Dieter mit am Start

Ardersier - Nairn (21 km)

Dieter trudelte gestern Abend mit Verspätung in unserer Unterkunft ein. "Dieser bescheuerte Busfahrer! Alles hat bis vor einer Stunde perfekt geklappt: der Flug, die Zugfahrt, die Busfahrt war auch sehr schön... und dann vergisst dieser Busfahrer mich in Ardersier rauszulassen! Der wäre mit mir zurück nach Inverness gefahren und hätte das gar nicht gemerkt! Erst als ich bei ihm anfragte, ob das denn alles so richtig sei, hat er mich rausgelassen... und ich konnte zu Fuß nach Ardersier zurück!" Dieter war richtig frackig, aber die Erleichterung darüber, endlich angekommen zu sein, zauberte dann doch ein Lachen in sein Gesicht. Bei einem Abendessen im "Three Stars" und einer Daumenbreite (grins) Whisky konnte er sich zudem noch gut über das Missgeschick hinwegtrösten.

 

Ranger John trinkt beim Frühstück mit uns in seiner Küche einen Kaffee, bevor er seinen Dienst antreten muss. Er trifft sich gleich mit einer Schulklasse, um in der Nähe Delphine zu beobachten, die hier in den Gewässern vor Ardersier in einer beträchtlichen Population anzutreffen sein sollen. Er bittet uns noch, den Hausschlüssel draußen unter die Fußmatte zu legen, wenn wir das Haus verlassen, dann verabschieden wir uns voneinander.

 

Eine halbe Stunde später beginnt für Dieter und mich dann die fünfwöchige gemeinsame Unternehmung "Zwei alte Männer und das Meer - sie schaffen das!" Der Einstieg könnte kaum besser sein. Allein der blaue Himmel mit Sonnenschein fehlt, als wir auf einem schönen Pfad am Kiesstrand der Bucht von Ardersier entlanggehen. Wiedermal ist Ebbe, das Wasser des Moray Firth hat sich zurückgezogen und eine weite Schlicklandschaft hinterlassen. Der Himmel ist noch bedeckt, Wind regt sich kaum und für den Nachmittag ist Sonne angekündigt. Was willst du also mehr, mein Wanderfreund, schreite munter voran! Und das tut er auch. 

 

Kaum eine Stunde vergeht und wir erreichen Fort George, eine imposante Festungsanlage am äußersten Endpunkt einer weit in den Moray Firth hineinreichenden, spitz zulaufenden Halbinsel. Schon bald nach der gewonnenen Schlacht gegen die aufständischen Schotten unter Charles Edward Stuart (Bonnie Prince Charlie) bei Culloden, begannen die Engländer 1748 mit dem Bau dieser Anlage. Von hier aus wollte man die Schotten ein für alle Mal in Schach halten und kontrollieren. Tatsächlich ist es auch danach nie wieder zu Erhebungen gekommen. Ein Dorf, das dort stand, wurde zwangsevakuiert und dem Erdboden gleichgemacht. Viele der Menschen, die dort lebten, haben sich nicht weit weg neue Cottages gebaut. In einem von diesen haben wir heute Nacht geschlafen. Johns Häuschen ist eines von ihnen, wie er uns gestern Abend noch erzählte. 1757 war die riesige Anlage so gut wie fertig, nur 1763 kam noch eine kleine Kirche dazu. Mehrere Kasernengebäude für die Soldaten und Offiziere, Vorratshäuser, Munitionslager, Bastionen, Kasematten, Wallanlagen, Wassergraben, Zugbrücke, Kanonenbatterien, Werkstätten, Exerzierplätze - fast eine kleine umwehrte Stadt, mehr als 40 Fußballfelder groß. Nahezu einmalig: Seit mehr als 250 Jahren hat sich hier, bis auf die jetzt asphaltierten Wege, Straßen und Plätze, nichts verändert. Sogar heute noch ist Fort George eine aktive Militärbasis. Soldaten bewegen sich auf dem Gelände, Militärfahrzeuge sind unterwegs. Die meisten Gebäude und Räume sind dem Militär vorbehalten, einige andere können von Touristen besichtigt werden. Man stelle sich das in einer deutschen Kaserne vor.

 

Dieter und ich streifen mindestens eine Stunde mit einem Audio-Guide am Ohr durch die Anlage, sind dann aber doch ausreichend beeindruckt und ziehen weiter. Eine weitere Wanderung am Küstensaum entlang verbietet sich, rote Fahnen flattern entlang der kleinen Straße und bedeuten uns: "Bis hierher und nicht weiter! Lebensgefahr!" In der Tat hallt das Geknatter von Gewehr- und MG-Salven hinter hohen Stechginsterbüschen zu uns herüber. Jemand muss beweisen können, dass er schießen und auch treffen kann. 

 

Für uns geht es auf der kleinen Straße weiter, links und rechts von uns eine flache Dünenlandschaft, teilweise bewachsen mit großen Kiefern, ein wenig wie in der Uckermark. Aus der kleinen Straße wird eine größere, für kurze Zeit sogar eine Hauptstraße mit viel Verkehr. Wiedermal etwas nervig, aber Dieter bekommt so einmal einen kleinen Geschmack von dem, was mich in den letzten Wochen so manches mal beschäftigt hat. Bald können wir aber glücklicherweise wieder einen schmalen Pfad durch Stechginsterbüsche hindurch nehmen,  kreuzen einen Golfplatz und stehen fast unvermittelt wieder am Ufer des Moray Firth. Die grauen Wolken haben sich mittlerweile verzogen und einem blauen Himmel Platz gemacht, der Firth erscheint genauso blau, und weiß aufschäumende Wellen rollen auf den Sandstrand - ein schönes Bild. Auf einem kurzgehaltenen Graspfad zwischen Strand und Golfplatz streben wir unserem heutigen Ziel Nairn entgegen.

 

An gediegenen viktorianischen Villen vorbei kommen wir ins Zentrum und finden recht bald unser kleines Hotel - nur finden wir erstmal nicht zueinander. Nichts regt sich, kein Mensch zu sehen. Check-in erst ab 16 Uhr, noch eine Stunde, Mist! Na ja, so schlimm auch nicht, direkt auf der anderen Straßenseite ist ein kleines Café. 

 

Und was dann der Tag noch bringt, werden wir sehen. In meinem Wheelie schlummert noch die Flasche Whisky, die Dieter gestern mitgebracht hat. Die Flasche nebst Inhalt ist ganz schön schwer und wir müssen sie etwas leichter machen. Aber nicht, dass wir jetzt in einen falschen Ruf geraten...!

 

 

Sieh dir meinen 21,2 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/588712816

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Donnerstag, 16 Juni 2016 07:54)

    Ha! Das war ja auch höchste Zeit, dass endlich mal Whisky verkostet wird. Was wäre das denn sonst für eine Schottlandreise?