Licht und Schatten

Portgordon - Sandend (29 km)

Gastgeber Martin verspricht uns für heute eine schöne und angenehm zu gehende Etappe. Uns soll es recht sein. Vor drei Tagen war die Wettervorhersage für heute noch katastrophal: Starkregen mit lebhaftem Wind. Davon ist heute nichts zu merken. Es ist zwar bedeckt und etwas windig, aber das kann uns ja nicht schrecken. Also beste Voraussetzungen für einen entspannten Wandertag.

 

Am Ortsende von Portgordon werden wir nett verabschiedet. Auf einer kleinen Felseninsel etwas abseits der Küste liegen Seehunde und schauen zu uns hinüber. Für einige scheinen wir sehr interessant zu sein, für andere weniger. Die einen liegen flach auf dem Bauch und heben ab und zu mal ihre Schwanzflosse, andere drehen sich zur Seite, heben den Kopf und grüßen ein, zwei Mal mit der Armflosse zu uns rüber, als wollten sie sagen "Jetzt habt ihr uns genug begafft und fotografiert, nun zieht weiter! Schönen Tag noch!"

 

Die nächsten Dörfer und kleinen Städte reihen sich nun aneinander wie an einer Perlenschnur: Buckie, Findochty, Portknockie, Cullen. Alle sind ehemalige Fischersiedlungen, in ihren Häfen aber finden sich nur noch wenige Fischerboote, meist sind es Freizeitboote oder Segeljachten, die hier festgemacht sind. Eine Ausnahme ist Buckie, wo auch noch größere Fischerboote anlegen, wo Fische direkt in einer Markthalle verkauft oder in einer Räucherei verarbeitet und Boote gebaut oder repariert werden. Direkt am Hafen oder entlang der Wasserlinie finden sich die kleinen Fischerhäuser, eng nebeneinander stehend, mit der meist fensterlosen Giebelseite zum Meer ausgerichtet, entweder aus Sandstein oder aus großen Feldsteinen gemauert und weiß verputzt oder farbig gestrichen. 

 

In Findochty machen wir Rast im letzten Pub des Ortes bei Kaffee und Tee und in Cullen, das von den großen Eisenbahnviadukten einer stillgelegten Bahnlinie beherrscht wird, werden zwei Suppen bestellt. Der Weg und die Landschaft zwischen den Orten sind mal wieder ein Genuss. Es geht sich zügig und auf bequemen Wegen, unser geliebter Stechginster begleitet uns wieder die meiste Zeit, die Blicke sind erneut "zum blöde werden". Interessante Felsformationen, wie z.B. der Bow Fiddle Rock mit seinen kleinen Seevögelkolonien und kleine Strandbuchten ziehen unsere Blicke auf sich und der Gang über den spiegelglatten Strand von Cullen lässt uns wieder ins Schwärmen geraten.

 

Doch nach Cullen wird alles anders. Wir verpassen wohl eine Abzweigung, laufen einen Umweg, das "Geläuf" wird schwer: grasüberwachsen, eng, holprig. Wir quälen uns über Zäune (hatte ich ja schon lange nicht mehr; mit Dieter überhaupt noch nicht), latschen über Äcker, drängen uns am Rand von Rapsfeldern entlang und an manchen Stellen ist der Abstand zwischen "Pfad" und Klippenrand enger als es Dieter lieb ist. Der schiebt mittlerweile einen ordentlichen Frust und wie das dann immer so ist, scheint die Strecke kein Ende zu nehmen und das Ziel unerreichbar zu sein. 

 

Irgendwann kommt der Moment, wo Dieter fast rückwärtsgeht - aber er mault und meckert nicht. Immer noch kommt ein Scherz über seine Lippen, auch wenn ihm wohl nicht mehr so ganz danach zumute ist. Endlich kommt Sandend in Sicht, ein kleiner Ort mit einem wunderschönen Strand, auf den hohe Wellen branden und wo sich jugendliche Surfer tummeln. Doch in Sandend sind wir immer noch nicht am Ziel. Unser B&B liegt oben an der Straße, also nochmal etwa einen Kilometer weiter bergauf. 

 

Auch wenn es nun nicht mehr allzu schwer ist, auf einer kleinen Zufahrtsstraße zu unserer Unterkunft zu kommen, so ist Dieter jetzt nicht mehr viel schneller als ein robbender Seehund und heilfroh, als er endlich an der B&B-Tür klingeln kann. Sein abschließender Kommentar: "Die ersten 21 Kilometer fantastische Strecke, die letzten acht eine Quälerei!" - Aber er lacht schon wieder und will auch morgen wieder mit...

 

 

Sieh dir meinen 29,5 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/594153212

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Peter (Mittwoch, 01 Juni 2016 09:51)

    Hallo Reinhard
    Was da jeden Morgen von der Insel oder den Inseln zu uns nach Lohmar spült sind
    schöne Bilder und tolle Geschichten. Man kann schon sagen „pädagogisch wertvoll“
    wie es früher einmal hieß .Ich wünsche Euch beiden noch eine gute Zeit im vereinigtem
    Königreich und eine gesunde Heimkehr………
    Viele Grüße Peter

  • #2

    Lore (Mittwoch, 01 Juni 2016 09:54)

    Hallo Dieter,
    ich finde es gut, dass auch DU mitreden kannst, wenn Wolfgang und Reinhard mit ihrer Über-Zäune-Kletter-Erfahrung und ihren Klippenrand-Bewältigungen prahlen. Du willst ja schließlich kein Außenseiter sein!
    Gruß an Euch Beide!
    Lore

  • #3

    Dieter (Mittwoch, 01 Juni 2016 19:20)

    Hallo Lore unbekannt,
    na sicher ist Reinhard ein Wanderprofi, aber Hexerei ist das nu auch wieder nicht. Auch gehe ich ihm so manches Mal schwungvoll voraus, so dass er schon von einer "Elfe" sprach!
    Gruß
    Dieter

  • #4

    Gerd (Donnerstag, 02 Juni 2016 09:25)

    Hallo ihr "Wanderläufer",
    ich bewundere immer eure Ausdauer. Wenn da, wie am 02. Juni, auf einmal der Weg aufhört bzw. an einem Drahtzaun endet. Frage mich nur, wie habt ihr euer Wägelchen über dieses unwegsame Gelände hinweg befördert? Ich wünsche euch weiterhin eine schöne Wanderzeit. Ich verspreche euch, ich werde am Freitag eins bis sechs Bierchen (Kölsch) für euch trinken und dabei eine Gedenkminute einlegen.
    Viele Grüße aus dem Doorp und haltet durch!
    Gerd

  • #5

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 16 Juni 2016 21:30)

    29 km sind selbst auf durchgehend schöner Strecke nicht schön!