Lovely Seaside Cottage

Inverness - Ardersier (20 km)

Meine drei MitschläferInnen im Hostelzimmer muss ich am frühen Morgen mit Tütenrascheln nerven, denn Plastiktüten sind für mich nicht nur Nässeschutz, sondern auch Ordnungssystem im ansonsten wohl dramatischen Packtaschendurcheinander. Hostelgäste im Mehrbettzimmer sollten aber auf Schnarcher und Tütenraschler vorbereitet und Ohropax kein Fremdwort sein. Trotzdem versuche ich, alles so leise wie möglich zu erledigen, und aus den Betten höre ich nur tiefe und regelmäßige Atemzüge.

 

Frühstück fällt heute aus. Es wird im Hostel weder angeboten noch geben meine Lebensmittelvorräte das her. Wer eben den halben Tag in der Großstadt Inverness rumrennt und dabei verbaselt, sich neue Vorräte zuzulegen, muss eben bestraft werden. Komischerweise fühle ich mich aber gar nicht bestraft. Ich denke mir einfach mein Full Scottish Breakfast und bin auf der Stelle satt. In der Selbstversorgerküche mache ich mir einen Kaffee und bin wenig später auf der Straße. 

 

Ich bin sehr angetan darüber, wie Inverness mich entlässt. Durch schöne Wohngebiete zockel ich dahin und die Markierung der "National Cycle Route 1", die auf schottischem und englischem Boden gleichbedeutend ist mit dem "Northsea Coastal Trial", führt mich vorbildlich wieder hinaus ins Grüne. Petrus hat wohl wieder die kleine himmlische Sprühflasche in der Hand, vielleicht hat er vor, mich ordentlich frisch zu machen. Die Nacht war nämlich nicht durchgehend von erholsamem Tiefschlaf gekennzeichnet. Mein Bemühen, die junge Frau im Bett über mir während der Nacht nicht mit unruhigen Bewegungen zu stören, führte natürlich dazu, dass ich nur sehr temporär schlafen konnte (während sich Madame über mir geschmeidig hin und her warf). Jedenfalls helfen mir jetzt die Sprühflasche und die doch recht kühlen Temperaturen. 

 

Eine prächtige Allee führt mich hin zum Culloden House, einem ehemaligen Herrenhaus in einer wahrlich gepflegten Gartenanlage, in dem sich jetzt die Besserbetuchten für eine Nacht oder länger einmieten können. Berühmt geworden aber ist Culloden weniger durch sein Herrenhaus, sondern eher durch das Gemetzel, was seinerzeit englische Truppen zur Beendigung des Jakobiteraufstandes im nahegelegenen Culloden Moor hier anrichteten. Die Jakobiter - man kann auch sagen: die Schotten - unter Führung von "Bonnie Prince Charlie" haben sich von dieser verlorenen Schlacht nie mehr erholt und die Herrschaft der Engländer über die Schotten war damit manifestiert. Diesen geschichtlichen Hintergrund hier aufzudröseln, würde zu weit führen. Wer aber Interesse an diesem spannenden Abschnitt der englisch-schottischen Geschichte hat, sollte mal googeln unter "Bonnie Prince Charlie" oder "Jakobiteraufstand" oder "Schlacht von Culloden". 

 

Meine "Schlacht" ist auch bald wieder geschlagen. Schon bald hinter dem "Airport Inverness" taucht Ardersier vor mir am Ufer des Moray Firth auf. Dieter hätte auch bis zum "Airport Inverness" fliegen können. Eine Stunde zu Fuß hintendran und schon wäre er da gewesen. Aber wer denkt schon so praktisch (wenn es überhaupt praktikabel gewesen wäre) ...

 

In Ardersier dauert es erstmal einige Zeit, bis ich das "lovely seaside cottage" gefunden habe. Die Hausnummerierungen im Dorf sind etwas diffus. Doch dann stehe ich endlich vor der Haustür, klingele, der Hund drinnen bellt - aber niemand macht auf. Der Nachbar sagt, John käme erst um 16 Uhr zurück. Und wir haben 14 Uhr. Das "lovely seaside cottage" ist kein B&B o.ä., sondern eine Privatzimmervermietung und der Besitzer des Hauses geht wohl noch einer geregelten Arbeit nach. Macht nix! Auf dem Weg durchs Dorf habe ich ein kleines Café gesehen, sogar mit Eisverkauf. Fast zwei Stunden schwelge ich nun in Eis und Kaffee und finde es im Nachhinein gar nicht mehr schlimm, dass der Zimmervermieter noch nicht zu Hause ist. Ich unterhalte mich zudem nett mit der Café-Besitzerin und einigen anderen Gästen und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht.

 

Um kurz nach 16 Uhr stehe ich aber wieder vor dem "lovely seaside cottage" (so beschreibt es das Booking-Unternehmen Airbnb) und jetzt öffnet sich auch die Tür. Ein drahtiger Mittvierziger mit kurzer Hose steht vor mir und strahlt mich an. Es gibt so Menschen, da ist sofort große Sympathie da. John ist einer von ihnen. Er ist Ranger bei Highland Council, für den Naturschutz dort mit zuständig und für die Präparierung und Markierung der Küstenpfade. Damit bin ich ja direkt beim Richtigen gelandet. Ich erzähle ihm von meinen Erfahrungen auf einigen Abschnitten des Weges, aber er weiß um die Problematik. Der Coastal Trail brauche noch einige Zeit, bis er von den Hauptstraßen gänzlich ferngehalten und für den Wanderer bequem und sicher begehbar gemacht ist. Private Grundbesitzer sind das größte Problem. 

 

Während wir so im Gespräch sind, zeigt er mir nebenbei das ganze Haus (ein altes Cottage von 1760), Dieters und mein Zimmer, verspricht mir, noch den offenen Kamin anzumachen und sagt zum Schluss nur noch: "Feel at home!" Als ich mich im Kaminzimmer umsehe, entdecke ich ein paar Flaschen Whisky, u.a. Highland Park und Glenmorangie, und zwei Gitarren, die Speisekarte vom Pub next door und ungefähr einen laufenden Meter alter Langspielplatten aus den 60er- und 70er-Jahren. Ich glaube, ich werde Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit Dieter morgen früh hier überhaupt losgeht. Ich höre ihn schon sagen: "Wir können ja so drei, vier Tage hierbleiben und dann die Strecke mit dem Bus fahren!" - Ja gepfiffen!

 

Aber erstmal muss er überhaupt auftauchen. Ich rechne jeden Moment mit ihm...

 

 

Sieh dir meinen 19,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/587698446

 

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Kommentare: 1
  • #1

    inge geisler (Donnerstag, 26 Mai 2016 09:27)

    Wunderschön! Endlich ist mal wieder die Rede Von "Gelati"!!!!