Beach Walk

Forres - Burghead (22 km)

Kaum sind wir ein, zwei Kilometer unterwegs, merken wir, dass heute ein besonders schöner Tag werden wird. Die Sonne hat früher als sonst auch die letzten Wolken abgeschüttelt und beginnt recht bald, uns mehr zu verwöhnen als uns lieb ist. Mit Autos haben wir heute kaum etwas zu tun, nur die ersten Kilometer folgen wir einer schmalen Straße, die uns durch stark landwirtschaftlich geprägtes Gebiet an die Findhorn Bay bringt, einen weit ins Landesinnere hineinragenden Mündungsbereich des River Findhorn. Wie schon einige andere vor ihr, ist die Bucht wegen der Ebbe trockengefallen und nur vereinzelt ziehen sich einige Wasseradern hindurch. Ein paar Möwen und Oystercatcher staksen auf der Suche nach einem Leckerbissen auf der riesigen Fläche herum und das ein oder andere kleine Boot liegt auf dem Sand und wartet darauf, wieder Wasser unter den Kiel zu bekommen.

 

Dort, wo der River Findhorn in die Nordsee einmündet, liegt Findhorn, das dritte Findhorn, wie ich lese. Die beiden Vorgängerdörfer wurden entweder im 17. Jahrhundert nach einer Reihe schwerer Stürme unter Dünensand begraben oder 1701 nach einer Flut zerstört. Heute steht gottseidank noch alles, vor allem das Café am Marina-Hafen. Während wir uns draußen auf der Terrasse ein schattiges Plätzchen suchen (in der Sonne ist es tatsächlich zu warm!), und bei unserem Kaffee über die Bay schauen, können wir feststellen, dass immer mehr Wasser durch die aufkommende Flut in die Bay drückt. Boote, die vor kurzem noch auf Sand festlagen, wippen jetzt wieder leicht auf dem Wasser. 

 

Ein Holzschild weist uns aus dem Dorf hinaus: "Moray Coast Trail - Burghead 7 m", wobei das "m" für Meilen steht und nicht für Meter. Was sich nun anschließt, sind eine der schönsten 10 Kilometer meiner bisherigen Wanderung. Nach einem kurzen Stück über einen Dünenpfad sehen wir auf einmal einen weiten, kilometerlangen Strand vor uns. Uns hält kein Dünenpfad mehr. Wir rutschen durch eine Anhäufung von großen Kieselsteinen einen Hang hinunter und befinden uns auf einer riesigen, glatten Sandfläche, die von der letzten zurückgehenden Flut noch so fest ist, dass es sich angenehm darauf gehen lässt. Wir haben Spaß wie die Kinder, hier jetzt so problemlos entlanglaufen zu können. Selten nur begegnen uns andere Menschen und wenn sie es dann ab und zu doch tun, haben sie meist Hunde dabei, die es genießen, sich auf der weiten Fläche auszutoben oder auch mal kurz ins Wasser zu hüpfen. Langsam werden die Sanddünen neben uns immer höher, deutlich sichtbar haben Fluten in Teilen an ihnen genagt oder ganze Abschnitte zum Einsturz gebracht. 

 

Wie ich später lese, wurde auch an diesem Strandabschnitt für die Landungsoperation der Alliierten in der Normandie trainiert. Heute noch finden sich aber auch Reste von Verteidigungseinrichtungen (Sperrblöcke und kleine Schießbunker) am Strand, die der Zahn der Zeit und die Beständigkeit der heranrollenden Wellen zum Teil zerstört, von den Dünen befördert oder halb in den Sand eingegraben haben. Man hatte also selbst eine Art von Invasion befürchtet und wollte vorbereitet sein. Heute liegen sie da so rum, zu nichts mehr nütze.

 

Bald stehen Bäume bis hart an die Dünenklippen, viele haben schon den Kampf gegen die Erosion verloren und sind mit der Spitze zuerst auf den Strand hinuntergestürzt. Immer weiter und weiter werden ihnen andere folgen. Mich erinnert dieses Bild an die Klippen auf Rügen oder entlang der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern.

 

Fast zwei Stunden hinterlassen wir unsere Schuhabdrücke im Sand - und die beiden parallelen Spuren meines Wheelies, nicht zu vergessen. Langsam, aber beständig nähert sich die Flut und der Strand wird schmaler. Aufgänge nach oben auf die Steilküste gibt es kaum, deshalb hoffen wir, frühzeitig genug Burghead erreicht zu haben, bevor das Nordseewasser unsere Schuhe umspült. Trotzdem gönnen wir uns noch eine Rast auf den Betonresten zweier ehemaliger Sperrblöcke. Dieter zieht sich wie immer seine Schuhe aus, heute nur hält er sie auch noch zum Lüften in die sanfte Brise, die vom Wasser herüberweht. Gemeinsam können wir gar nicht oft genug wiederholen, was dies doch heute für eine schöne Strecke ist, für tolles Wetter, für ein herrlicher Tag und überhaupt.

 

Irgendwann wird dann der Sand sehr riffelig, ist nicht mehr so angenehm und einfach zu begehen. Wie auf Bestellung sind wir genau jetzt an einer Stelle, wo mehr Menschen einen Plankenweg von den Dünenhöhen herunterkommen, um den Strand zu bevölkern, vielleicht viele Burgheader, die den Samstagnachmittag für einen kleinen Strandaufenthalt nutzen. So oft hat man das bei solch schönem Wetter in diesem Jahr noch nicht machen können. Wir verabschieden uns vom Strand, gehen den Plankenweg hoch und befinden uns von nun an in einem harzig duftenden Dünen-Kiefernwald, durch den uns ein breiter Weg endgültig nach Burghead bringt.

 

In dem kleinen Städtchen auf einer Landspitze am Ende der weit gezogenen Burghead Bay haben wir unsere Unterkunft in einem Privatzimmer bei Valentina Rosa in der Kingstreet, wo der Tag zu Ende geht bei Menschen mit großer Gastfreundschaft und Zugewandtheit.

 

 

Sieh dir meinen 22,2 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/590896945

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 16 Juni 2016 18:45)

    Wow! Einfach nur wow! Da frisst mich dich mal wieder ein bisschen der Neid an...