Einige Prüfungen

Hill of Fearn - Balintore - Hill of Fearn (17 km)

Frage: Was ist ein gewichtiger Nachteil vom Internet? Antwort: Dass nicht mehr viele Menschen Zeitung lesen und dann kein Papier mehr vorrätig ist, um sich damit die klitschnassen Schuhe auszustopfen. Frage: Was ist das Gute an Weihnachtsservietten? Antwort: Wenn keine Zeitungen vorrätig sind, kann man sich halt damit die Schuhe ausstopfen. Ich komme darauf zurück...

 

Agnes packt mir zum Abschied noch einige ihrer "homemade cakes" ein. Davon durfte ich vorgestern schon probieren und gestern auf dem Weg nach Portmahomack bekam ich sie auch als Wegzehrung mit. Gestern waren es drei Schoko-Nuss-Teilchen (jedes für sich war eigentlich eine komplette Mahlzeit!), heute landen vier Erdnussbutter-Nuss-Teilchen in Alufolie in meinem Tagesrucksack. Nach dem Full Breakfast und dem Verzehr dieser Köstlichkeit werde ich heute einige Kalorien verbrauchen müssen, um das abzufangen. Leb wohl, Agnes, du warst ein Schatz!

 

Auf dem Weg zur Bushaltestelle frage ich mich immer noch, warum ich bei meinen Planungen zu Hause so kompliziert vorgegangen bin. Anstatt, wie jetzt beabsichtigt und ja auch logisch, mit dem Bus direkt nach Portmahomack zu fahren und dort meinen Weg fortzusetzen, steht in meinem "Logbuch": "Bus Tain - Balintore, dann Rundweg; anschließend Bus Balintore - Hill of Fearn (Unterkunft)". Als der von mir gestern auf dem Fahrplan entdeckte Bus nach Portmahomack fünf Minuten über die Zeit ist, durchzuckt es mich. Welchen Tag haben wir heute? Ein Blick aufs Handy - Samstag! Schöner Schaden, das war der Grund! Nach Portmahomack fährt erst mal nichts, aber in zehn Minuten nach Balintore, da komme ich auf meiner Strecke sowieso vorbei. Na gut, dann eben so! 

 

Im Bus kommt mir eine Idee: Wenn der Bus auf seinem Weg sogar über Hill of Fearn fährt, an meinem Hotel vorbei, dann...? Ich gehe nach vorn zum Fahrer und frage ihn und er bestätigt mir, dass direkt vor dem Hotel die Bushaltestelle ist. Bingo! Dann fahre ich eben weiter bis Hill of Fearn mit, lasse meinen Wheelie im Hotel und mache mich dann auf den Weg. So geschieht es.

 

Leider hat aber das Hotel zu dieser frühen Stunde noch geschlossen. Nur die Tür im ersten kleinen Vorbau, bevor man zur Haupteingangstür reingeht, ist offen. Ich spreche der Hotelverwaltung auf den Anrufbeantworter, dass ich meinen Wheelie hier zurücklasse und verabschiede mich bis heute Nachmittag. 

 

Wieder ein Wandertag ohne Wheelie, eigentlich doch eine gute Alternative. Aber nicht ohne Regenschirm...! Jawohl, den gibt es auch noch! Bisher ist er noch nie (!) zum Einsatz gekommen, entweder weil es nicht regnete oder weil es für einen Schirm viel zu windig war. Heute regnet es (nicht viel, aber ausreichend genug, um mich durchzuweichen) und es ist nicht windig. Also Gründe genug, meinem jahrelangen Wegbegleiter endlich seine Premiere zu gönnen.

 

Von ihm wohlbehütet ziehe ich nun auf einer kleinen Straße Richtung Portmahomack dahin, sehe viel Acker- und Weideland vor mir, sehe das Weidevieh, wie es stoisch dem Regen trotzt und bin beeindruckt über die Wasserfontänen, die die durch riesige Pfützen rasenden Autos fabrizieren. Glücklicherweise bin ich in diesen Momenten immer weit genug davon entfernt. 

 

Irgendwann bin ich bei einem Blick auf meine Karte der Meinung, dass ich so langsam in den Rundweg-Modus einlenken sollte, biege von der Straße ab und gehe auf einem Wirtschaftsweg Richtung Küste. Nach etwa einer Dreiviertelstunde stellt sich heraus, dass die Zeichnung meiner Karte die natürlichen Gegebenheiten für mich nicht ganz deutlich dargestellt hat. Denn wo ich jetzt auf einen Weg nahe am Ufer entlang in Richtung Hilton of Cadboll und Balintore einschwenken will, zeigt mir die Realität ein zwar nicht sehr hohes, durch seinen undurchdringlichen Stechginsterbewuchs aber nicht zu bewältigendes Kliff auf. 

 

Von diesem Moment an beweist die Tatsache, dass ich gerade heute mal wieder nicht meinen Wheelie hinter mir herziehen muss, dass es wahrlich nahezu himmlische Fügungen gibt. Denn von nun an heißt es wieder klettern! Über eine Mauer nebst Stacheldraht muss ich zunächst mal auf eine große Weide. In weiter Entfernung sehe ich zwar eine Herde Kühe, aber die stehen dahinten in aller Ruhe und lassen sich wohl ihr Fell trocknen. Denn der Regen hat aufgehört (damit habe ich beide Hände zum Klettern frei!) und die Sonne hat sich zwischen einzelnen Wolkenlücken hervorgekämpft. Als ich nun an der langen Mauer entlang durch das nasse Gras stapfe, passiert das, was nicht passieren soll. Die Kühe werden auf mich aufmerksam, drehen sich um, fixieren mich und setzen sich in Bewegung. Erst vorsichtig, dann selbstsicher voranschreitend, schließlich sogar galoppierend. Der Acker vibriert. Die greifen an! Lieber Gott, mach jetzt keinen Scheiß, das kannst du jetzt nicht machen, durchfährt es mich. Ich bin mir nicht sicher, ob der alte Mann mir zuhört. Meine Schritte werden schneller. Vielleicht bin ich ja eher an der nächsten Mauer als die Kühe bei mir. Natürlich ein Trugschluss. Inzwischen habe ich auch bemerkt, dass diese Tierchen etwas anderes zwischen den Hinterbeinen haben als pralle Euter. Was die Sache nicht entspannter macht. Als die wilde Meute nicht mehr viel weiter als dreißig Meter von mir entfernt ist, ziehe ich meine ultimative Waffe: meinen Regenschirm. Ich fuchtel nicht damit herum, sondern stoße ihn nur einmal in die Luft, wie ein Torero in der Stierkampfarena von Sevilla - und alle Toros drehen ab. Im Moment bin ich nahezu verblüfft, habe jetzt aber auch mal nichts dagegen.

 

Hinter der nächsten Mauer mit dem nächsten Stacheldraht kommt die nächste Prüfung. Auf der Weide war das Gras wenigstens noch kurz, jetzt kommt blühender Raps, etwa 500 m lang hoher, triefend nasser Raps. Alternative null! Da muss ich durch! Es ist, als wenn ich durch ein Freischwimmerbecken gehe. Teilweise bis unter die Arme klatscht mir der Raps an den Körper. Mein Anorak kann noch ganz gut damit umgehen, aber Hose und Schuhe sind bald vollkommen nass. Jetzt mit dem Wheelie hier - ein Alptraum!

 

Das soll es aber noch nicht gewesen sein. Hinter der nächsten Mauer und dem nächsten Stacheldraht kommt ein Getreidefeld, kniehoch bereits im Wuchs. Die goldene Regel noch aus Nachkriegszeiten "Gehe nie durch ein Getreidefeld, du zertrampelst damit Brot!", kann hier nicht befolgt werden. Ich kann nicht anders. Das Wasser steht mir inzwischen in den Schuhen.

 

Die Hose klebt mir an den Beinen und das Wasser schwappt in meinen Schuhen hin und her, als ich zuerst durch den kleinen Ort Hilton of Cadboll und dann durch das sich direkt anschließende Balintore tappse. Wie bereits gestern in Inver oder Portmahomack: kleine, nebeneinanderstehende Häuser, zum Wasser ausgerichtet, kleine Piers, einige Boote, kleine Gärten zwischen den Häusern und dem Wasser und der Geruch nach Seetang.

 

So schön dieses Bild ist, so sehr beunruhigt mich doch etwas anderes: Der Himmel vor mir hat sich zu einer schwarzen Wand entwickelt. Die Sonne ist über Hilton of Cudboll und Balintore mittlerweile auch verschwunden, da braut sich etwas ganz Übles zusammen. Aber was kann mir passieren? Ich habe meinen Schirm dabei und in maximal einer Stunde bin ich im Hotel in Hill of Fearn. Ich beschleunige meinen Schritt, soweit es meine wasserschweren Schuhe zulassen. Erste Tropfen fallen, aber es hält sich noch alles in Grenzen. Noch zwei Kilometer bis Hill of Fearn. Dann wird es mehr, immer mehr. Meine Hose, die von der Sonne schon fast wieder trocken war, bekommt jetzt, da der Wind aufgefrischt hat und jetzt von der Seite kommt, den zweiten Waschgang. Ich höre Donnergrollen. Wie bitte? Heute ein Gewitter? Nichts war davon in der Wettervorhersage zu sehen. Minuten später explodieren taubeneiergroße Tropfen zu Milliarden auf dem Asphalt, am schlammfarbenen Himmel eine beachtliche Light-Show zuckender Blitze, ein Trommelfeuer von krachendem Donner folgt. Die Natur führt ein wenig Krieg. Die Götter sind zornig. Ein vorbeirasendes Auto rast auf meiner Höhe durch eine gewaltige Pfütze und lässt eine Wasserfontäne über mich zusammenschlagen. Ich schnappe erschrocken nach Luft und bin ab sofort der Meinung, dass es jetzt reicht. Fluten kommen mir die Straße hinunter entgegengeflossen und überspülen teilweise meine Schuhe. Obwohl Häuser links und rechts der Straße stehen, sehe ich keine Menschen. Vielleicht bauen sie gerade an einer zweiten Arche Noah.

 

Bevor ich mich vollkommen in Wasser auflöse (auch ein Schirm kann da nicht mehr viel machen), erreiche ich tatsächlich noch meine Unterkunft, das kleine "Hotel of Fearn". Tropfend stehe ich im Flur und der Chef des Hauses überschlägt sich bald vor Fürsorge - nur Zeitungspapier für meine Schuhe kann er mir nicht zur Verfügung stellen, dafür aber ein Paket Weihnachtsservietten.

 

Beim Abendessen sitze ich unten in der Bar am Fenster. Während hinter mir im Fernseher wohl gerade ein aufregendes Fußballspiel übertragen wird, liegt vor mir eine weit überschaubare Fläche fruchtbaren Weidelandes, bevölkert von einer Unmenge an Schafen mit ihren Lämmern. Die Sonne scheint und nur ein paar wenige dicke Wolken ziehen behäbig vorbei. Ich genieße diese stillen Stunden am Abend, wenn die Schwierigkeiten des Tages eine amüsante Erinnerung geworden sind.

 

 

Sieh dir meinen 16,7 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/583224006

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Die Pilgertochter (Samstag, 21 Mai 2016 22:49)

    Du meine Güte... Das klingt aufregend... Füchterlich... Abenteuerlich... Nervtötend... Hm... weiß jetzt nicht, ob ich das gut oder total blöd gefunden hätte...