Erst Aua, dann Boah

Tain - Portmahomack - Tarbat Ness Circle (28 km)

Am heutigen Morgen erwache ich mit einem entsetzlich dicken Kopf. Mein Mund fühlt sich an wie Sandpapier und ich habe Sehstörungen. Vorsichtig stütze ich mich auf meine Ellenbogen und versuche die Augen richtig zu öffnen, aber die sind irgendwie zusammengeklebt, so dass sie nur mühsam im Zimmer umherspähen können. Es ist hell, furchtbar hell, und das Zimmer dreht sich bedenklich. Als ich mich zufällig im Spiegel entdecke, bekomme ich einen Schreck. Hatte ich gestern einen Unfall? Aber dann bin ich schon wieder erschöpft und sinke zurück ins Kissen. Vielleicht sollte ich noch ein wenig schlafen und hoffen, dass sich der Boden nicht mehr bewegt, wenn ich aufwache.

 

Was war denn nur wieder passiert? Es ist aber auch wie verhext! Jedes Mal muss es einmal anscheinend sein auf meinen Touren. Nie geplant, immer so hineingeschlittert. Gestern Abend hatten mich die vier jungen Männer, die ebenfalls bei Mutter Agnes ihr Quartier haben, dazwischen. Ich traf sie zufällig beim Weg zurück von der Dusche, als sie alle um den großen Tisch im Frühstücksraum saßen und den Abend ausklingen ließen - mit einer Flasche Whisky. Wohlgemerkt: Jeder mit einer Flasche Whisky. Agnes hatte ihnen ja schon von mir erzählt und sie ermahnt, am Abend und morgen früh leise zu sein. Und das wollen sie auch ganz bestimmt, beteuerten sie mir, aber erstmal müsse ich mich jetzt zu ihnen setzen und erzählen.

 

So begann denn ein munteres Fragen und Antworten, und damit mir auch ja immer mehr einfiel, meinten sie, mir mit dem Lebenswasser nachhelfen zu müssen. Irgendwann kam dann auch noch Robert, Agnes' Mann, mit in die Runde. Natürlich nicht alleine, sondern mit noch einer Flasche Whisky. Er hatte gehört, dass ich auch auf den Orkneys unterwegs war und seine Heimat sind die Orkneys. Gemeinsam schwadronierten wir nun über die Schönheit der schottischen Landen und wunderten uns so nebenbei, wie klein doch eigentlich diese schottischen Whiskyflaschen sind. Agnes stand eine Stunde lang daneben, dann setzte auch sie sich zu uns, grinste breit, schüttelte aber öfter mit dem Kopf und seufzte immer wieder "Goodness me!" Ich weiß nicht mehr genau, wann und wie ich ins Bett gekommen bin.

 

Den Tag sollte man auf angenehmere Weise beginnen als mit Aufstehen, geht es mir durch den Kopf, als ich meinen Brummschädel unter die Dusche halte. Zum Frühstück bitte ich Agnes nur um ein paar Scheiben Toast, Full Scottish Breakfast wäre rausgeschmissenes Geld. Agnes schüttelt immer noch den Kopf. "Goodness me! Goodness me! Robert is so ill!" Von den vier Jungs ist noch gar nichts zu hören, auch kein Wunder, sie müssen heute nicht arbeiten, sondern reisen gegen Mittag ab. Ich gönne mir auch noch eine Stunde auf der Matratze, dann rufe ich mich zur Ordnung. Es muss gegangen werden!

 

Als ich gegen 11 Uhr losmarschiere, haben sich meine Augen wieder erstaunlich einjustiert, der nagende Kopfschmerz ist so gut wie weg, nur meinen Wasserhaushalt muss ich immer wieder auffrischen. Aber damit habe ich gerechnet und für genug Vorräte gesorgt. So läuft es sich dann doch ganz gut, keine vielbefahrene Straße ärgert mich, kein Wind bringt mich aus dem Gleichgewicht und keine Steigung außer Atem. 

 

Wieder sind es brettflache Verlandungsflächen, die zunächst meinen Weg bestimmen, nur jetzt auf der südlichen Seite des Dornoch Firth. Wieder Schafe und Rinder in Mengen, und als ein Bauer mit seinem Landrover auf eine Weide fährt und mehrere Eimer Ergänzungsfutter ausleert, laufen Hunderte von Schafen zusammen und rennen ihn bald um. Das Geblöke ist ohrenbetäubend und manchmal habe ich kurz Bedenken, ob nicht in diesem Getümmel vielleicht das ein oder andere winzige Lamm zu Schaden kommt.

 

Dann genau das Gegenteil. Ich komme nach Inver, einem kleinen ehemaligen Fischerort an der Inver Bay. Hier rührt sich nichts, bis auf das Plätschern der kleinen Wellen, die zwischen den groben Kieseln auf dem Strand zerlaufen, und dem aufgeregten Geschrei der Oystercatcher, die sich über den fremden Besucher im Dorf aufregen. Eng zusammen stehen die kleinen Häuser, die früher einmal arme Fischer beherbergten, jetzt aber mit ihren kleinen Vorgärten oder vorgebauten Windfängen schon von außen eine urige Gemütlichkeit im Inneren vermuten lassen. Bis an den kleinen Deich, der vor dem Wasser der Bucht schützen soll, reichen die kleinen Gärten, wo hier mal die Wäsche an der Leine flattert, dort mal ein Boot festgemacht ist oder eine kleine Sitzgruppe zu einer Rast einlädt.

 

Doch diese Ruhe und Beschaulichkeit gab es nicht immer in Inver. Ganz abgesehen von den geschäftigen Zeiten während der Heringsfischerei, die den Menschen wenigstens ein Einkommen sicherten, hatte es das Leben mindestens zweimal nicht gut mit den Menschen von Inver gemeint. Direkt am Deich steht ein kleines Mahnmal aus Sandstein, das an die Cholera-Epidemie erinnert, der 1832 mehr als die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer fiel und hier an dieser Stelle in einem Massengrab beigesetzt wurde. Nicht tödlich, aber dennoch eine Belastung für die Menschen von Inver und der Umgebung war eine Evakuierungsmaßnahme, die hier von November 1943 bis April 1944 stattfand. In dem Küstenstreifen bei Inver sollte trainiert werden für die D-Day-Landeoperation in der Normandie, jener großen Invasion der Engländer und Amerikaner, die den Wahnsinnigen letztlich in die Knie zwang. Über 900 Menschen und alle landwirtschaftlichen Nutztiere wurden dafür von hier vorübergehend weggebracht.

 

Oben auf dem kleinen Deich verläuft nun mein Weg, aber nur kurz, dann geht es am Strand entlang weiter. Der Sand des Strandes ist von der letzten Flut noch feucht und daher fest und lässt sich gut begehen. Jede Menge Muscheln und Austernschalen bedecken den Sand, auf Felsen im Wasser hocken Möwen und Kormorane, zwischen den groben Kieseln auf dem Strand hat sich Seetang verfangen und Oystercatcher stochern mit ihren langen roten Schnäbeln darin herum. Es riecht nach Meer. 

 

Irgendwann geht es am Strand entlang nicht mehr weiter, dann muss ich in die recht hohen Dünen hinauf. Der Sand wird schwerläufiger, tiefer, anstrengender. Doch bevor es lästig wird, kann ich wieder auf einen breiten Sandstrand zurück und ihm letztlich folgen, bis ich die ersten Häuser von Portmahomack erreicht habe. Boah, war das schön! Mein dicker Kopf ist weg, ich bin nur noch euphorisiert von dieser schönen Landschaft, dem herrlichen Wetter, diesem wunderbaren Weg. 

 

Dann dieses Portmahomack! Langgestreckt liegt es an der weitgezogenen Bucht, von der sich gerade das Wasser zurückzieht und eine - im wahrsten Sinne des Wortes - spiegelglatte Sandfläche hinterlässt. Die Häuser stehen hier mit ihrer breiten Frontseite zum Wasser hin ausgerichtet, weiß oder in bunten Farben gestrichen, am Pier des kleinen Hafens dümpeln ein paar Boote. Ein, zwei kleine Läden, ein paar B&B's, ein von außen bescheiden wirkendes Hotel (allerdings mit "Gourmet-Restaurant") beweisen, dass hier Fremdenverkehr kein Fremdwort ist. Das durfte ich aber bereits vor einigen Monaten feststellen, als ich über das Internet hier auf Quartiersuche war. Ergebnis damals: entweder viel zu teuer oder "fully booked". So werde ich also heute noch eine zweite Nacht bei Agnes in Tain verbringen - garantiert aber ohne Whisky.

 

Mein Bus zurück nach Tain geht erst in drei Stunden. Zeit genug, nochmal die Strecke bis zum Leuchtturm auf Tarbat Ness dranzuhängen. Wieder folge ich auf einem Strand- und Wiesenpfad unmittelbar der Wasserlinie und weiche erst ins Landesinnere aus, als vor mir auf der Wiese eine große Kuhherde auftaucht. Normalerweise bereiten mir diese Tiere keine Probleme, nur bei diesen hier sind mehrere Kälber mit im Spiel, und da weiß man nicht immer wie sie reagieren, wenn man ihnen zu nahe auf die Pelle rücken muss.

 

Bald darauf stehe ich am Leuchtturm. Rot-weiß gestrichen steht er da, sehr schlank, groß, mit 41 m der drittgrößte Schottlands, immer noch aktiv, aber natürlich inzwischen automatisiert. Die vor ihm stehende Leuchtturmwärterwohnung wird mittlerweile fremdgenutzt, Urlauber können sich einmieten. 

 

Eine Dreiviertelstunde früher als nötig bin ich wieder in Portmahomack und warte auf einer Bank in der Nähe des Post Office auf meinen Bus. Weit auf der gegenüberliegenden Seite des Dornoch Firths sehe ich die Berge Sutherlands, auf einem von ihnen steht die Statue dieses so unbarmherzigen Landesherrn, und wenn ich meine Augen besonders anstrenge, erkenne ich sogar Neuschwanstein..., ach nein..., Dunrobin Castle. Auf dem Wasser zeigen sich Schaumkronen, aber der dazugehörige Wind kommt hier bei mir kaum an. Er stört nicht, die Sonne scheint, es ist mild. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, schließe die Augen und höre nur das Rauschen der Wellen und einige Kinderstimmen. Es war ein gelungener Tag - dabei hat er doch etwas verquält angefangen...

 

 

Sieh dir meinen 27,8 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/582316901

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Renate Z. (Samstag, 21 Mai 2016 18:28)

    Bestimmt war nur das letzte Glas Whiskey nicht in Ordnung und hat dir den Kater geschickt....

    Mitleidige Grüße
    Renate

  • #2

    Die Pilgertochter (Samstag, 21 Mai 2016 22:37)

    Ha! Und ich dachte, du schaffst die Wanderung dieses Mal, ohne verhauen zu werden! Das war wohl nix...