Disneyland - oder doch Protzbau?

Portgower - Golspie (29 km)

Mein dritter Abschied während meiner Tour. Wolfgang - nur drei Wandertage schritten wir Seit' an Seit' (und das noch nicht mal vollständig!) - muss wieder die Heimreise antreten. Schade, ich hätte ihn gerne noch eine Weile dabei gehabt. Es hat einfach wieder viel Spaß gemacht. Auch wenn Wandern nie sein großes Hobby werden wird, freue ich mich jedes Mal sehr darüber, wenn er allein aus Freundschaft und dem Wunsch nach Geselligkeit immer wieder, wenn auch nur kurz, mit mir zieht. Ich halse ihm noch ein paar Sachen auf, die ich nicht mehr brauche, bringe ihn dann noch zum Bus - und er ist verschwunden. Mach's gut, Junge, wir sehen uns direkt nach meiner Rückkehr bei der nächsten gemeinsamen Probe! Allein gehe ich jetzt nur eine Woche, dann stößt Freund und Ex-Kollege Dieter zu mir und geht bis zum Schluss mit. Hach, hört das denn mit dem Whisky nie auf...?

 

Der Himmel ist stark bewölkt, aber nahezu mild und windstill. Eigentlich die besten Zeichen, dass sich Regen ankündigt. So ist es für heute ja auch vorhergesagt. Also zügig die Straße bestampfen, vielleicht schaffe ich noch den größten Teil der Strecke, bevor es anfängt. 

 

Es wird wiedermal lang werden bis Golspie, trotzdem bleibt mir kaum eine andere Möglichkeit, als auf der Hauptstraße (A9) entlangzutatschen. Die ist zwar in dieser Gegend recht ordentlich befahren, aber ich traue den in der Karte eingetragenen kleinen Pfaden nicht mehr so ganz. Die Erfahrungen mit den Dutzenden von Zaun- und Gatterüberquerungen vor wenigen Tagen wirken noch nach. Wenn die zu absolvierende Kilometerzahl relativ hoch ist, dauert es ewig, bis man von der Stelle kommt. Und dann auch noch alleine den Wheelie überall drüber wuchten...! Nein, sicher ist sicher, auch wenn etwas nervig, daher: Straße!

 

Ich komme gut voran, auch wenn mich so mancher vorüberfahrende LKW ganz schön durchschüttelt. Entgegenkommende Auto- und LKW-Fahrer sind rücksichtsvoll, fahren bei Gegenverkehr langsam an mir vorbei, halten sogar manchmal vor mir an, bis sie vorbeikönnen. Ich sehe keine bösen Gesichter, oft sogar ein Lächeln und ein Winken. Ich freue mich jedes Mal darüber. Ist das in Deutschland auch so? Mir ist das da noch nicht so aufgefallen. An einem Parkplatz rollt bei meinem Vorübergehen ein pausierender LKW- Fahrer sein Fenster herunter und fragt mich aus, kann nicht fassen, was ich da mache. Es hört sich an, als wären selbst für ihn die Shetlands in unerreichbarer Ferne, geschweige denn für einen Fußgänger. Er schüttelt nur bewundernd den Kopf, reicht mir seine Riesenpranke herunter und zerquetscht mir bald meine Hand. "Good luck, guy! You're my hero-of-the-day!" Boah, irgendwie motiviert das...!

 

In Brora habe ich die ersten 16 Kilometer hinter mir und mache in einem kleinen Café meine Pause. So klein das Café ist, so laut ist die Geräuschkulisse. Acht Frauen im Durchschnittsalter von 70 halten ihr Kaffeekränzchen ab. Ein Geschnatter wie auf einer Hühnerfarm, immer wieder aufkeimendes Gelächter, ich kann nicht anders, ich muss ab und zu mitlachen. Ich weiß nicht warum, weil ich so gut wie nichts verstehe, aber Lachen kann wirklich ansteckend sein. Nach einer Dreiviertelstunde inhalierter guter Laune und einem Kaffee mit einem leckeren Scone, marschiere ich mehr als gut gelaunt weiter. 

 

Etwa fünf Kilometer hinter Brora sehe ich zwei Bauwerke vor mir auftauchen. Eins davon steht auf einem hohen Berg. Eine immense Säule, über 30 m selbst hoch, und oben drauf steht die steinerne Figur eines Mannes, des ersten Grafen von Sutherland. Die Säule mit der Statue wurde 1834 errichtet, ein Jahr nach seinem Tod, von "einer trauernden und dankbaren Gefolgschaft" an "einen gerechten, freundlichen und großzügigen Landesherrn". Diese Huldigung ist gerichtet an einen Großgrundbesitzer, der es zu Beginn des 18. Jahrhunderts fertiggebracht hat, den größten Privatbesitz an Ländereien in Europa an sich zu bringen. Die Erkenntnis, dass mehr Geld damit zu machen ist, riesige Schafherden auf eigenem Land zu halten und zu vermarkten als durch die Vermietung von kleinen Ländereien an Bauern, führte zu "landwirtschaftlichen Verbesserungen", was nichts anderes war, als die gewaltsame Vertreibung der Crofter aus ihren Siedlungen. Auch in anderen Landesteilen Schottlands gab es diese sog. "Clearances", aber nirgends wurden sie so brutal vollzogen wie auf Veranlassung der Herren von Sutherland. Über 15.000 Menschen verloren ihren kleinen Besitz und ihren Broterwerb. Einige wurden entlang der Küste angesiedelt, wo sie sowohl wiederum als Kleinbauern, aber auch als Fischer für ihren Lebensunterhalt und zur weiteren Bereicherung ihres Grundherrn sorgen sollten. Viele aber wurden auch zur Auswanderung in die USA, nach Kanada, Australien und Neuseeland gezwungen. Schlimme Ironie: In Nordamerika war ein Teil dieser Vertriebenen nicht untätig dabei, selbst für die Vertreibung der eingeborenen Indianer zu sorgen.

 

Die Worte, die dort oben an der Riesensäule stehen, muten also sehr sarkastisch an. Vielleicht wurden sie damals im Namen von Menschen dort angebracht, deren Crofthouses nicht brannten und die nicht mit Gewalt auf Auswandererschiffe verfrachtet wurden. Es ist noch gar nicht lange her, dass die Menschen der Region darüber nachdachten, die Säule zu sprengen und die Überreste auf den umliegenden Hügeln zu verteilen. Oder sie zumindest auf dem Gelände von Dunrobin Castle, dem noch heutigen Sitz der Nachfolger des damaligen skrupellosen Auftraggebers, wiederzuerrichten. Aber immer noch beherrscht sie von da oben auf dem Berg weit sichtbar die Umgebung. 

 

Das zweite Bauwerk, das sich mir immer mehr in den Blick schiebt, je mehr ich mich Golspie nähere, ist das besagte Dunrobin Castle. Ein Schloss, das an Disney, Neuschwanstein und französische Châteaus erinnert - und das hier in den Highlands. Es befindet sich seit rund 700 Jahren im Familienbesitz der Sutherlands. Im Märchenschloss steckt eine Burg als Kern. Bereits im 13. Jahrhundert stand hier eine Anlage, die dem Geschlecht der Sutherlands als Festung diente. Sukzessive wurde die Burg später erweitert - und als schließlich der strategische Wert von Burgen immer mehr schwand, gewann Dunrobin den Charakter eines Schlosses nach französischem Vorbild. 1872 übernachtete Königin Victoria hier, auch die jetzige Queen und der Herr Gemahl haben ihre königlichen Häupter hier schon gebettet. 1915 verwüstete ein Feuer das Innere des Schlosses und es wurde ein weiteres Mal renoviert. Im ersten Weltkrieg wurde es als Krankenhaus genutzt, von 1965 bis 1972 als Jungeninternat. Heute wohnen wieder Sutherlands hier, aber nur in einem Teilbereich. Der größere Teil und die große Gartenanlage zum Meer hinaus stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung. 

 

Ich schließe mich der Öffentlichkeit an, bezahle im repräsentativen Eingangsbereich an der Kasse dem älteren Herrn im Schottenrock meine £ 9,- Eintritt und schlendere durch den Garten und durch die protzigen Räume und Hallen. Ich kann mir nicht helfen, es dreht sich mir immer etwas der Magen um, wenn ich sehe, in welcher Pracht die Herrschaften damals so gelebt haben, während die meisten ihrer Untergebenen im Elend lebten. Doch das war ja hier nicht anders als in Deutschland, Frankreich, Russland oder sonst wo. Teppiche auf den Böden, Teppiche an den Wänden, von allen Seiten gucken einen die Mitglieder der Ahnenreihe an, schwere Möbel, Tafelsilber, vollgestopfte Bibliotheken. Verschiedene Räume für verschiedene Anlässe: Speisesaal, Frühstückszimmer, Schlafzimmer für sie, Schlafzimmer für ihn, manchmal doch für beide, Ankleidezimmer, Musikzimmer, Arbeitszimmer für ihn, Frauen-Quätschchenzimmer für sie, Zimmer der Schneiderin, Kinderzimmer, Zimmer für das Kindermädchen, Ahnen-Huldigungszimmer, Uniformzimmer, usw., usw. Im Nachhinein fällt mir ein: Die Küche und das Klo habe ich nicht gesehen.

 

Meinen zerknautschen Hut lasse ich übrigens die ganze Zeit über auf dem Kopf. So viel Ehre, ihn abzunehmen, erweise ich den Sutherlands nicht. Schon genug, dass ich ihnen Geld geben musste, nur um mich mal ein wenig bei ihnen umzusehen. Den Hut kann ich beim Weitergehen auch gleich auflassen. Es hat - nicht unerwartet - zu regnen begonnen, richtig schöner Landregen. Über eine halbe Stunde hinweg weicht er mich richtig durch, dann bin ich aber auch in meinem B&B in Golspie. 

 

Bei der Auffahrt zum Haus fallen mir hier zum ersten Mal die großen, jetzt auch blühenden Rhododendronbüsche auf. Der gelbe Stechginster und die verschiedenfarbigen Büsche dieser Art werden mich wohl noch eine Weile begleiten.

 

 

Sieh dir meinen 29,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/579065857

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dieter (Donnerstag, 19 Mai 2016 10:25)

    Nun tu nich so. Aber ok, ich bringe einen prächtigen Liter Single Malt vom Flughafen mit. Du hast ja Wheelie!
    Bis bald
    Dieter

  • #2

    Renate Z. (Freitag, 20 Mai 2016 08:51)

    Hallo Reinhard,
    viel nachzulesen hatte ich - von feinen Erlebnissen berichtest du und die Bilder machen richtig Lust, sich das selbst mal anzusehen. Wir haben uns in der großen Stadt auch Preußens Glanz und Gloria angesehen. Ich hatte die gleichen Gedanken: man lustwandelte in riesigen Gemächern und üppigen Gärten, während das gemeine Volk mit krummem Rücken für die Steuern sorgte....

    6 km für einen Kaffee - ich glaub das kriege ich auch hin :)

    LG
    Renate - wieder zurück aus Berlin