Im Kletterpark

Wick - Swiney (32 km)

Der Abend wurde noch vergnüglich. In einem Laden konnten wir abends noch etwas Bier und eine Mini-Flasche Whisky ergattern und haben es uns damit auf dem Zimmer gemütlich gemacht. Aber die vergangene Nacht war gerade auch für Wolfgang sehr kurz, deshalb trällerten wir noch unsere Konzertlieder, Wolfgang war mit meiner Lernleistung zufrieden und gegen Mitternacht knipsten wir das Licht aus.

 

Eigentlich soll es jetzt eine schöne, entspannte Küstenwanderung werden, so hatte sich das Wolfgang wohl vorgestellt. Die Wetterbedingungen sind erstaunlich gut (etwas entgegen der Vorhersage) und mein kurzfristiger Wanderbegleiter tritt mit frohem Mut vor die Tür. Erstmal geht es die Straße hoch - die gute Laune Wolfgangs bekommt einen Dämpfer. Einmal auf der Höhe und mit schönem Blick auf den Hafen von Wick hellt sich sein Gesicht wieder auf. Erste Klippen vor ihm, Sorgenfalten erscheinen auf seiner Stirn. "Damals seit Irland habe ich mir geschworen, nie mehr so nahe an Klippen entlang zu laufen und jetzt mache ich das schon wieder", meint er noch lächelnd. 

 

Wir müssen Umwege gehen. Der Weg, den ich mir überlegt hatte, der auch in meiner Wegebeschreibung steht und auch auf der Karte eingezeichnet ist, ist durch diverse Stacheldrahtzäune versperrt. Wir müssen einen Umweg gehen und landen auf der Hauptstraße, die von Wick immer an der Küste entlang in den Süden führt. Wir beißen in den sauren Apfel umd gehen etwa zwei Kilometer auf ihr entlang. Doch dann will ich wieder auf den Küstenpfad zurück. Wir steigen über mehrere Zaungatter und geben dabei bestimmt keine gute Figur ab. Wolfgang wähnt sich im Kletterpark und ich habe meine Freude.

 

Die Freude hört auch bei mir langsam auf, als die Zaun- und Gatterüberquerungen überhaupt kein Ende nehmen wollen. Als das dann noch dazu führt, dass wir bei einigen senkrecht abfallenden Klippenwänden genötigt sind, auf Tuchfühlung mit dem Abgrund daran entlangzugehen, hört allmählich auch bei mir der Spaß auf. Wolfgang ist schon lange blass um die Nase und erst als es uns möglich ist, Abstand zwischen uns und den Klippen zu legen, bekommt sein Gesicht wieder eine normale Farbe. 

 

Auch wenn wir jetzt weit genug von den Klippen weg sind, über Zäune und Mauern müssen wir immer noch klettern. Wie gut, dass Wolfgang mit dabei ist! Wie ich sonst meinen Wheelie alleine über diese Hindernisse bekommen hätte, ist mir ein Rätsel. Aber ich weiß auch, irgendwie wäre es gegangen. Doch plötzlich gibt es keinen Pfad mehr, wir geraten immer mehr in knietiefes Heidekraut. Die Heidelandschaft entwickelt sich zu einer Moorlandschaft. Es wird mühsam, sehr mühsam. Dazu noch den Wheelie da durchwuchten, au Mann! Hinter mir höre ich Wolfgang stöhnen: "Boaahh! Maaann!" Er kämpft. Immer wieder stehe ich bis zu den Knöcheln im Wasser. Ein Aufschrei hinter mir, wenn Wolfgang dasselbe widerfährt. Manchmal muss ich ja lachen, aber nach einer gewissen Zeit des Herumirrens reicht es mir auch.

 

Irgendwann sehen wir eine Straße vor uns, einen See, zwei Funkmasten. Alles finde ich auch auf der Karte. Endlich wissen wir, wo wir sind! Eigentlich nicht da, wo wir schon lange sein wollten. Egal, jetzt einfach noch bis zur Straße durchschlagen. Noch zwei Zäune, noch ein Gatter. Unser Bedarf an Küstenpfad ist gedeckt, wir sollten heute einfach nicht zusammenkommen.

 

Wie schön es doch sein kann, auf einer Straße einherzugehen. Keine Unebenheiten unter den Sohlen, kein Sumpf, keine Zäune, die den Weg versperren. Einfach nur unbeschwert gehen und raumgreifend schreiten. D.h., so raumgreifend sind die Schritte von Wolfgang jetzt auch nicht mehr. Die letzten Kilometer in Moor und Heide und im Zaunkletterpark haben ihn einiges an Kraft gekostet. Er kommt nur noch langsam voran, schnauft, schaut nicht glücklich. Ich versuche ihn etwas aufzurichten, indem ich ihm meine Textfestigkeit bei den Konzertliedern beweisen möchte, aber irgendwie interessiert ihn selbst das nur noch peripher. Er will nur noch eine Pause.

 

Die bietet sich an, als wir an einem kleinen Pub vorbeikommen. Drinnen brennt ein wärmendes Kaminfeuer, es ist alles in allem recht urig, das Bier schmeckt gegen den ersten Durst und die Mushrooms-Suppe gegen den inzwischen aufgekommenen Hunger. Wolfgang denkt auch über eine Weiterfahrt mit einem Bus nach, aber wie sich herausstellt, fährt zu dieser Zeit keiner. Also weiter!

 

Schon als wir gerade wieder unterwegs sind, steht die nächste Raststation fest: das Café bei den Whaligoe Steps. Wolfgang hatte es auf seiner Busfahrt hinauf nach Wick bereits gesehen. Wieder eine Stunde an der Straße entlang. Eigentlich eine schöne Strecke: links die Nordsee, rechts die weiten Wiesen mit Schafen, Hochlandrindern und Pferden. Ich glaube aber, Wolfgang hat da nicht mehr so die Augen für, er will das Café erreichen - und dort dann aufhören und ein Taxi rufen. Noch zwei Stunden oder mehr weitergehen - ohne ihn.

 

Wie immer kommt man an - irgendwann. Das kleine Café unmittelbar an den Whaligoe Steps hat glücklicherweise geöffnet, die Rast ist gesichert. Trotzdem will ich noch kurz einen Blick auf die Steps werfen, die hier über 365 Steinstufen hinweg an den Fuß der Klippen führen. Hier unten war im 19. Jahrhundert der Ankerplatz für viele Heringsfischer, die hier ihre Ware anlieferten, bevor dann auf einer tennisplatzgroßen Fläche von Frauen der Fang verarbeitet und die Treppen nach oben zur weiteren Vermarktung gebracht wurde. 

 

Auch ich verspüre nicht mehr die Lust, diese 365 Stufen nach unten zu steigen, geschweige denn anschließend wieder hoch. Nur etwa 100 gönne ich mir, verfolge die Treppe dann weiter mit den Augen bis nach unten und kann nur die Frauen bewundern, die hier früher täglich arbeiten mussten. 

 

Im Café sind gerade die letzten Gäste gegangen und die Speisekarte ist gerade um einiges zusammengestrichen worden, aber es bleibt schon noch was. Wolfgang bestellt sich ein Taxi, ich kann mich nicht zum Mitfahren durchringen. Ehe das Taxi kommt, mache ich mich für die letzten 10 Kilometer auf den Weg. Nach etwa einer halben Stunde Marsch überholt mich ein Taxi, hupt kurz, ich weiß, dass Wolfgang gleich unser Tagesziel in Swiney erreicht haben wird. 

 

Die letzten Kilometer ziehen sich für mich, auch wenn die Landschaft schön bleibt: Meer, Boote, Möwen. Etwas mehr als zwei Stunden brettre ich jetzt noch die Straße entlang und denke an Wolfgang, der sich jetzt gerade im Augenblick im Bett seine Wunden leckt. Tatsächlich komme ich auch mal in Swiney an, es ist jetzt auch wirklich genug.

 

 

Sieh dir meinen 32,6 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/576208822

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Lore (Sonntag, 15 Mai 2016 09:04)

    Pfingsten einmal anders!
    Heute mit Zaunkönig Reinhard und Cliffhanger Wolfgang.
    Morgen vielleicht mit Wellenreitern.
    Macht´s gut und trällert weiter.

  • #2

    Der Kronprinz (Sonntag, 15 Mai 2016 20:47)

    Auweia, direkt am ersten Tag fast Ben Marathon hinlegen ist aber auch hart. Passt bloß auf da an den Klippen. Und denk dran: wenn du die Texte nicht kannst, fliegst du raus! ☝

  • #3

    Die Pilgertochter (Sonntag, 15 Mai 2016 22:55)

    Hm, ich weiß ja nicht, warum, aber ich kann mir den Wolfgang super beim "Boah, Maaaaaann!" vorstellen. Und das, wo ihr doch wahrscheinlich einen dicken Schädel hattet! Ich habe Mitleid!