"A tea or a coffee?"

Lossiemouth - Portgordon (23 km)

Ein Tag ohne große Ausschläge, nichts Spektakuläres, keine Katastrophe, nichts Bewegendes, nichts Aufregendes, eben nichts Besonderes. Der Himmel ist grau, als wir unser Hotel verlassen, aber in einer Form grau, die keinen Regen erwarten lässt. Es scheint eher Hochnebel zu sein, der zäh die Sonne verdeckt. Obwohl es Montagmorgen ist, sehen wir kaum Menschen auf den Straßen oder Autos fahren. Entweder spielt sich das Leben in Lossiemouth woanders oder zu einer anderen Zeit ab oder hier ist absolut der Hund begraben. Auch im Hafen rührt sich nichts, und erst als wie den River Lossie über eine Fußgängerbrücke zum East Beach hin überschreiten, begegnen wir den ersten Menschen, die auf diesem ihre Hunde ausführen wollen. 

 

Die Ebbe ist noch rückläufig und dadurch der Sand tiefer als gestern auf dem West Beach. Das Gehen fällt schwerer und es dauert einige Zeit, bis wir den Streifen auf dem Sand gefunden haben, wo es am einfachsten zu laufen geht. Möwen und andere kleine Seevögel tippeln über den Sand den ablaufenden Wellen hinterher in der Hoffnung, dass vor ihnen nun etwas der Tisch gedeckt ist. Die Hoffnung, dass wir heute wieder stundenlang unser Strandläuferdasein fortsetzen können, stellt sich bald als Trugschluss heraus. Der feste, sandige Streifen hört nach einer knappen Stunde auf und Kies nimmt überhand. Aus flach abgelagertem Kies auf dem Strand, über den es schon schwer genug ist zu gehen und den Wheelie zu ziehen, werden zum Land hin ganze Hänge von lockerem Kies, die wir kaum erklimmen können, als wir versuchen, dem schwierigen Terrain Richtung Küstenwald zu entfliehen. Wir schaffen es zwar, kommen aber ins nächste Dilemma. Unmittelbar am Waldrand soll laut Karte ein Waldweg entlangführen, den wir aber nicht finden. Was wir finden sind tiefe, mühsame Sandpfade durch dichten Dünenwald, die uns eine Weile Zeit und Kraft kosten. Dieter "is not really amused" und verliert etwas an Geschwindigkeit. Irgendwann ist dann aber doch ein breiter Waldweg erreicht, wir können auf der Karte unseren Standort finden und von da an wird alles leichter. 

 

Wir laufen kilometerlang schnurgerade durch den Kiefernwald, der nicht viel Abwechslung bereithält, dafür aber mit seinem Schotterweg nervt. Als wir endlich aus dem Wald herauskommen und eine kleine Straße erreichen, atmen wir auf. Doch Dieter reicht das Aufatmen nicht, er will jetzt eine Pause. Aber wo? Felsblöcke oder Baumstämme zum Draufsetzen sind nicht zu entdecken, geschweige denn eine Bank. Auf dem Boden ist es zu feucht. Der Zufall will es, dass wir an einem einsam gelegenen Haus vorbeikommen, Dieter vor dem Haus eine Bank entdeckt und genau in diesem Moment die offensichtliche Eigentümerin aus dem Haus kommt, um ein wenig Gartenarbeit zu leisten. Dieter, nicht faul und ohne Scheu, geht auf sie zu, lässt seinen Charme spielen und bittet sie, sich auf der Bank zu einer kurzen Rast niederlassen zu dürfen. Und wer kann schon Dieter widerstehen...? Sie lädt uns nicht nur ein, auf ihrer Bank Platz zu nehmen, sondern stellt auch sofort die insgeheim erhoffte Frage: "Do you want a tea or a coffee? With sugar or milk?" Fünf Minuten später sitzen wir bequem, schlürfen Tee und Kaffee und lassen uns dabei noch von unserer netten Gastgeberin fotografieren. Und weiß der Himmel, wie Dieter das macht, auf dem Foto auszusehen, als hätte er nie nach einer Pause geschrien.

 

Nach einer halben Stunde ziehen wir erholt weiter und kommen bald hinter Garmouth zum River Spey, den wir auf der Brücke einer ehemaligen Bahnstrecke überqueren. Unten im Fluss steht ein Angler und wirft immer und immer wieder seine Angel aus. Uns entgegen kommen ein paar Männer, die aufgrund ihrer Rucksäcke unschwer als Wanderer auszumachen sind. Mit Sicherheit werden sie heute im zehn Kilometer entfernten Buckie ihre Wanderung auf dem Speyside Way aufgenommen haben, einem traditionellen schottischen Weitwanderweg und einem Teilstück des berühmten Whisky Trails. Sie werden noch 5-6 Tage brauchen, bis sie an ihrem Ziel in Aviemore in den Caingorm Mountains angekommen sind und auf ihrem Weg auch die ein oder andere Distillery besichtigt haben.

 

Auf einem Stück alter Bahntrasse geht es nun Portgordon entgegen, unserem heutigen Zielort. Unsere Unterkunft in einem Privatzimmer ist schnell gefunden, ein geeigneter Pub für eine Kleinigkeit zu essen und zwei Pints nicht. Martin, unser Gastgeber, erzählt uns später, dass von ehemals 14 Pubs in dem recht überschaubaren Dorf nur einer noch übriggeblieben ist - und der spricht uns nicht gerade an. So kaufen wir noch ein paar Lebensmittel ein und machen es uns ausgiebig im Zimmer gemütlich. Übrigens: Die Whiskyflasche ist immer nocht nicht leer! (War ja auch eine große Whiskyflasche!)

 

 

Sieh dir meinen 23,5 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/593015655

 

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