Barrieren und eine kleine Kapelle

St Mary´s - St Margaret´s Hope (11 km)

Frühstück wird heute Morgen im St Margaret's Cottage B&B nicht angeboten, schließlich bezahle ich ja nur den Hostelpreis. Bett wird auch nicht gemacht. Auf beides kann ich gut verzichten. Zu Hause ziehe ich meine Bettwäsche auch nicht jeden Tag stramm und Lebensmittel habe ich noch genug dabei. Ich muss sogar zusehen, dass ich es verbrauche, bevor es bei der ungeheuren Sonnenbestrahlung im Tagesrucksack schlecht wird. Bei Barbara kann ich aber waschen, ist doch eine günstige Gelegenheit heute. Nach vollbrachter Arbeit hänge ich alles draußen auf die Leine, es kann hier trocknen, während ich wandere. D.h. eigentlich könnte ich neben der Wäscheleine stehenbleiben und eine halbe Stunde warten, dann wäre bei der Sonne und dem Wind bestimmt schon alles trocken. Aber das wäre Zeitverschwendung, lieber lese ich mir in meinen Unterlagen noch etwas zu den besonderen Orten meiner heutigen Strecke durch. Zeit genug dazu habe ich, mein Bus zurück nach St Mary's fährt erst um kurz nach 10 Uhr.

 

Gut vorbereitet stehe ich um 10 Uhr am Busstop, der Bus ist pünktlich und kurz darauf bin ich wieder in St Mary's. Die Sonne scheint wie gestern vom blauen Himmel, der Wind ist etwas lebhafter, vielleicht ist es mir deshalb etwas kühler. Jedenfalls bleibt der Anorak erstmal an. 

 

Direkt hinter St Mary's betrete ich das erste aus der Reihe von Bauwerken, die heute meinen Tag bestimmen: das Churchill Barrier Nr.1. Drei weitere von ihnen werden folgen. Die Existenz dieser Barriers ist die Geschichte eines Desasters und einer ungeheuren Kraftanstrengung.

 

1914 bereits verlegte die britische Marine ihre Flotte nach Scapa Flow, einem riesigen natürlichen Hafengebiet, gelegen zwischen verschiedenen großen und kleineren Inseln der Orkneys. Vermeintlich ein sicherer Hafen. Sicher vor den Deutschen - mochten sie noch so viele U-Boote haben. So glaubte man. Schon im I. Weltkrieg hatten die Deutschen versucht, hier einzudringen und anzugreifen. Sie waren kläglich gescheitert, hatten zwei Schiffe verloren. Unterirdische Netze, Schiffswracks, Patrouillenboote und eine starke Strömung machten die Bucht uneinnehmbar.

 

Bei Anbruch des II. Weltkriegs war der englischen Admiralität klar, dass die Deutschen es wieder versuchen würden, lagen doch die Orkneys strategisch zu günstig für den Transatlantikverkehr, die Routen in die baltischen Länder und in Richtung des englischen Kanals. Man schien gerüstet, auch wenn man sich der Tatsache bewusst war, dass der östliche Zugang zu Scapa Flow ein Unsicherheitsfaktor war. Vier Zugänge, zwischen Westmainland, Lamb Holm, Glimps Holm, Burray und South Ronaldsay waren zwar so etwas wie ein Nadelöhr, aber vielleicht doch für ein deutsches U-Boot zu durchdringen.

 

Scapa Flow war zu Beginn des Krieges voll von Schiffen der Great Fleet. Doch die Deutschen versuchten nicht nur einen Angriff, sie hatten sogar Erfolg. Während fast alle anderen größeren Schiffe zu einer Übung auf dem Atlantik waren, gelang es am 13. Oktober 1939 - der Krieg dauerte gerade mal sechs Wochen - dem U-Boot U47 unter Kommandant Günther Prien trotz sternenklarer Nacht und aufgetaucht bei St Mary's in den großen Naturhafen Scapa Flow einzudringen, die Royal Oak zu versenken und auf demselben Weg wieder in den offenen Atlantik zu verschwinden.

 

Aus diesem Desaster für die britische Marine zog einer seine Lehre: Winston Churchill, damals noch Erster Lord der Admiralität, ordnete an, dass die östlichen Inseln bei Scapa Flow durch massive Barrieren zu verbinden seien, indem undurchdringliche Dämme aufgeschüttet werden sollten. Zu groß war das staatliche Interesse an der zukünftig notwendigen Unverwundbarkeit der Marine, als dass man nicht diese Kraftanstrengung auf sich nehmen musste.

 

Die Bauarbeiten dauerten den ganzen Krieg hindurch. Straßen mussten angelegt, Steinbrüche erschlossen, Schienenverkehr zum Antransport eingerichtet, Arbeitskräfte requiriert, Arbeitscamps gebaut werden, usw., usw.. 250.000 Tonnen Geröll wurden in Drahtschotterkästen gepackt und in die bis zu 18 m tiefe See versenkt. Sie dienten als Basis der Dämme. Darauf wurden 66.000 riesige jeweils 5- oder 10-Tonnen schwere Betonblöcke geschichtet. Zeitweise mussten sich über 2.000 Menschen am Bau beteiligen. In der sonst so beschaulichen und friedlichen Gegend regierte nun Lärm, Staub, Dreck und hektische Betriebsamkeit, die Landschaft wurde für immer verändert.

 

Erst vier Tage nach Kriegsende waren die Churchill Barriers fertig. Doch was aus der Not des Krieges heraus entstand, ist heute ein Segen für die Bewohner der kleinen Inseln. Eine Straße verläuft auf der Krone der Dämme und verbindet sie nun mit der Hauptinsel. Ein Glück auch für Touristen, denn diese Straße macht erst die Fährverbindung von South Ronaldsay zum schottischen Festland möglich. Über diese Dämme ziehe auch ich nun dahin, "springe" auf ihnen von Insel zu Insel und komme zügig voran. 

 

Doch direkt hinter Barrier Nr.1 halte ich schon wieder inne, möchte mir das zweite Bauwerk ansehen, das etwas abseits der Straße liegt und Bewunderung verdient: die Italien Chapel.

 

Die Bauarbeiten an den Barriers wurden teilweise auch mit italienischen Kriegsgefangenen durchgeführt, von denen mehrere hundert in Camp 60 auf Lamb Holm untergebracht wurden. Das Lager bestand aus 13 einfachen Hütten, aber die fleißigen Italiener bauten neben ihrer harten Arbeit an den Barriern in ihrer Freizeit Pfade aus Beton, von dem es bei den Bauarbeiten mehr als genug gab, und pflanzten Blumen bis das gesamte Gelände umgestaltet war. Als ob er den gesamten Appellplatz überblicken sollte, stellte der gefangene Künstler Domenico Chiocchetti die Figur des Heiligen Georgs her. Sie bestand aus Stacheldraht, der mit Zement verkleidet worden war. Neue Annehmlichkeiten wurden geschaffen: ein Theater mit einer Landschaft als Bühnenbild und eine Baracke zur Erholung, die unter anderem als Ausstattung einen Billardtisch aus Beton aufwies.

 

Was dem Lager aber noch fehlte war eine Kapelle. Sie wurde von den Gefangenen dringend gewünscht. Gegen Ende 1943 wurden den Gefangenen zwei Nissenhütten bereitgestellt und hintereinander positioniert. Mit Zustimmung des neuen Lagerkommandanten machte sich Chiocchetti an die Arbeit, unterstützt von vielen Mitgefangenen. Ein Altar aus Beton entstand, flankiert von zwei kleinen Fenstern mit bemaltem Glas. Ebenso ein Weihwasserbecken aus Beton. Hinter den Altar malte Chiocchetti sein Meisterwerk bis zum Dach: eine Heilige Madonna mit Jesuskind, nachempfunden der Vorlage eines Heiligenbildes seiner Mutter, das er mit sich durch den Krieg getragen hatte. Das Gewölbe des Altarraums wurde von Chiocchetti als Fresco ausgestaltet, das Holz für den Tabernakel von einem zerstörten Schiff besorgt. Von dem mitgefangenen Schmied Palumbi wurde aus Eisen die Chorschranke hergestellt, unter Leitung des weiteren Gefangenen Buttapasta wurde außen eine eindrucksvolle Fassade aus Beton errichtet, die den hässlichen Umriss der Nissenhütte verbarg, durch einen Glockenturm erweitert und auf beiden Seiten mit gotischen Zinnen verziert.

 

Als die Gefangenen die Insel im Frühling 1945 verließen, war die Kapelle noch nicht endgültig fertig. Chiocchetti blieb freiwillig zurück, um das Bauwerk, das hauptsächlich seiner Genialität und Schaffenskraft zu verdanken war, zu vollenden. Nach dem Krieg verschwand das ganze Lager, aber die Kapelle und der Heilige Georg mit seinem Drachen blieben. Die Bewohner der Orkneys, die von der Schönheit der Kapelle gehört hatten, begannen sie zu besuchen und allmählich wurde sie eine Art Wallfahrtsort für jeden, der auf den Orkneys Urlaub machte und tausende Besucher kommen immer noch jedes Jahr. Sogar Chiocchetti kam 1960 auf Einladung für drei Wochen zurück, um Renovierungsarbeiten an seinem Werk durchzuführen.

 

Wenn man so etwas gesehen hat, geht man nachdenklich weiter. Aber das schöne Wetter, die Löwenzahnwiesen, der blaue Himmel und die weite blaue Fläche von Scapa Flow, die freundlich guckenden Rinder und die kleinen Hügel, über die sich die wenig befahrene Straße schwingt, machen es mir leicht. Ich überquere Barrier Nr.2 und Nr.3, sehe bei ihnen die Überreste ehemaliger abgetakelter Handelsschiffe, die sowohl vor dem ersten als auch vor dem zweiten Weltkrieg hier als sog. Blockships versenkt worden waren und zu Teilen noch aus dem Wasser ragen und nähere mich nach Barrier Nr.4, das zur Atlantikseite hin inzwischen mit einem breiten Sandstrand und hohen Dünen versehen ist, meinem Ziel und Übernachtungsort St Margaret's Hope.

 

Da es noch früh ist, bummel ich noch etwas durch den Ort. Obwohl er nicht gerade groß ist, so ist er doch der drittgrößte der Orkneys, nach Kirkwall und Stromness. Seit es seit 2001 von hier sogar eine Autofährenverbindung auf das schottische Festland gibt, ist es hier sogar ein wenig lebhafter geworden. Wesentlich lebhafter ging es hier zu, als die Heringsfischerei noch boomte oder während der beiden Weltkriege, als es hier Marinebasen gab. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Heute spazieren nur noch wenige Touristen die Front Road direkt an der Uferlinie entlang oder eine Häuserzeile dahinter über die Back Road, wo sie zwangsläufig am "Murray Arms" vorbeikommen.

 

Ich werde da gleich mal wieder nicht vorbei- sondern reingehen und den Männer während ein, zwei Pints beim Darten oder Billardspielen zusehen. Immer wieder eine nette Unterhaltung!

 

 

Sieh dir meinen 15,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/572678066

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Der Kronprinz (Donnerstag, 12 Mai 2016 09:38)

    Wieder mal ein sehr geschichtsträchtiger Bericht und tolle Bilder. Woher hast du eigentlich immer dieses Hintergrundwissen?

  • #2

    Lore (Donnerstag, 12 Mai 2016 21:27)

    Mit Deinen Schilderungen und Bildern stimmst Du auch so manchen Leser nachdenklich. Ganz bestimmt!

  • #3

    Die Pilgertochter (Freitag, 13 Mai 2016 16:54)

    Camembert wird im Rucksack bei Sonneneinstrahlung nicht schlecht! Er reift!