Noch ein Traumtag

Burghead - Lossiemouth (16 km)

Dieter muss nochmal zurück nach Forres. So wie ich es auf den Shetlands geschafft hatte, meinen Adapter für die britische Stromzufuhr in einer Unterkunft stecken zu lassen, so meinte Dieter, es mir in Forres vor dem dortigen Abmarsch nachmachen zu müssen. Jedenfalls entdeckte er gestern Abend noch das Malheur und wechselte kurzfristig die Gesichtsfarbe. Hektische Betriebsamkeit kehrte ein: Ist der Adapter wirklich noch im Zimmer unserer letzten Unterkunft? Anruf zur Sicherstellung! Verzweiflung vermitteln gegenüber unseren jetzigen Gastgebern - Dackelblick - in der heimlichen Hoffnung, dass von ihnen eine Lösung kommt. Kommt auch! Der Partner von Valentina erklärt sich an seinem wohlverdienten und arbeitsfreien Sonntagmorgen bereit, Dieter nach einem etwas vorgezogenen Frühstück nach Forres und auch wieder zurückzufahren und damit das Problem zu lösen. So geschieht es denn, und nach etwas mehr als einer halben Stunde kommt Dieter strahlend mit seinem Adapter durch die Tür. Na gottseidank!

 

Wir verabschieden uns von zwei überaus freundlichen Menschen und nehmen unsere Wanderung auf dem Moray Coast Path wieder auf. Die Sonne strahlt von der ersten Minute an von einem tiefblauen Himmel, der dadurch dem Wasser der Nordsee dieselbe Farbe verpasst, Wind findet praktisch nicht statt, daher ist die Klamottenfrage auch geklärt: Man(n) wandert im Hemde! Die Streckenführung ist eine absolute Wohlfühlvariante: Der Moray Coast Path nutzt für etwa fünf Kilometer die alte Trasse der ehemaligen Bahnlinie zwischen Burghead und Hopeman und trägt uns damit förmlich voran. Der Ausblick auf die Nordsee mit dem ein oder anderen Fischkutter, prächtige Sandstein-Felsformationen, kleine Sandstrände und dichte, blühende Stechginsterbüsche berauschen uns fast. Klingt ein wenig dicke, ist aber so. 

 

Am Wegesrand taucht bald "St Aidan's Well" auf, eine mit Steinplatten eingefasste und mit einem Metallgitternetz größtenteils abgedeckte Quelle, die (der Legende nach) an der Stelle hervorsprudelte, wo St Aidan, ein irischer Missionar, seinerzeit mit dem Boot ankommend schottischen Boden betrat, um die Pikten dieser Gegend zum wahren Glauben zu bekehren. Heutzutage werden dem Wasser aus dem Brunnen heilende Wirkungen zugesprochen. Wir wollen das ausprobieren, obwohl wir gar nicht wissen, was bei uns geheilt werden sollte. Da aber Trinkgefäße mit einem gewissen Aufforderungscharakter danebenstehen, hocken wir uns hin und schöpfen. Wir trinken vom weichen und heilsamen Wasser, ich benetze noch meine Unterlippe mit dem Sonnenherpes, wir warten noch einen Moment, ob irgendetwas passiert, stellen nichts Umwerfendes fest - und gehen weiter.

 

Die jetzt asphaltierte Bahntrasse bleibt weiterhin eine Fuß- und Augenweide und ehe wir uns versehen sind wir in Hopeman, vor langer Zeit gegründet von einem Unternehmer, der hier die Arbeiter seiner Sandstein-Steinbrüche ansiedelte und wo später noch ein kleiner Hafen gebaut wurde, um von hier die gebrochenen Steine direkt zu verschiffen, aber auch, um eine nicht unbeträchtliche Heringsflotte hier zu etablieren. Als wir in diesem kleinen Hafen stehen, liegen eher kleine Sportboote dort entlang der Kaimauer, tief unten allerdings, es ist wieder Ebbe. Links und rechts vom Hafen liegen wieder Strände, zum Land hin abgegrenzt zum einen durch die Aneinanderreihung von großen Wohncaravans eines Campingplatzes und zum anderen von kleinen, originell bunt bemalten Strandhütten, wie man sie noch aus alten Zeiten kennt. Bei ihnen machen wir auf einer Holzbank eine Rast, auch wenn sie eigentlich noch gar nicht nötig ist. Zu idyllisch ist dieser Platz hier. Wir hocken da, genießen den Blick aufs Wasser, auf den Strand, auf buddelnde Kinder und herumtobende Hunde.

 

Danach wird es etwas mühsam. Die ehemalige Bahntrasse gibt es ab Hopeman nicht mehr, der Moray Coast Path wird zu einem engen Pfad zwischen Stechginster hindurch. Ich bekomme etwas Probleme mit meinem Wheelie - er ist kaum hier durchzumanövrieren - und wir weichen auf den etwas höher gelegenen Golf Course aus. Vor tieffliegenden Golfbällen wird zwar ausdrücklich gewarnt, aber das juckt mich jetzt nicht im Geringsten. Einige der sich auf dem Platz tummelnden Spieler wundern sich vielleicht, mit welch einem merkwürdigen Buggy ich da unterwegs bin, aber wenn sie genau hinsehen, entdecken sie bei mir noch nicht einmal einen Schläger.

 

Irgendwann ist der Golfplatz überquert und es geht weiter duch ein gelbes Meer von Stechginster. Weiterhin glänzt blau die Nordsee neben uns, weiterhin ist die Sonne blendendster Laune, Möwen und Fulmers segeln über uns hinweg, manchmal wird der Blick frei auf kleine Strände, tief abfallende Kliffs oder wundersam aussehende Sandsteinformationen. Immer wieder bleiben wir stehen, genießen diese Natur hier, fotografieren uns einen Wolf und sind uns einig: Gestern war schon ein toller Wandertag, aber der heutige übertrifft ihn noch.

 

Wie zur Bestätigung dessen, wird das letzte Drittel der Strecke wieder eine Strandwanderung. Langsam senkt sich der Pfad durch den leuchtenden Stechginster zum vor uns auftauchenden West Beach von Lossiemouth hinab. Wieder ist es ein glatter, breiter Strand, ab und zu unterbrochen von algenüberzogenen Felsen, auf dem wir nun fünf Kilometer lang gehen, den großen Leuchtturm von Lossiemouth vor Augen. Recht viele Menschen sind auf ihm unterwegs, schließlich ist heute Sonntag und das Wetter wie geschaffen für einen Strandgang. Nach fast einer Stunde ist auch er überquert und wir haben Lossiemouth erreicht.

 

Wir nehmen noch nicht den direkten Weg zu unserer Unterkunft, sondern belohnen uns noch mit einer Schlussrast auf der Terrasse des West Beach Cafés. Noch einmal in der Sonne sitzen, den Tag gedanklich abschließen, sich gemeinsam freuen an dem, was man gesehen und erlebt hat. Dann sind es nur noch wenige Meter zu unserem "Stotfield Hotel" direkt gegenüber vom "Moray Golf Club" bzw. dessen "Vereinsheim". 

 

Zumindest in einigen Bereichen des großen Hauses hat unser Hotel schon bessere Tage erlebt, am Abend reicht es aber immer noch zu zwei gepflegten Pints in den Ledersofas der Lounge. Ich spüre einen Hauch von Snobismus...

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 16 Juni 2016 18:53)

    Habt ihr das mit der Quelle aus sicherer Quelle (haha!!)? Das sieht eher aus wie ein Abfluss...