Kleine Häfen - fast leer

Sandend - Macduff (24 km)

Als ich mit Dieter morgens im Wintergarten unseres B&B beim Frühstück sitze, gehen meine Gedanken genau ein Jahr zurück. Damals kämpfte sich um diese Zeit mein kleiner Enkelsohn Neyo auf die Welt und als ich nachmittags meine Unterkunft hoch oben auf dem Brocken (Harz) gerade erreicht hatte, bekam ich die wunderbare Nachricht, dass ich wiedermal Opa geworden bin. Jetzt ist dieser kleine Fratz auch schon ein Jahr alt. Ich denk an ihn, an sein Lächeln, seine staunenden Augen...

 

Beim Abmarsch lässt der Blick auf die Karte heute eine relativ entspannte Wanderung erwarten. Eigentlich liegen nur kleine Straßen vor uns, die ein zügiges Vorankommen gewährleisten müssten. Nur beim ersten Kilometer ist ein Stück Hauptstraße nicht zu vermeiden, aber damit habe ich ja meine Erfahrung und Dieter wird's überleben. Als nächstes ist auf der Karte ein etwa drei Kilometer langes Stück als "befestigter Wirtschaftsweg" gekennzeichnet. Genau ein solcher ist es, als wir von der Hauptstraße am erwarteten Punkt abbiegen - dann hört er nach 300 m unvermittelt auf! Was-soll-das-denn-jetzt-wieder???!!! Wir sind mit Sicherheit an der richtigen Stelle und dann hört so ein Weg einfach auf!? Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass es tatsächlich in der Fortführung mal einen Weg gegeben hat, aber der ist jetzt vollkommen zugewachsen und für uns undurchdringlich. Folge: Wir quetschen uns durch die Ackerfurche am Rand eines Getreidefeldes entlang. Gras und Getreide sind kniehoch und weil es anscheinend in der Nacht mal leicht geregnet haben muss (oder ist es der Morgentau?), sind bald unsere Schuhe und die Hosen bis zu den Kniescheiben klatschnass. Geht das jetzt wieder los? 

 

Zumindest die nächste Steigerungsstufe folgt noch: Als wir zu einem alten, heruntergekommenen Hof kommen, legt sich ein Drahtzaun quer. Himmel, Ar...! Wenn das jetzt noch den Rest des "befestigten Wirtschaftswegs" so weitergeht, kommt Freude auf. Doch dann die Erleichterung: Unmittelbar hinter dem Hof beginnt eine etwa drei Meter breite und asphaltierte Straße, die uns bis nach Portsoy führt. Wohlgemerkt: Schotterweg, Ackerfurche und Sträßchen - alles dieselbe Kennzeichnung auf der Karte...

 

Da der Moray Coast Path nun mal - wie der Name schon sagt - ein Küstenpfad ist, lässt er kaum einen Hafen aus. So auch nicht den von Portsoy. Eng an eng stehen hier wieder die alten Fischerhäuschen, manchmal gerade genug Platz zwischen ihnen, dass in früheren Zeiten die an Land gezogenen Boote dazwischen passten. Portsoy hat zwei Häfen: den sehr kleinen alten und den etwas größeren neuen, der aber auch schon wieder alt genug ist. Kleine, weiße Leuchttürme stehen an den schmalen Einfahrten, um den Booten auch bei schlechten Wetterbedingungen den Weg zu weisen. Hohe Kaimauern umfassen die Hafenbecken, die bei Ebbe natürlich besonders hoch wirken. Und wenn nicht gerade weiße Segeljachten in solchen Hafenbecken angelegt haben, wirken sie, vor allem wenn bei Ebbe fast nur dunkler Sand und schwarze Felsen zu sehen sind, irgendwie düster und... ja, sogar traurig. 

 

Früher waren die Häfen die Mittelpunkte des örtlichen Geschehens. Hier liefen die Fischerboote ein und aus. Fünfzig, achtzig, über hundert manchmal, kaum fanden sie Platz in den zu eng gewordenen Hafenbecken. Dann wurden, wie hier in Portsoy, neue Häfen angelegt oder Fischer siedelten weg und bauten sich an anderen vermeintlich günstigen Stellen andere Hafenanlagen und neue Häuser dazu. Die Frauen warteten nur darauf, dass die Boote entladen wurden, um den gefangenen Fisch direkt zu verarbeiten, einzusalzen, in Fässern zu lagern oder in Körben zu diversen Märkten zu transportieren. Direkt nach Entladung wurden die Boote wieder fertiggemacht für den nächsten Fischzug, eventuell noch repariert. In der Hafengegend gab es etliche Pubs, für viele Fischer eher Anlaufstation an Land als zu Hause die eigene Familie. Heute steht im alten Hafen von Portsoy noch das "Shore Inn" und beim neuen Hafen ein "Fish Shop". Das Angebot an frischem Fisch ist äußerst begrenzt. Nicht nur der Heringsboom ist lange vorbei, die Nordsee ist so gut wie leergefischt. In den Häfen ist jetzt Platz für die Freizeitkapitäne, und zwar reichlich. Nur ab und zu verirrt sich noch ein kleines Fischerboot zwischen ihnen. 

 

Hinter Portsoy gehen wir nun einige Kilometer etwas im Landesinneren weiter. Große landwirtschaftliche Flächen liegen links und rechts neben uns, immer mal wieder stattliche Farmen. Viele Autos fahren hier nicht, die verkehrsreichere Hauptstraße verläuft nicht weit entfernt parallel. Andererseits ist unsere Straße wieder ein Teilstück der "National Cycle Route 1", nur auf Radfahrer warten wir vergebens. Überhaupt bin ich in den letzten Wochen nur sehr, sehr selten auf Radfahrer auf dieser Strecke gestoßen, die zumindest theoretisch so aussahen, als würden sie längere Zeit auf ihr unterwegs sein.

 

Zur Mittagszeit sind wir wieder an der Küste zurück, in einem weiteren kleinen Fischerstädtchen, Whitehill, wiederum mit den kleinen, so typischen ehemaligen Fischercottages, mit einem weiteren kleinen Hafenbecken, das fast gefüllt ist mit Segeljachten. Gegenüber steht das "Waterside café and fish restaurant" - rein, es ist Pausenzeit! Aber nix Fisch! Keine Hauptmahlzeit noch während des Gehens! "Soup of the day" ist angesagt, immer wieder lecker, immer wieder ausreichend!

 

Bis Banff ist es nicht mehr weit. Die Sonne hat es mittlerweile auch wieder geschafft, sich gegen die Wolken durchzusetzen. Aber der Wind ist "lebhaft", wie mir wetter.com sagt, 4-5 bft. Genug bei 10 °C, um nicht allzu sehr ins Schwitzen zu kommen. Genug aber für den Kitesurfer am weiten Strand von Banff, um sich von seinem Segel im rasenden Tempo über die mächtigen heranrollenden Wellen ziehen zu lassen. Auf unserem Weg über die weite, feste Sandfläche bleibe ich immer wieder stehen, um ihm zuzusehen. 

 

Nach dem Strand kommen mächtige Uferwände, die den Wellen der Winterstürme wohl trotzen sollen, was aber vielleicht nicht immer gelingt. Als wir hier vorbeigehen, ist man gerade damit beschäftigt, ein etwa 30 m langes Stück Mauerwand durch ein neues Stück Betonwand zu ersetzen. Was Dieter und mich verblüfft: Unmittelbar hinter den Uferwänden, nur durch eine schmale Straße von ihnen getrennt, werden gerade wieder kleine Häuser gebaut. Mit schönem Blick auf die Nordsee - doch die ist nicht immer schön und friedlich, und in Zukunft wohl erst recht nicht. Ich würde da nicht von einem sicheren Wohnplatz sprechen.

 

Hinter dem Hafen von Banff sehen wir, wie auch schon seit einiger Zeit, die Häuser von Macduff jenseits der breiten Mündung des River Daveron liegen. Eine steinerne Bogenbrücke bringt uns hinüber. Auch in Macduff haben wir bald den Hafen erreicht. Ein paar Schiffe, ja, sogar ein paar, die aussehen wie etwas größere Fischkutter. In der Nähe ein kleiner fischverarbeitender Betrieb, eine kleine Schiffsreparatur-Werkstatt. Direkt beim Hafenkai ein Pub: "The Old Moray". Sofort verspürt Dieter einen schweren Durstreiz, also rein! Drinnen sitzen nicht viele Besucher, vier sitzen an der Theke, bei Addition der Lebensalter komme ich auf etwa 300. Das Gespräch ist nicht gerade lebhaft, einer sitzt nur auf seinem Hocker und schweigt. Der Fernseher läuft und obwohl ein Schotte dort Tennis spielt, schaut keiner hin. 

 

Dieter und ich trinken unser Bier, dann gehen wir gemächlich (schneller will es Dieter jetzt nicht mehr haben) die Duffstreet hoch. Wo es höher nicht mehr geht, steht unsere "Duff Villa B&B". Für heute mal wieder angekommen.

 

 

Sieh dir meinen 24,4 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/595095809

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 16 Juni 2016 21:38)

    Deine Beine KÖNNEN doch gar nicht nass geworden sein. Wo du doch immer deine überaus kleidsamen roten Gamaschen trägst...