Indischen Proviant im Rucksack

Nairn - Forres (22 km)

Warm ist es nicht im Frühstücksraum unseres "Waverley Hotel" in Nairn. Wir sind die einzigen Gäste im Haus, ob sich dafür das Heizen nicht lohnt? Wahrscheinlich hat das Haus sowieso schon einmal bessere Tage gesehen, aber über Sauberkeit und Ausstattung des Zimmers und die Freundlichkeit der Besitzerin kann man nicht meckern.

 

Beim Gang aus dem Ort heraus, kommen wir an dem India Restaurant vorbei, in dem wir gestern Abend noch zum Essen waren. "Buffet - £ 9,95" stand vor dem Eingang angeschlagen, und warum nicht mal in Schottland indisch essen? Unter Buffet hatten wir uns allerdings vorgestellt, dass verschiedene indische Köstlichkeiten auf einem großen Tisch dargeboten werden und zur Auswahl stehen, jeder "lädt" sich was auf seinen Teller und darf eventuell sogar mal "Nachschlag" holen. Es lief aber alles anders: Die überaus freundliche Bedienung fragte uns nacheinander weg bei vier Gängen im vollendeten Schottisch nach unseren Wünschen zu den Gerichten A - B - C - D, von dem ich nicht bei einem verstand, um was es sich überhaupt handelt. Dieter ging es nicht viel anders. An irgendeiner Stelle des mündlich vorgetragenen Angebots nickten wir und bekamen es nach kürzester Zeit gebracht. Alles schmeckte vorzüglich! Problem nur: Nach dem zweiten Gang dachten wir, das Essen wäre beendet, aber der dritte war noch der umfangreichste. Wir wollten nicht unhöflich sein, aßen tapfer weiter, begannen aber zu stopfen und zu stöhnen. Wir konnten nicht mehr! Als zum unerwarteten Abschluss dann sogar noch eine Palette Fladenbrot mit unterschiedlichen Belägen gereicht wurde - und ich glaube, wir hatten es irgendwann wirklich bestellt - , mussten wir in der Tat kapitulieren. Die Bedienung sah unsere verzweifelten Gesichter, hatte Erbarmen und bot uns lächelnd an, das Fladenbrot für den morgendlichen Verzehr während der Wanderung einzupacken. Welch ein Segen! Die 200 m bis zu unserer Unterkunft erschienen Dieter und mir wesentlich zu weit. Wir kamen doch kaum von unseren Stühlen hoch, geschweige noch bis ins Hotel... Wir hätten was darum gegeben, wenn jetzt unsere Betten vorbeigekommen wären. 

 

Die Tüte mit den Fladenbroten liegt in meinem Rucksack, als wir Nairn hinter uns lassen. Wir sehen den Hafen, in dem es wegen der Ebbe kaum Wasser zu geben scheint, und den kleinen Leuchtturm bei der Hafeneinfahrt, der hoch über der aufragenden Kaimauer steht. Wir kommen an einer weiten Sand- und Dünenlandschaft vorbei, die den Morey Firth zum Hinterland begrenzt, sehen große Schiffe aus Inverness kommend vorbeifahren und weit im Hintergrund, fast im blauen Dunst verschwindend, die Berge der Highlands. Ich kann mir kaum noch vorstellen, an ihnen vor wenigen Tagen noch auf der nördlichen Seite des großen Firth entlanggezogen zu sein. Was war da alles, was ist da nochmal passiert?

 

Es ist so schwer, für die vielen Eindrücke des Tages einen Platz im Langzeitgedächtnis zu finden, bevor sie am nächsten Tag von der Flut neuer kleiner Ereignisse aus dem Kurzzeitgedächtnis gespült werden. All die verschiedenen Etappen, die Auf- und Abstiege, die entspannenden Strecken an einem Küstenabschnitt entlang oder diejenigen mit hektischem Verkehr auf einer Landstraße, all die vielen, meist einsam gelegenen Besiedlungen mit ihren anscheinend kaum erwähnenswerten Details: das an Land gezogene alte Fischerboot, die üppigen Blumen in einem Garten, eine schöne alte Haustür. Es gelingt mir nicht, ein Bild von jeder Ortschaft in meinem Kopf zu speichern, geschweige denn die Namen. Deshalb schreibe ich, versuche möglichst viel Erinnerungen an Dörfer, Menschen, Tiere, Landschaften, an Ereignissen, Empfindungen und Gefühlen für später für mich zu retten.

 

Bei den drei Häusern von Cothill besteht Dieter auf eine Pause, zu Recht. Bereits auf den gemeinsamen Kilometern auf dem Grünen Band im letzten Jahr hatte ich ihm zugesichert, immer nach etwa zwei Stunden eine Rast einzulegen, wenn sich eine passende (Sitz-)Gelegenheit ergibt. Dieter erspäht Baumstämme sowie ein paar dicke Steinbrocken und damit hält er die Gelegenheit für gegeben, zumal auch noch die Sonne scheint, und damit ein trockenes Plätzchen gegeben ist. Kleines Problem nur: Wir haben uns durch ein offenes Tor Zutritt auf ein Privatgrundstück "erzwungen". Dieter hat gerade seine Schuhe von den Füßen gezogen, um sich ein paar trockene Strümpfe anzuziehen (guter Tipp gegen Blasen!), als die Besitzer des Grundstücks mit ihren Hunden von einem Spaziergang zurückkommen. Dieter fragt sofort etwas schuldbewusst, ob wir hier so einfach hätten eindringen dürfen, aber das schottische Ehepaar ist überaus freundlich. Wir kommen ins Gespräch über unser Woher und Wohin, mit dem Ergebnis, dass Frau Schottin uns jeweils eine große Tasse Kaffee zu unserem Rastplatz bringt. So mögen wir es gern.

 

Die nächsten Kilometer gibt die Sonne alles. Die ersten Überlegungen kommen auf, die Anoraks auszuziehen und im Hemd weiterzugehen. Kann es wirklich wahr sein? Es ist immer hart an der Kante. Durch die Sonne wird es so langsam unangenehm warm unter der Jacke. Im Schatten der inzwischen immer häufiger werdenden Bäume und sogar ganzer Wälder, wenn Wolken sich vor die Sonne schieben und dabei sogar eventuell ein leichter Wind aufkommt, könnte es aber vielleicht schon wieder zu kühl werden. Während einer Rast am Brodie Castle, einer Burganlage aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, die sage und schreibe 820 Jahre im Privatbesitz der Familie Brodie war, fällt die Entscheidung: Wir reißen uns die Jacken vom Leib - Hemdwandern ist angesagt, schließlich dürften wir um die 15 °C haben.

 

Hach, wie ist das angenehm, Luft um die Brust! Weiter geht es auf kleinen Straßen, am hochherrschaftlichen Dalvey House vorbei mit seinen wunderbaren Gartenanlagen und alten Baumbeständen, wir folgen einer kleinen Straße mit duftenden Weißdornbüschen, überqueren den Findhorn River, dessen weites Mündungsgebiet in die Nordsee wir morgen bestaunen können und kommen schließlich nach Forres, unserem heutigen Ziel. 

 

Dieter fasst schon auf dem Weg zu unserer Unterkunft den "Red Lion" als Anlaufpunkt für heute Abend ins Auge. Aber nur für ein, zwei Pints! Groß Essen gehen ist heute nicht, wir haben schließlich noch unsere Brotfladen vom India Restaurant in Nairn in meinem Rucksack!

 

 

Sieh dir meinen 22,2 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/589754301

 

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