Ein wenig "Münsterland"

Hill of Fearn - Alness (24 km)

Zumindest bei den Schuhen hatte ich so meine Zweifel. Ob die nach dieser Sintflut wieder frühzeitig trocken würden? Sie wurden, genauso wie alles andere.  Die Wettervorhersage für heute verspricht Sonnenschein, aber auch die ein oder andere Schauer. Eine Schauer war das gestern auch, aber eine von einer Stunde Dauer und eine sehr ergiebige. Die Strecke wird aber heute dafür einfach sein. Kletterpartien über Mauern und Zäune sind nicht zu befürchten.

 

Beim Frühstück dasselbe friedliche Bild wie gestern Abend. Die Sonne scheint auf die große Schafherde auf der gegenüberliegenden Weide, alle Pullovertiere scheinen noch an derselben Stelle zu stehen und das Gras zu nibbeln. Die Lämmer springen zwischendurch herum, einige scheinen miteinander Fangen zu spielen oder dösen, auf der Wiese liegend, in der Sonne. Schwalben kreisen vor dem Fenster, vollführen ein aufgeregtes Gezeter und immer mal wieder kommt eine Schwalbenmutter herangeschossen und bringt ihren Jungen Futter, die in ihrem Nest unter dem Dachvorsprung bei der Eingangstür schon lange darauf warten. Irgendwie ein schöner Morgen, Zeit für mich zu gehen.

 

Die ersten zwei Stunden habe ich den Eindruck, durchs Münsterland zu wandern. Wenn die Berge am Horizont nicht wären, könnte man wirklich den Eindruck haben. Bis auf die Schafe, die sind hier mehr vertreten. Weit dehnen sich die Wiesen, kaum mal von einem Zaun oder einer Mauer unterbrochen. Selbst große Schafherden verlieren sich auf ihnen. Äcker mit jungem Getreide, mit gelbleuchtendem Raps, dazwischen immer mal wieder stattliche Bauernhöfe, zum Teil mit zwei, drei mächtigen Getreidesilos, aber auch einige kleinere Herrensitze, denen man ansieht, wer der Besitzer von dem allen ist oder zumindest mal war. In hohen Bäumen sitzen zum Teil Schwärme von Krähen und vollführen bei meinem Vorbeikommen ein höllisches Spektakel. Umso ruhiger ist es dafür auf der kleinen Straße, auf der ich durch diese bäuerliche Landschaft ziehe. Hohe Hecken begleiten sie streckenweise, aus denen immer mal wieder Vögel heraus- und auch wieder hineinfliegen und für einen Kilometer etwa wird aus der Straße auch mal eine wunderbare Allee, die mich an die in Mecklenburg-Vorpommern erinnert.

 

Ziemlich unvermittelt ändert sich das Bild. Ich überquere meine A9 aus vergangenen Tagen und zweige auf eine andere Straße ab, die mich nun immer näher ans Ufer des Cromarty Firth heranbringt. Wer einen Blick auf die Karte wirft, stellt fest, dass sich dieser Firth wie ein länglicher Luftballon ins Landesinnere öffnet und damit einen riesigen natürlichen Hafen darstellt. Diese Tatsache haben sich in der Vergangenheit nicht nur die Schifffahrt und die Marine zunutze gemacht, sondern auch die Ölindustrie. Das tiefe Wasser des Firth konnte und kann von großen Schiffen angefahren werden, deshalb sah Invergorden, die bedeutendste Besiedlung am Firth, früher nicht nur mächtige Dampfschiffe hier festgemacht liegen, auch die königliche Marine hatte hier eine Basis, wo sie Schiffe reparieren oder betanken ließ. Wegen der Nähe zu den Ölplattformen der Nordsee entwickelte sich in Nigg, auf der gegenüberliegenden Seite des Cromarty Firth, aber auch im Hafenbereich von Invergorden selbst eine Schwerindustrie zur Herstellung von Ölplattformen. Während die Produktion in Nigg in den letzten Jahren nachließ, wird in Invergordon weiterhin kräftig daran gebaut.

 

Aber noch jemand profitiert von dem geschützten riesigen Hafenbereich des Firth mit seiner beträchtlichen Wassertiefe: Der Landungssteg für die Kreuzfahrtschiffe ist selten unbesetzt. Schon vor einigen Wochen, als ich in Lerwick auf den Shetlands das deutsche Ehepaar traf, welches mit der Aida unterwegs war, berichtete mir dieses auch von Invergordon als einen ihrer Anlaufpunkte. Heute liegt hier die "Mein Schiff 1" (seltsamer Name, finde ich) des TUI-Konzerns und lässt alles andere drumherum nahezu winzig erscheinen. Die Frage ist: Wieso gerade Invergordon? Was macht man da beim Landgang? Nun, die Freunde der gepflegten Kreuzschifffahrt können sich hier bis ganz nah an die schottischen Highlands heranbringen lassen. Inverness, Loch Ness, Balmoral Castle und andere schottische Postkartenschlösser, Whisky-Destillerien und traumhafte Landschaften sind von hier nicht weit. Zumindest diejenigen, die vom Schiff aus mal eben die ein oder andere Busfahrt dazugebucht haben, kommen während des mehrstündigen Aufenthalts ganz schön rum. Nicht umsonst steht eine ganze Armada von Reisebussen am Anlegesteg und wartet auf Kundschaft. Ich sehe aber auch wieder, wie seinerzeit auf den Shetlands, mehrere Grüppchen von Radlern, die ihren radelnden Anführern (meist drahtige junge Männer mit Sonnenbrille, selbst wenn die Sonne nicht scheint) hinterherzockeln. Was die allerdings von dem erleben wollen, was Schottland ausmacht, erschließt sich mir nicht. Aber vielleicht wollen sie sich auch nur mal etwas bewegen. 

 

Eine letzte Stunde noch gehe ich auf einem angenehmen Radweg am Cromarty Firth entlang, werde überholt von Fahrradgruppen der "Mein Schiff 1", sehe sowohl Segelschiffe vor hier im Firth auf Halde liegenden Ölplattformen kreuzen als auch noch schneebedeckte Highlandberge. Eins weiß ich genau: Mit Schnee unter meinen Füßen werde ich auf dieser Tour keine Bekanntschaft mehr machen, mich werden nur noch Unterkünfte etwas ärgern können, die nach einem langen Wandertag am entgegengesetzten Ende des Zielorts liegen. Wie jetzt das Morven House Guesthouse in Alness.

 

Mein Zimmer ist allerdings recht originell. Noch nie habe ich mit dem Kopf so nahe an der Kloschüssel geschlafen. Bett, Klo, Dusche, Waschbecken - nicht viel mehr als eineinhalb Meter voneinander entfernt. Im Rest des Zimmers kann ich gerade mal stehen und meinen Wheelie parken. Der genügsame Mensch kommt eben mit wenig (Platz) aus.

 

 

Sieh dir meinen 24,0 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/584386130

 

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