Menschenschädel und Adlerklauen

St Margaret´s Hope - Burwick Pier (25 km)

Als ich mir gestern Abend gerade meine Bettdecke über die Ohren ziehen wollte, sagte mir eine innere Stimme: "Schau doch nochmal ins Internet, ob mit der Fähre morgen alles klar ist." Erkenntnis: Man sollte öfter auf seine innere Stimme hören. Das Internet teilte mir nämlich mit, dass mit meiner Fähre gar nichts klar war. Bei meiner Recherche zu Hause hatte ich mal wieder prompt übersehen, dass im Monat Mai die Personenfähre von Berwick Pier (Orkneys) nach John O'Groats (schottisches Festland) nur ein Mal am Tag fährt, nämlich um 9.45 Uhr. Ich will aber noch nach Burwick an die Südspitze von South Ronaldsay wandern... Also wat nu??? 

 

Zunächst mal locker bleiben, alles wird sich fügen. Und schon fällt mir ein, dass von St Margaret's Hope aus auch eine Fähre fährt, die Autofähre nach Gill, nur wenige Kilometer westlich von John O'Groats. Ich singe ein Hohelied aufs Internet und erfahre aus ihm, dass diese sog. Pentlandferry um 16.50 Uhr ablegt. Bedeutet aber, dass ich von Burwick aus wieder zurück nach St Margaret's Hope muss. Was sagt mir das Internet? Da fährt aber überhaupt kein Bus! Nur dann, wenn die Fähre dort von John O'Groats kommend angelegt hat, morgens um 9 Uhr. Bei der dünnen Besiedlung im äußersten Süden der Orkneys rentiert sich kein Busverkehr, die paar Farmer hier haben Autos. Und die Touristen kommen nur wegen der Fähre hier in die Gegend und werden mit dem einzigen verlinkten Bus transportiert oder sind mit eigenen oder geliehenen Autos zum "Tomb of the eagle" unterwegs (dazu später mehr!). Also warum ein öffentlicher Busverkehr? Menschen zu Fuß sind eine zu vernachlässigende Größe. Trampen ist riskant. Wie gesagt, viele Autos sind nicht unterwegs und die Fähre in St Margaret's Hope wartet nicht. Also Taxi!

 

Heute Morgen bestätigt mir Barbara alle meine Internetrecherchen und gibt mir sofort die Nummer eines kleinen Taxiunternehmens. Ich rufe an und verabrede mich problemlos für 15 Uhr am Burwick Pier. Passt! Ich sagte ja: Es fügt sich. Es kommt sogar noch der Vorteil hinzu, dass ich meinen Lastenesel bei Barbara zurücklassen und mal wieder "Marscherleichterung" genießen kann. Um 9 Uhr bin ich weg. 

 

Vollkommen entspannt gehe ich meiner Wege und muss so ganz nebenbei feststellen, dass mich die Orkneys die komplette Zeit meines Aufenthaltes mit wunderbarem Wetter verwöhnt haben. Dem kann das schottische Festland getrost nacheifern. Weite Strecken gehe ich heute auf einsamen kleinen Straßen, vorbei an vielen Bauernhöfen, die hier im Süden der Orkneys fruchtbare Landstriche bewirtschaften, hauptsächlich mit Rindviehhaltung, durchsetzt mit einigen Schafen. Was ich auf den Shetlands und bis jetzt auch auf den Orkneys fast vermisst habe, sind die Hunde, die wild hinter Hoftoren bellen, wenn ich vorbeigehe. Das hat heute ein Ende. Ich habe gar nichts gegen große Hunde, die hinter verschlossenen Hoftoren bellen und sich wie verrückt gebärden. Das ändert sich aber, wenn diese Hoftore sperrangelweit offenstehen. So bei einem Bauernhof heute irgendwo im Nirgendwo. Zwei mammutgroße Kampfmaschinen, der eine eine Mischung aus Deutschem Schäferhund und Riesenspitz, der andere ein bulliger Boxer, kommen mir entgegengerannt und verursachen bei mir im Kopf kurzfristig eine gewisse Blutleere mit nachfolgenden prompten Hitzeattacken. Doch dann geschieht das Wunder: Genau an der Linie, wo eigentlich das geschlossene Tor sein müsste, bleiben die Schnuckelchen wie angewurzelt stehen, fixieren mich stumm und lassen mich mit leisem Grummeln vorüberziehen. Ich bin überzeugt, hätte ich diese imaginäre Reviergrenze auch nur einen Zentimeter überschritten, sie hätten...

 

Über Gefahren dieser Art darf man einfach nicht nachdenken. Was könnte unterwegs alles passieren... und wenn man dann noch alleine ist... ja, ja... Irgendwie komme ich überhaupt nicht zum Nachdenken. Stattdessen bin ich von morgens bis abends beschäftigt: Wheelie packen, Route festlegen, Unterkunft bezahlen, losgehen, Route unterwegs ändern, Lebensmittelladen suchen, Fish&Chips-Laden suchen, beides nicht finden, Pfad nicht finden, Karte oder Handy befragen, ob ich noch richtig bin, die Landschaft angucken, Boote in kleinen Häfen dümpeln sehen, Fotos machen, interessante Beobachtungen notieren, Nüsse essen, die Auskünfte der freundlichen Einheimischen zu verstehen versuchen, bei der Unterkunft einchecken, etwas zu essen machen oder etwas essen gehen, beim Biertrinken im Pub die Preise verdrängen, ins Bett kriechen, den Blog schreiben, die Augen schließen, einschlafen. Wie soll man da noch einen klaren Gedanken fassen? Aber Spaß macht es trotzdem.

 

Von einer Anhöhe aus sehe ich die Bucht, in der Burwick Pier liegt, und gar nicht in so weiter Ferne das schottische Festland. Heute noch werde ich da drüben sein. Auch Burwick Pier wäre in einer halben Stunde erreicht, aber ich will noch zum "Chambered Cairn of Isbister", auch tituliert als "Tomb of the eagle". Ganz in der Nähe dazu gibt es das dazugehörige Visitor Center, in dem die Geschichte dieses Cairn und seiner Entdeckung umfangreich aufbereitet werden. Als ich das Center betrete, werde ich an der Kasse von einer alten Lady begrüßt und ab da in einer eineinhalbstündigen persönlichen Führung durch die historischen Abteilungen geführt. Und es ist wirklich interessant.

 

An einem Sommerabend im Jahr 1958 geht Ronnie Simison an den Sandsteinkliffs entlang, die sein Farmland begrenzen, auf der Suche nach einem brauchbaren Stein, den er als Eckpfosten für einen Zaun verwenden könnte. Er bemerkt von Wettererosionen freigelegte, waagerecht verlegte Steinplatten und beginnt zu graben. Zum Vorschein kommen wunderbar geschliffene Artefakte aus frühgeschichtlicher Zeit, u.a. drei Klingen von Steinzeitäxten. Einige Tage später kehrt er an dieselbe Stelle zurück und findet zu seinem Erstaunen eine kleine Steinkammer, die 30 menschliche Schädel enthält. Später wird bestätigt, dass es sich hier um eine neolithische bzw. steinzeitliche Schädelstätte handelt. Das Besondere: Unter den Schädeln befinden sich viele Klauen und Knochen von Seeadlern. Spätere weitere Ausgrabungen haben ergeben, dass dieser besondere Ort nicht in einem Mal, sondern über 200 Jahre hinweg gebaut wurde, der Bau vor mehr als 5.150 Jahren begann und über 800 Jahre lang genutzt wurde.

 

Der Eingang ist drei Meter lang, 85 cm hoch und 70 cm breit. Heute kann man, wie vor 5.000 Jahren auch, auf Händen und Knien hineinkriechen oder sich mit Hilfe eines Rollbretts und einem Seil selbst hineinziehen. Einmal drinnen, sieht man die zwei Meter hohen Wände der Hauptkammer und niedrigere Seitenkammern. Bei seinen ersten Ausgrabungen 1958 fand Ronnie einige menschliche Knochen und Schädel. Bei einer späteren Ausgrabung 1976 fand er erstaunliche 16.000 Knochen, einschließlich 100 Schädel. Das war die größte Anzahl je in Großbritannien gefundener neolithischer Knochen. Man vermutet, dass diese große Zahl sich aus sog. "sky burials" erklärt, wobei Leichname hier auf einem Vorplatz offen ausgelegt wurden, um sie von Tieren, z.B. von Vögeln wie den Seeadlern, "reinigen" zu lassen. Nachdem dieser Prozess abgeschlossen war und nur die menschlichen Knochen erhalten waren, wurden diese in den Kammern abgelegt, zusammen - vielleicht aus Respekt - mit Knochen von Tieren, in diesem Falle besonders vielen der Seeadler, und anderen Beigaben.

 

Als die Führung der äußerst sympathischen Dame zu Ende ist und ich auf die Uhr schaue, erschrecke ich etwas. Ich habe für die drei Kilometer von hier bis zum Burwick Pier genau noch eine halbe Stunde Zeit. Der kleine Taxibus kann nicht warten, er muss noch Grundschulkinder an der Schule in St Margaret's Hope einladen und über die Dörfer nach Hause bringen. Ich verabschiede mich herzlich von Lady Marion, die sichtlich mein (wirkliches) Interesse genossen hat, und haste Burwick Pier entgegen. Ich bin keine Minute dort, da rollt das Taxi auch schon an.

 

Barbara ist gerade vor ihrem B&B an ihren Blumenrabatten beschäftigt, als ich mich endgültig von ihr verabschiede. "Noch schöne Tage in Schottland!", wünscht sie mir lächelnd, um noch etwas hämisch hinterherzuschicken: "Die Orkneys sind nämlich nicht Schottland!" - "Ich weiß", antworte ich verständnisvoll nickend, "meine Schottlandwanderung fängt erst morgen an."

 

Langsam marschiere ich mit meinem Wheelie aus dem kleinen Ort heraus und bin zwanzig Minuten später an der Fähre, die bereits seit einiger Zeit am Pier liegt. Kurz darauf wird mit dem Laden der Fahrzeuge begonnen und ich bin verblüfft, wie viele LKW, Wohnmobile, Vans und normale Autos draufpassen. Während der ganzen Aktion erblicke ich schwere dunkle Wolken, die von Nordwesten her aufziehen. Schlägt das Wetter um? Schön wäre das nicht, aber ich kann mich eigentlich über das Wetter der letzten Tage nicht beklagen. Schade wäre es nur für Wolfgang, der morgen anreist. Schon auf dem Grünen Band im letzten Jahr wurde er nicht gerade von gutem Wetter verwöhnt. Na ja, so schlimm wäre das jetzt vielleicht auch nicht, hier hätte er ja dafür seinen Whisky.

 

Nach einer Stunde Überfahrt bin ich - wie Barbara zu sagen pflegt - "in Schottland". Jetzt nur noch zehn Minuten mit dem Bus nach John O'Groats. Viel weiter nördlich geht "das richtige" Schottland nicht. Das "Seeview Hotel" hält für den sparsamen Wanderer Bunk-Räume bereit, Räume mit Doppelstockbetten. Ich habe einen Raum für mich alleine. Mit Bettwäsche, Handtücher, Dusche, schön warm - was will ich mehr? Zwei Pints! Die bekomme ich im hauseigenen Pub.

 

 

Sieh dir meinen 24,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/574765520

 

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