Ein neuer Freund

Alness - Culbokie (15 km)

Heute ist die erste Hälfte meiner Tage in Schottland rum. Ich habe jetzt schon wieder so viele Erinnerungen an diese über fünf Wochen, dass ich fast nicht weiß, ob nochmal dieselbe Menge auf meiner "Festplatte" Platz findet. Die zweite Hälfte werde ich nun mit Dieter bestreiten. Er reist übermorgen an und wir werden uns kurz hinter Inverness treffen. Ich glaube, er ist jetzt schon ganz rappelig und scharrt mit den Füßen. Etwas über 560 km habe ich bisher zurückgelegt, eigentlich für die Zeit nicht viel. Aber auf den Shetlands und Orkneys habe ich mir Zeit gelassen, und ganz abgesehen davon bin ich inzwischen in dem Modus, wo ich noch viel (Kilometer) kann, aber sie gar nicht mehr unbedingt haben muss. Wie schön sind doch die entspannenden Nachmittage und Abende in den Unterkünften, wo man sich nicht irgendwelche Wunden lecken muss. 

 

Außerdem sind bereits sechs Kilogramm höchst überflüssigen Bauchspecks weg, das ist doch auch schon was. Wenn das die nächsten fünf Wochen so weitergeht... Mit Dieter werden es in ungefähr der gleichen Zeit mindestens 100 Kilometer mehr werden, ich werde mich also noch steigern. Ich hoffe nur, dass meine Wanderschuhe nicht anfangen rumzuzicken. Die Sohlen werden rapide dünner, kein Wunder bei den vielen Asphaltkilometern. Weniger beim Hüftgürtel ist ja nicht schlecht, aber bei den Sohlen... Schuhe ohne Sohlen geht doch gar nicht!

 

Auf demselben schönen Radweg, den ich gestern bereits zwischen Invergordon und Alness genießen durfte, gehe ich auch heute weiter am Cromarty Firth entlang. In weiten Bereichen liegt er trocken da, es ist Ebbe. Zu beiden Seiten des Firth ziehen sich fruchtbare Felder und Wiesen die Hänge hoch, der im Moment in voller Blüte stehende Raps blendet fast, wenn die Sonne darauf scheint. Und heute Morgen scheint sie ganz schön. Immerhin dürften wir so um die 15 °C haben und ich überlege, den Anorak auszuziehen und im Hemd weiterzumarschieren. So gut wie windstill ist es außerdem. Aber ich lasse es. Nicht leichtsinnig werden...!

 

Auf dem Radweg stoße ich jetzt öfter als zuvor auf die kleinen blauen Schilder mit der weißen "1" im roten Rechteck. Hier ist der "Northsea Cycle Trail 1" im schottischen Teil seiner über 6.500 km langen Gesamtstrecke gut markiert. Ob ich es jemals schaffen werde, in enger Nachbarschaft zu dieser Fahrradroute auch zu Fuß diese Strecke zu absolvieren? Bald auch noch durch England, Holland, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen bis nach Bergen immer an der Nordseeküste entlang? Klingt alles noch vollkommen verrückt. Aber man muss doch Pläne haben, Sehnsüchte ausleben, sich Träume erfüllen. Und wenn dann andere Pläne und andere Träume dazwischenkommen - auch gut.

 

Bald hinter Evanton verlasse ich den "Northsea Cycle Trail 1", der einen etwas anderen Verlauf für die nächsten Kilometer nehmen wird als ich. Irgendwo werde ich wieder auf ihn stoßen. Ich muss zur Cromarty Bridge, die mich mit ihrer Länge von über einem Kilometer auf die andere Seite des Firth zur Halbinsel Black Isle bringt. Dafür muss ich mir für knapp zwei Kilometer wieder die Betriebsamkeit der A9 gefallen lassen, dieser durchgehenden "Rennstrecke" von Inverness bis Thurso im hohen Norden des schottischen Festlands, nicht weit von John O'Groats entfernt.

 

Zumindest bei Überquerung der Brücke, dachte ich mir, wird der Wind wieder auffrischen und gut, dass du deinen Anorak anbehalten hast. Doch nichts da, nicht ein Hauch ist zu spüren. Der Cromarty Firth liegt flach wie ein Spiegel. Ich sehe die weißen Wolken zweimal: einmal am Himmel, das andere Mal im Wasser. Drumherum die Ausläufer der östlichen Highlands oder die Hänge der Black Isle, ein schönes Bild. Ich kann es sogar in aller Ruhe genießen, denn die Brücke hat auf einer Seite einen breiten Fußweg, der ein Stehenbleiben und Sich-Umschauen risikolos erlaubt. 

 

Drüben am Hang der Black Isle sehe ich sogar schon mein Tagesziel, Culbokie. Zum Schluss also nochmal ein paar Höhenmeter, aber das macht nichts. Die Strecke heute war mal wieder recht kurz und nicht anstrengend. Ich bin mir sicher, dass, einer alten Tradition gehorchend, meine Unterkunft wieder auf der anderen Seite des Dorfes liegen dürfte, aber weit gefehlt. Ich traue meinen Augen nicht, als ich noch vor dem eigentlichen Ortsanfang ein Schild am Straßenrand lese: "Netherton Farm B&B". Ich bin sprachlos - aber nicht bewegungslos. Die letzten 200 m gehe ich an einem wahren Meer von Raps entlang, habe einen wunderbaren Blick hinunter auf den Firth, auf die Brücke und auf die Highlands und denke nur: Boah, jetzt wäre es noch schön, wenn du diesen Blick aus deinem Zimmerfenster hättest. Und ich habe ihn, das sei schon mal gesagt.

 

Vor dem Haus liegt ein großer, schwarzer Hund, irgendein Mischling. Kaum sieht er mich, springt er auf, zieht den Schwanz ein, bellt offensichtlich aus Angst und verzieht sich um die Ecke. Na du bist ja ein toller Hofhund, denke ich mir, jedenfalls mir im Moment lieber, als wenn du gefährlich knurrend auf mich zu geschlichen kämst. Ich gehe in die Knie, locke ihn mit gutem Zureden (auf Englisch!) herbei. Er lässt sich darauf ein, kommt die letzten zwei Meter fast auf den Brustwarzen angekrochen, guckt mich zum Hundserbarmen von unten an - und leckt mir die hingehaltene Hand. Dann ist kein Halten mehr: Der Schwanz peitscht hin und her, er windet sich nach links und rechts, umkreist mich in einem fort und bringt mir dann seinen Ball. Ich bin ab sofort sein neuer Freund. 

 

Die Tür öffnet sich und ein Typ "rassige Spanierin" steht vor mir. Sie ist eine rassige Spanierin, denn sie spricht kein Wort Englisch, nur Spanisch. Als sie merkt, dass ich aber davon kaum was verstehe, schafft sie immerhin ein laut vernehmliches "Jerry?!" Sekunden später kommt Jerry aus dem Schuppen geflitzt. Er ist... wie soll ich sagen... offenbar einer der wenigen Übriggebliebenen aus der Hippie-Bewegung (obwohl ich mich über diese absolut nicht negativ äußern möchte!). Von Statur recht klein (ungefähr meine Achselhöhe), die wenigen, (immer noch) schulterlangen Haare mit einem schmalen, geflochtenen Lederstirnband gebändigt, einem abgewetzten Muskelshirt, das vielleicht mal blau war und einer viel zu großen Trainingshose, in der er aussieht wie Obelix nach acht Wochen Weight Watchers. In der Tat ist er so dünn, dass ich schon fast Mitleid bekomme und ihm am liebsten ein paar Meisenknödel um den dünnen Hals hängen möchte, damit er durch den nächsten Winter kommt. Dafür ertrinken seine Augen in Heiterkeit, er begrüßt mich überschwänglich, stellt mir Maria vor, die er vor einem Jahr aus Spanien mit hierher ans Ufer des Cromarty Firth gebracht hat,  und bringt mich dann auf mein Zimmer.

 

Ich bin an einem wunderschönen Ort angekommen, ich sehe es aus meinem Fenster.

 

Sieh dir meinen 14,4 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/585308830

 

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