Nach der Brücke kommt der Whisky

Dornoch - Tain (18 km)

Gestern Abend noch war Aufruhr in meinem B&B. Ich hörte meinen Gastgeber aufgeregt rufen, dann auch seine Frau, wenig später ein Poltern, erst neben dem Haus, dann - so meinte ich es zu lokalisieren - auf dem Dach. Wieder Rufe, irgendwann mit einem gewissen Kommandoton. Verstanden habe ich nichts außer Fragezeichen und Ausrufezeichen. Schlimmstes Schottisch! Was passiert da?, fragte ich mich. Nun ein Klopfen an meiner Tür. "Is your teli ok?" Was ist ein "teli"??? - "Sorry?" - "Is your television ok?" - "Ahhh, I'm not watching TV, Madame!" Anscheinend Fassungslosigkeit auf der anderen Seite der Tür. Das geht? Kein Fernsehen? - "Oh, sorry!" Schritte entfernen sich. Noch ein paar laute Worte, dann ist Ruhe.

 

Beim Frühstück frage ich den Herrn des Hauses, was denn los gewesen sei. Mit ansteigendem Zorn berichtet er mir, dass sich in den letzten Tagen Seemöwen seine Fernsehantenne auf dem Dach als Landestation ausgesucht hätten und diese nun andauernd verstellen. Mindestens dreimal in der Woche müsse er mit der Leiter aufs Dach, um die Antenne wieder zu richten. "Und gerade gestern, bei der spannendsten Stelle vom Krimi... Das machen sie immer... diese... fucking seagulls... immer bei Krimis oder Fußballübertragungen..." Ich muss schwer an mich halten, um nicht laut loszulachen.

 

Irgendwann kommen wir noch auf den "Royal Golf Course" zu sprechen und er erklärt mir stolz, dass dieser in 2016 auf Platz 6 in der Welt eingestuft wurde. Viele Amerikaner kämen nur über den großen Teich geflogen, um hier Golf zu spielen. Die meisten seiner Gäste seien Amerikaner und fast alle Golfer. Ich muss mich auch mal umhören, ob es in den USA hocheingestufte Minigolfplätze gibt, vielleicht fliege ich dann auch mal rüber.

 

Ab heute Mittag soll es länger anhaltend regnen. Günstig ist, dass es heute nicht weit ist bis nach Tain, meinem nächsten Ziel. Vielleicht schaffe ich es noch im Trockenen. Als ich mich vor dem B&B vor meinen Wheelie spanne, merke ich schnell, dass es empfindlich kühl ist. Die Wolken hängen dicht zusammen, ein scharfer Nordwestwind treibt sie eilig über mich hinweg. Eigentlich ein fast hypnotisierendes Schauspiel. Ohne Anfang, ohne Ende. Ständig ändern sich ihre Formationen, wie im Zeitraffer, und es ist fraglich, wie lange sie die Fracht, die sie transportieren, noch halten können.

 

Auf einer schmalen Single Track Road marschiere ich auf der Nordseite des relativ kleinen Dornoch Firth entlang, sozusagen einem Neben-Firth des großen Moray Firth. Die Dornoch Links neben mir sind nichts anderes als große versandete Flächen, auf deren weiten Wiesen Rinder und Pferde grasen, ganz selten nur mal einige Schafe. Begrenzt werden diese Links von niedrigen Dünen, die aber doch hoch genug sind, um mir den Blick auf die Dornoch Sands zu versperren, einer riesigen Sandfläche, die aber nur bei Ebbe sichtbar wird. Auf der anderen, der südlichen Seite des Firth, kann ich schon Tain erkennen, aber der Weg bis dahin ist noch relativ weit. Auch vor Tain erstrecken sich diese Sandflächen - die Verlandung schreitet voran. Aber es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis man hier trockenen Fußes hinübergehen kann.

 

Im Moment bleibt dafür nur die Dornoch Firth Bridge. Spätestens auf ihr hat mich die A9 wieder und mit ihr der Verkehr. Ich merke schon, dass ich mich unaufhaltsam der Großstadt Inverness nähere. Und ich nähere mich auch dem Regen. Die Berge der Highlands zu meiner Rechten sind wolkenverhangen, und ich bin gespannt, wie lange das noch gutgeht. Auf der fast einen Kilometer langen Brücke über den Firth nimmt der Wind zu, er beginnt mit mir zu spielen, rüttelt an mir, findet seine Verbündeten in vorbeirasenden LKW. Der Fußweg ist nicht breit, ich muss aufpassen. Auf dem Wasser sehe ich erste Schaumkronen. Wäre doch nett, wenn jetzt mal ein Delfin oder ein kleiner Wal zu mir herübergrüßen würde, so ein wenig zur Ablenkung. Passiert natürlich nicht. Die andere Seite kommt nur langsam näher, ich lege scheinbar nichts zurück. Und dennoch: Trotz allem gehe ich unbeschwert vor mich hin. Manchmal jauchze ich tatsächlich laut auf oder singe vor mich hin. Einfach weil ich lebe und die Kraft habe, dies zu tun.

 

Irgendwann ist die Brücke doch mal zu Ende, neben mir wachsen wieder Stechginsterbüsche und halten den Wind von mir ab. Auf der anderen Seite des Firth wartet ein großes Schild auf mich: "Welcome in Ross & Cromarty". Damit habe ich nach Sutherland die nächste schottische Verwaltungseinheit erreicht. Nur noch zwei Kilometer sind es von hier bis zu einer der großen Sehenswürdigkeiten der Region. Je näher ich komme, desto intensiver wird der Geruch, der typische Geruch von gebranntem Malz. Hallo, liebe Freunde des "Wassers des Lebens", die Whisky-Distillery von Glenmorangie liegt vor mir, die Produktionsstätte eines der bekanntesten und beliebtesten Malt Whiskys aus dem Land der Kiltträger. Ach Wolfgang, du bist schon wieder weg, und du Dieter, noch nicht da, mit nur einem von euch wäre ich wohl hier nicht dran vorbeigekommen. So aber kreise ich nur einmal kurz um die Gebäude herum, sehe die Schlange der Bustouristen im Verkaufsshop und bin mir sicher, dass ich in wenigen Tagen, sobald Dieter an meiner Seite marschiert, eine Flasche Single Malt Whisky in meinem Wheelie transportiere. Vielleicht einen Glenmorangie?

 

Von der Distillery ist es nicht mehr weit bis ins Zentrum von "The Royal Burgh of Tain", Schottlands ältester "Burgh". Diesen königlichen Status gewährte der Stadt bereits 1066 König Malcolm lll. Es gibt viele "Royal Burghs" in Schottland. Ihnen allen und damit ihren Bürgern wurden damit königlicher Schutz, Beistand und einige Vorteile gewährt, z.B. Ausnahmen bei gewissen Steuern für Kaufleute innerhalb der Stadt. 

 

Im kleinen Museum "Tain through times" im Ortszentrum erfahre ich einiges über die abwechslungsreiche Geschichte der kleinen Stadt, höre von den Wikingern, die hier siedelten, dem Ortsheiligen St Duthac und der Pilgerstätte der St Duthac's Collegiate Church, dem großen schottischen Volkshelden Robert the Bruce, dessen Familie hier Exil suchte, dann aber doch vom Earl of Roos gefangengesetzt und an die Engländer ausgeliefert wurde und von König James lV., der um 1500 nachgewiesenermaßen 20 Jahre lang zu St Duthacs Grabstätte pilgerte, allerdings wohnte seine Mätresse auch nicht weit weg.

 

Als ich dermaßen gebildet das Museum verlasse, regnet es endlich. Nach einer Viertelstunde bin ich in meinem B&B. Meine Gastgeberin stottert etwas, als sie mich begrüßt, ich stehe eigentlich erst für morgen auf ihrem Belegungsplan. "But no problem, I've got a bed for you!" Na, da bin ich aber beruhigt! Ich solle ihr nur etwas Zeit geben, mein Zimmer herzurichten. Sie stellt mir einen Kaffee und einen Teller mit Kuchen vor die Nase und ist weg. Und kommt erstmal nicht wieder. Möglicherweise gehört sie zu der Sorte Frau, die bei einem unerwarteten Besuch zunächst noch in den Abfluss der Badewanne kriecht, um dort nach Spinnweben und Wollmäusen zu fahnden. Als sie mich nach einer halben Stunde dann doch endlich auf mein Zimmer begleitet, ist dort alles perfekt. 

 

"Ich muss Sie aber noch vorwarnen", sagt sie. "Bei mir wohnen auch vier junge Männer, die hier in der Nähe arbeiten. Die sind schon mal etwas laut, wenn sie abends noch zusammensitzen. Und auch, wenn sie morgen früh gegen sechs Uhr hier rumlaufen." - "Kein Problem," antworte ich, "ich habe Ohropax." In Wirklichkeit aber denke ich: Die sollen sich ja benehmen!

 

 

Sieh dir meinen 18,5 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/581041925

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    inge geisler (Freitag, 20 Mai 2016 08:02)

    Da läuft auch den männlichen Mitgliedern meiner Familie das Wasser im Mund zusammen.

  • #2

    Niels (Freitag, 20 Mai 2016 12:43)

    Nicht mehr weit bis zur berühmten Forth-Bridge über den Forth of Firth ;-)

  • #3

    Dieter (Freitag, 20 Mai 2016 13:28)

    Auf den Liter Single Malt kannst du dein Wheelie verwetten!
    Bis bald
    Dieter

  • #4

    Der Kronprinz (Montag, 30 Mai 2016 20:23)

    Der vadder im Golf dress. Da würde ich mich totlachen.