Dritter Brückenschlag

Culbokie - Inverness (22 km)

Als ich die Treppe herunterkomme, um in den Frühstücksraum zu gehen, kommt mir der Hund entgegen - und rastet vollkommen aus. Er will doch mein neuer Freund sein und unter Freunden muss man doch zusammen spielen. Frühstück ist da doch vollkommen nebensächlich, meint er. Er schleppt mir alles an, was er hat: seinen Ball, eine Decke, eine halb zerlegte Stoffpuppe, einen Beißring und einen frisch abgenagten Knochen. Alles was ich am Frühstückstisch wieder von meinem Schoß herunternehme, ersetzt er durch einen anderen seiner Schätze. Er will mir doch nur Gutes tun. Zum Frühstücken komme ich dann doch noch, aber nur weil Maria das Spielkalb vor die Tür setzt. 

 

Bei meinem Abmarsch geht dasselbe Spielchen wieder von vorne los. Jetzt soll ich doch bitte mal alles durch die Gegend werfen, damit er es mir wiederbringen kann. Zu seinen Utensilien ist jetzt noch ein ansehnliches Stöckchen hinzugekommen. Maria rettet mich und pfeift ihn rein.

 

Der Himmel sieht alles andere als vertrauenserweckend aus. Er ist grau in grau, die Berge der Highlands jenseits des Cromarty Firth sind hinter einem Wolkenvorhang verschwunden und der Raps leuchtet nicht neongelb wie gestern, sondern irgendwie verwaschen. Dennoch bin ich zuversichtlich. Das Wetter hat sich bis jetzt immer positiv entwickelt, auch wenn es erstmal nicht so gut aussah. Warum soll das heute anders sein...

 

Der erste Teil des Tages auf der Black Isle stellt sich heute so dar wie ein längerer Spaziergang durchs Bergische Land: Wälder, Felder, ein ständiges Auf und Ab, mein Weg ist eine schmale Single Track Road, Vögel singen aus Leibeskräften, Kaninchen hoppeln oder flitzen übers Feld und sogar ein Reh mustert mich aus etwa zwanzig Metern Entfernung und ergreift dann doch panisch die Flucht, als es merkt, dass das, was da so steht, nicht ein Baum ist, sondern ein Mensch. Es sprüht etwas vom Himmel, aber für einen Schirmeinsatz reicht es dann doch nicht. Jeder Schotte würde mich fassungslos anstarren. Zu Recht, denn das mit dem Schirm lohnt sich ja meist nicht, so auch jetzt. Nach eineinhalb Stunden unter der Sprühflasche lockert sich der Himmel auf, und als ich bei North Kessock am Ufer des Moray Firth ankomme, lacht die Sonne. Vor mir erhebt sich die Kessock Bridge, hochgespannt, damit noch Schiffe die Docks von Inverness erreichen können. Da muss ich rüber.

 

Bis 1982 verband North Kessock mehrere Jahrzehnte lang eine Fähre mit South Kessock, einem heutigen nördlichen Vorort von Inverness auf der gegenüberliegenden Seite des Moray Firth. Anfangs wurden noch bis 1907 Segel gesetzt, dann wurde auf Dampf umgestiegen. Später wurde daraus eine kleine Autofähre. Bis 1982 war der Weg von Inverness bis North Kessock um einen letzten Arm des Firth (Beauly Firth) herum zu Land bald 40 Kilometer lang. Die einzige Alternative war die kleine Autofähre, die aber für den anstehenden Verkehr in den Norden oder von dort nach Inverness zurück nicht ausgelegt war. Man hätte länger auf einen frei werdenden Fährenplatz gewartet, als dass man mit dem Auto drumherum gefahren wäre.

 

Sechs Jahre lang wurde an der Brücke gebaut, bevor sie 1982 eröffnet wurde. Von nun an war zum einen die Black Isle auf Einkaufsdistanz an Inverness herangerückt und zum anderen die Entfernung zwischen Inverness und dem hohen Norden erheblich verkürzt. Rechnet man jetzt noch die Zeitersparnisse durch die anderen Firth-Brücken (Cromarty Firth und Dornoch Firth) hinzu, so kommt schon einiges zusammen.

 

Bevor ich mich über die Brücke "schwinge", lege ich im "Tearoom White Cottage" eine Rast ein. Zu schön ist es, draußen vor dem Cottage in der Sonne zu sitzen und nochmal die Ruhe zu genießen, bevor es gleich in die viertgrößte Stadt Schottlands geht. Auf dem Firth schippern ein paar Boote, von der Brücke schallt Autorauschen hinunter, ich genieße meinen Kaffee und den Scone, meine kleine Welt ist im Moment in Ordnung.

 

Der Gang über die Brücke ist direkt komfortabel: ein breiter Fußweg, durch Planken gegen den rasenden Verkehr der A9 abgesichert, ein toller Blick zurück auf North Kessock, aber auch nach vorn auf das Hafen- und das Stadtgebiet von Inverness und die weite Fläche des Firth, dazu Sonnenschein von einem inzwischen fast lupenrein blauen Himmel und eine nur leichte Brise.

 

Mein GPS führt mich problemlos zu meinem Hostel in unmittelbarer Nähe zum Inverness Castle. Ich checke ein - und bin auch schon wieder raus. Das schöne Wetter und die nette Stadt halten mich nicht drinnen. Ein Rundgang muss noch drin sein. Vor einigen Jahren war ich ja schon mal hier, mal sehen, ob ich was wiedererkenne.

 

 

Sieh dir meinen 21,7 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/586735979

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Dieter (Mittwoch, 25 Mai 2016 08:27)

    Bis heute Abend, alter Mann. Wahrscheinlich 18:29 oder vielleicht doch erst 20:59 Ardersier, High Street!
    Bis dann
    Dieter