Sechs Kilometer für einen Kaffee

Dunbeath - Portgower (30 km)

Das Frühstück ist wieder reichlich. Der Ehemann unserer Gastgeberin ist anscheinend fürs Kochen zuständig und so serviert er uns im Stil des Butlers von "Dinner for one" unser Full Scottish Breakfast: Scrambled eggs, tomatoes, mushrooms, black pudding. Vorher noch ein Müsli, hinterher einen Toast mit Marmelade, dazu Orangensaft und Kaffee - den ganzen Tag über braucht man eigentlich nicht mehr.

 

Wir müssen die Uhr im Auge behalten. Um kurz nach 10 Uhr müssen wir vor dem B&B den Bus anhalten, damit er uns nach Dunbeath bringt, dorthin, wo wir gestern aufgehört haben. Es gelingt uns, nach dem üppigen Frühstück nicht wieder auf unseren Betten einzuschlafen und so stehen wir tatsächlich zehn Minuten bevor der Bus vorbeikommen müsste, am Straßenrand. Wichtig natürlich hier in Schottland, auf der richtigen Straßenseite zu stehen, damit der Bus nicht an einem vorbeifährt. Überhaupt dieser Linksverkehr hier... Man glaubt ja gar nicht, was unser Gehirn leisten muss alleine beim Straßenüberqueren. Und wenn ich es endlich kapiert habe, dass man hier zuerst nach rechts und dann erst nach links gucken muss, bin ich wieder zu Hause und muss wieder andersrum denken.

 

Unsere Gastgeberin kommt noch mit vor die Tür, schnell noch ein Foto, ein Winken, dann kommt auch schon der Bus. Zehn Minuten später sind wir in Dunbeath. Wie schnell doch Busfahren geht im Gegensatz zum Wandern...

 

Doch zu Fuß sind wir heute auch nicht schlecht. Zehn Kilometer sind es bis Berridale, die wir gutgelaunt und einträchtig nebeneinander- oder hintereinanderher trippeln. Bei Wolfgang scheint die gute Laune aber darin seine Ursache zu haben, dass er schon am Start die Möglichkeit ins Auge fassen kann, von Berridale aus mit dem Bus bis zu unserem nächsten Tagesziel Portgower zu fahren. Eigentlich ganz vernünftig gedacht, denn die Kilometerzahl wird heute wieder an die 30 heranreichen und das ist für einen recht Ungeübten vielleicht doch etwas zu happig.

 

Aus der Möglichkeit wird Gewissheit, als wir erkennen müssen, wo und wie Berridale in der Landschaft liegt. Mit 13% Gefälle windet sich die Straße in Serpentinen eineinhalb Kilometer lang zu dem Ort hinunter, dessen Häuser sich an den Ufern eines Baches verteilen, der hier - aus den Highlands kommend - in die Nordsee einmündet. 13% Gefälle sind nun vielleicht für Wolfgang nicht das Schlimmste, wenn wir nicht sehen würden, wie die Straße auf der anderen Seite genauso steil und lang wieder berghoch zieht. Da sich herausstellt, dass er außerdem kaum mehr als zehn Minuten auf den nächsten Bus warten muss und auch noch ein Regenschauer droht, gibt es für Wolfgang überhaupt kein Überlegen mehr. "Melde dich, wenn du in Helmsdale bist", meint er, als er an der Bushaltestelle zurückbleibt, "ich komme dir dann entgegen." Jawoll, so können wir es machen. 

 

Ohne meinem Freund etwas Böses zu wollen, glaube ich, dass ich den Anstieg hinter Berridale ohne ihn wahrscheinlich doppelt so schnell schaffe wie mit ihm. Ich bin ja nun schon etwas länger im Training und selbst ich komme gehörig ins Pusten. Da der Bus aber wohl ein paar Minuten Verspätung hat, bin ich zum selben Zeitpunkt oben wie er. 

 

Von nun an ist es zwar immer noch recht weit, aber unproblematisch. Im Gegenteil. Höhenunterschiede gibt es kaum noch, störenden Wind auch nicht, Regen nur ein paar Tropfen und die Sicht auf die weite Wasserfläche des Moray Firth, der sich bis nach Inverness hineinzieht, ist beeindruckend. Auf der anderen Seite, gerade noch am Horizont zu erkennen, erblicke ich einige schneebedeckte Berge der Highlands. Bei den Berghängen neben mir leuchtet es nicht weiß, sondern gelb. Der Stechginster steht in voller Pracht und bedeckt weite Flächen. Ein schönes Bild!

 

Bei einem Parkplatz am Straßenrand steht ein großes Schild: "Welcome in Sutherland". Ich bin also gerade von der nördlichsten ehemaligen Grafschaft Caithness in die nächste, sich südlich anschließende gewechselt. Ich würdige dies mit einer kurzen Rast auf einem dicken Sandsteinfelsen und marschiere dann weiter. Zu Sutherland muss eigentlich mehr gesagt werden, aber das verschiebe ich aus dann besser gegebenem Anlass auf morgen.

 

Mich verschonen die Regenschauer, obwohl ich über dem Moray Firth etliche niedergehen sehe. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie in weiter Entfernung mehr oder minder breite Wasserschleier aufziehen und sich fortbewegen oder schwere Wolken auf einmal wie Luftballons zerplatzen und ihre Last abwerfen. Solange ich nicht getroffen werde, schaue ich mir das gerne an. 

 

Als ich mir ausrechnen kann, dass ich noch eine Stunde bis Helmsdale brauchen werde, schließe ich mich mit Wolfgang kurz. Auch wenn ich damit rechnen muss, dass er gerade im Tiefenentspannungsmodus im Bett liegt, erinnere ich ihn an unsere Verabredung. Die Antwort kommt auch prompt: "Mach mich gleich auf den Weg!" Da Portgower etwa drei Kilometer hinter Helmsdale liegt, kommt er also heute auch nochmal in Bewegung, immerhin für sechs Kilometer. Zusammen mit den Kilometern am Morgen hat er damit eine ihn selbst sehr befriedigende Leistung abgerufen.

 

Ich sitze vielleicht seit einer Viertelstunde beim Kaffee im Café des Museums von Helmsdale, als Wolfgang hereinspaziert kommt. Er bestellt sich ebenfalls einen Kaffee und ich mir zur Gesellschaft meinen zweiten hinzu. Eigentlich muss man sich das auf der Zunge zergehen lassen: Mein Freund Wolfgang geht für einen Kaffee zusammengenommen sechs Kilometer! Nur damit er mich die letzten Kilometer bis zur Unterkunft begleiten kann. Weltklasse! Das hätte er selbst wohl vor Tagen noch kaum für möglich gehalten.

 

Kaum eine Stunde später sind wir in Portgower bei "Jutta's B&B". Was deutsch klingt, ist auch deutsch. Jutta, eine Münchenerin, und ihr Mann sind vor einigen Jahren nach Schottland gekommen, haben in Aberdeenshire ein B&B eröffnet und sind vor nicht langer Zeit nach Portgower gewechselt. Nach 30 Kilometern ist es einfach schön, bei ihnen in ein warmes, urgemütlich eingerichtetes Zimmer zu kommen und zum Abendessen vorzügliche Spaghetti Bolognese vorgesetzt zu kriegen. Dazu noch eine nette Unterhaltung über die unsäglichen Probleme, die ein Hauskauf in Schottland aufwirft und über den Handschlag der kleinen Tochter mit dem Dalai Lama anlässlich seines Besuches in Inverness.

 

Während wir essen und zuhören, warten drüben in unserem Zimmer für den letzten gemeinsamen Abend in Schottland der Rest des Whiskyflascheninhalts vom gestrigen Abend sowie für jeden eine Dose Tennants. Und eine letzte Überprüfung meiner Konzertfähigkeit... Der Abend ist gerettet!

 

 

Sieh dir meinen 30,1 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/578191277

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Donnerstag, 19 Mai 2016 20:28)

    Wow, Wolfgang wächst ja nahezu über sich hinaus! Ich bin beeindruckt! Viel beeindruckender finde ich allerdings noch, dass er zwecks Kontrolle deines musikalischen Status bis auf die Orkneyinseln eiert...