Später wäre der Kiesstrand, über den wir gehen müssen, überspült gewesen. Ein Schild taucht auf, bevor wir eine Felsnase mithilfe einer in den Stein geschlagenen Treppe überwinden müssen. "This path is dangerous!" steht drauf, aber wir gehen trotzdem weiter. So schlimm kann es schon nicht sein. Ist es heute auch nicht, aber es ging hier schon mal schlimmer zu. Bei dem großen Wintersturm vom 31. Januar 1953 riss das Wasser den kompletten Pfad fort, der Gardenstown und Crovie seinerzeit verband, zusätzlich die gesamten Schutzanlagen und einige Häuser. Nach dieser schlimmen Erfahrung zogen viele Fischer aus Crovie mit ihren Familien hinüber nach Gardenstown und in Crovie wurde es einsamer. Wie uns der Besitzer des "Teapot" erzählte, wohnen heute noch ganze zwei ständige Bewohner in Crovie, alle anderen Häuser sind nur noch Ferienwohnungen. Doch die Wäscheleinen zwischen den Häusern und der Ufermauer sind immer noch zwischen den Pfosten gespannt.

 

Von Crovie aus müssen wir wieder aufsteigen, irgendwie müssen wir ja an unsere heutigen Höhenmeter kommen. Es wird mühsam, richtig mühsam! Das Wetter wird nicht besser, obwohl wir nicht wissen, ob das, was da an Wasser auf uns herabnieselt, Regen ist oder die vom Wind ins Land getragene Gischt aufschäumender Wellen. Auffällig ist jedenfalls, dass es von oben immer feuchter wird, je näher wir uns in Küstennähe befinden. Nach weiteren eineinhalb Stunden nähern wir uns dem dritten Fischerort tief unten an den Klippen, Pennan. Unser Verlangen aber, bei der noch vor uns liegenden Strecke erneut tief abzusteigen und anschließend wieder hoch, tendiert gegen Null. Wir müssen ein wenig mit unseren Kräften haushalten. Für Dieter steht sowieso fest: "Das ist auch nicht anders als das, was wir schon gesehen haben. Ich geh da nicht runter!" Ich ringe mich zumindest noch zu einem kurzen Abstecher bis zu einem Punkt durch, von dem ich mir einen einigermaßen guten Blick auf den Ort verspreche, und habe Glück. Ich kann Pennan zwar nicht komplett überblicken, aber mir reicht es. 

 

Wie Crovie besteht Pennan nur aus einer Reihe von giebelseitig zum Meer ausgerichteten ehemaligen Fischercottages und einer noch so gerade daran vorbeipassenden schmalen Straße. Wer sie einmal befährt, muss bis zum Ende des Ortes durchfahren, um dort drehen zu können. Ein paar dieser Häuser und ein paar Meter dieser Straße sehe ich von meinem kleinen Aussichtspunkt aus, sehe auch die mächtigen und schäumenden Wellen, die gegen die Ufermauer des kleinen Ortes branden. Wie lebt es sich in einem Dorf, bei dem man selbst bei ruhigem Wetter ständig dem Rauschen der Nordsee ausgesetzt ist? Wann kommt der Moment, an dem man Angst bekommt, wenn ein Wintersturm das Wasser riesiger Wellen gegen das Haus schlagen lässt?

 

Doch Pennan hat auch besondere Schlagzeilen gemacht. 1983 wurde hier in Teilen der Film "Local Hero" gedreht. Besondere Szenen spielten in bzw. bei einer roten Telefonzelle gegenüber vom Pennan Inn. Die im Film verwendete Telefonzelle war eine Attrappe. Aufgrund der großen Anzahl von Besuchern, die anschließend im Ort nach genau dieser Telefonzelle suchte, wurde 1989 einige Meter neben dem Aufstellungsort der Attrappe ein funktionsfähiges Telefonhäuschen installiert. Es wird scherzhaft als Schottlands berühmteste Telefonzelle bezeichnet. Unheil droht Pennan anscheinend auch nicht nur von der aufgewühlten See. 2007 und 2009 zerstörten abrutschende Berghänge einige Häuser oder versperrten Zufahrtswege - langweilig wird es hier, glaube ich, nicht.

 

Immer noch liegen jetzt etwa 15 km bis zu unserem Zielort Rosehearty vor uns. Es erwarten uns kleine Straßen, Wiesenwege durch Stechginster, Steigungen von 20 %, kalter Wind, Sprühregen, das volle Programm, um sich einer warmen Unterkunft entgegenzusehnen. Um 16 Uhr, nach sieben Stunden strammen Wanderns mit nur einer halbstündigen Pause, stehen wir vor der Tür des "The Mason Arms Hotel" von Rosehearty. 35 Kilometer liegen hinter uns, über 700 Höhenmeter - wir können stolz auf uns sein. Jetzt nur noch relaxen...!

 

 

Sieh dir meinen 35,1 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/596174726

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Freitag, 03 Juni 2016 09:52)

    Alle Achtung! 35 km, 7 Stunden, nur 30 min. Pause, 700 Höhenmeter! 20 % Steigungen, kalter Wind, Regen.
    Ich wär sooooooooo platt!

    Grüße von der Lore

  • #2

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 16 Juni 2016 21:46)

    Mein Gott! Was tut ihr euch nur an... ihr habt meinen höchsten Respekt verdient!