Guter Anfang auf den Orkneys

Kirkwall - St Mary´s (11 km)

Pünktlich um 23.00 Uhr legte die Fähre gestern Abend in Kirkwall an. D.h. nicht ganz in Kirkwall, denn der Hafen des Hauptortes der Orkneys ist schon lange nicht mehr groß genug für Fähren dieses Kalibers. Die Fahrt von den Shetlands zu den Orkneys hätte ruhiger kaum verlaufen können. Wenn ich da an die Hinfahrt denke... In der Fleecejacke konnte ich draußen an der Reling stehen, die Fair Isles vorüberziehen und die Sonne untergehen sehen.

 

Als ich die Fähre verlasse, geht kein Windhauch, die See liegt so glatt vor mir, dass sich sogar die Sichel des Mondes in ihr spiegelt. In einiger Entfernung sehe ich Lichter leuchten. Dort muss ich hin, da liegt das beschauliche Kirkwall. Direkt beim Terminal wartet an der Straße ein kleiner Bus, der X10. Er fährt nach Kirkwall hinein. Ich bin der einzige, der ihn benutzt. Alle anderen, die die Fähre hier verlassen, bevor sie in Richtung Aberdeen weiterfährt, rollen mit ihren Autos von Bord. Der Busfahrer verspricht mir, mich am Hostel, das ganz am Anfang Kirkwalls liegen soll, abzusetzen.

 

Und das tut er auch. Nichts rührt sich auf der Straße, kein Auto, kein Mensch. Ich suche den Eingang des Hostels, finde ihn auch nach einiger Zeit bei einer winzigen Tür in einem kleinen Hof. "Reception" steht an der Tür, aber da ist keine. Geradeaus geht es in eine kleine Küche, links und rechts in zwei Zimmer. Auch hier rührt sich nichts, kein Ton. Bitte jetzt nicht... nicht um 23.30 Uhr! Ich bin müde und will ins Bett! Dann sehe ich an der Wand ein Telefon. Anrufen soll man, wenn man Fragen hat. Ich hätte da mal eine Frage... Ich drücke bei "Push here" und - welche Freude - eine etwas verschlafene Frauenstimme meldet sich auf der anderen Seite der Leitung. Ergebnis der Unterhaltung: Ich stehe nicht in ihrem Buch, das Hostel ist noch in einer Art Winterschlaf, - mein Puls steigt und ich halte die Luft an - aber da sie anscheinend einen Fehler gemacht hat, holt sie mich jetzt ab und ich könnte in ihrem B&B etwas außerhalb zum gleichen Preis übernachten. Ich atme langsam und bedächtig aus und lächle. So geht's halt...

 

Fünfzehn Minute später biegt ein Auto um die Ecke, das gottseidank groß genug ist, um auch mein Wheelie zu transportieren. Das hätte jetzt auch noch gefehlt... Madame sieht verschlafen aus, ist aber sehr freundlich. Nach kurzer Fahrt stehen wir vor ihrem "Royal Oak B&B" auf einer Anhöhe oberhalb Kirkwalls, sie zeigt mir mein Zimmer und ich bezahle schnell die £20,- Hostelkosten, bevor sie es sich anders überlegt. Einmal im Zimmer sehe ich sofort: Hier näht Muttern noch selbst. Wie sollte ich mir sonst erklären, dass Fenstervorhang und Bettoberdecke dasselbe Design haben. Es ist Punkt 00.00 Uhr, als ich ins Bett steige. Orkneys, ich bin angekommen!

 

Am Morgen sehe ich auf der Karte, wo ich überhaupt bin. Und wie es der Zufall will, bin ich genau richtig. Das Royal Oak B&B liegt exakt an der Straße, die mich nachher aus Kirkwall hinaus in Richtung St Mary's bringen wird. Das bedeutet auch, dass ich meinen Wheelie solange hier parken kann, bis ich meinen kleinen Rundgang durch Kirkwalll hinter mir habe. Vor einigen Jahren habe ich während eines längeren Orkney-Urlaubs bereits mehrere Stunden hier verbracht, da wird jetzt ein kürzerer Rundgang reichen. So nach dem Motto: Mal gucken, ob noch alles steht.

 

Tatsächlich steht noch alles. Damals aber war ich im Sommer hier, wesentlich mehr Touristen bevölkerten den Ort. Im Moment ist es wesentlich ruhiger. Die Kirkwaller sind noch unter sich. Ich ziehe an den Hafenkais entlang, biege dann in die kleine Fußgängerzone ein und komme zum Wahrzeichen der Stadt, der St Magnus Cathedral.

 

Seit über 850 Jahren erinnert die Kathedrale an den heiligen Magnus von Orkney. Sie ist zudem die nördlichste Großbritanniens - und eine besondere dazu, weist sie doch einige Eigenheiten auf. Zwar ist St Magnus eher eine kleine Kathedrale, gemessen an den anderen britischen Bauten dieser Art. Der verwendete Sandstein in zwei Farben macht das Aussehen des Gemäuers aber einzigartig. Dazu nutzten die Bauherren zwei Sandsteinarten - einen gelben, der von der Insel Eday etwas weiter nördlich stammt, und einen roten, der in der Nähe Kirkwalls abgebaut wurde. Da die Fenster der Kirche klein sind, ist es im Innenraum recht düster. Am meisten berührt mich eine Gedenktafel. Sie erinnert an die Opfer des U-Boot-Angriffs von Kapitän-Leutnant Günther Prien auf das Schlachtschiff Royal Oak ( ich wusste doch, dass mir der Name meines B&B's irgendwie bekannt vorkam), das in der Bucht von Scapa Flow, in der Nähe von Kirkwall, vor Anker lag. Prien schickte mit einem Torpedoangriff am 14. Oktober 1939 über 800 Matrosen in den Tod, davon waren rund 120 gerade mal zwischen 14 und 18 Jahre alt. 

 

St. Magnus ist der Heilige der Orkneys. Er lebte um 1100 nach Christus. In der Zeit machte sich der Christ keine Freunde unter seinen Wikinger-Kumpanen, als er sich der Legende nach weigerte, bei Kloster-Plünderungen mitzumachen. Später wurde er einer von zwei Earls von Orkney. Der andere war sein Cousin Haakon. Fast zehn Jahre lang regierten die beiden harmonisch - wie es aber so kommen musste, endete die Geschichte im Verrat. Nachdem es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen den beiden gekommen war, einigte man sich auf Friedensverhandlungen, die zu Ostern auf der Insel Eglisay stattfinden sollten. Magnus erschien dort in gutem Glauben und schutzlos, was Haakon ausnutzte und ihn gefangen nahm. Magnus wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet, indem ihm der Schädel gespalten wurde. Bereits kurze Zeit später beobachteten die Orkney-Bewohner erste Wunder, die sie prompt dem christlichen Earl zusprachen. Der Weg zum Heiligen war beschritten. Bereits 1137 ließ sein Neffe die erste St Magnus Church errichten, woraus sich die Kathedrale entwickelte.

 

Gleich neben der Kathedrale komme ich zum Earl's Palace. Noch als Ruine vermittelt der Bau eine gewisse Schönheit, gilt er doch heute noch als eines der schönsten Renaissance-Gebäude Schottlands. Doch so wunderbar es für damalige und heutige Verhältnisse sein mochte, hat es doch den Makel, dass es durch Frondienst und Unterdrückung errichtet worden war. Denn die Geschichte hinter der jetzigen Ruine ist verknüpft mit Earl Patrick Stewart, einem gierigen und grausamen Herrscher der Insel, der in diesem Prachtbau leben wollte. "Black Patie" wurde er wegen seiner Grausamkeit von der Bevölkerung genannt. Als der Palast fast fertig war, hatte Patrick Stewart nicht mehr viel davon, denn er hatte sich finanziell überschätzt. Aufgrund von Schulden und auch wegen seiner grausamen Art wurde er ins Gefängnis in Edinburgh geworfen und schließlich 1615 dort hingerichtet. Der Palast ging anschließend in den Besitz der Bischöfe von Orkney über und wurde zeitweise von ihnen bewohnt. Im 18. Jahrhundert gehörte er der schottischen Krone, konnte aber nicht mehr instandgehalten werden. So verfiel Earl's Palace schließlich und wurde zu der Ruine, die ich heute vor mir sehe.

 

Das war der geschichtliche Vortrag für heute. Aber ich denke, man muss immer wissen, in welchen Dimensionen man sich bewegt. Und die geschichtliche Dimension der Orkneys ist sehr vielschichtig und interessant und manchmal macht es sogar Spaß, sich damit näher zu befassen. Jetzt aber geht es zurück zum B&B.

 

Mein Wheelie steht immer noch in meinem Zimmer und hat auf mich gewartet. Ab sofort darf er mit mir wieder über die Straße rollen. Möglicherweise erkennt er mich gar nicht wieder, denn der Mensch, der da vorgespannt ist, sieht so ganz anders aus als in den letzten drei Wochen. Er trägt Hemd! Keine Fleecejacke, keinen Anorak mehr, es ist Hochsommer: 15 °C und so gut wie kein Wind. Die Sonne verwöhnt auf ganzer Linie!

 

Genau dort, wo die Besiedlung Kirkwalls aufhört und in ländlichere Gefielde übergeht, steht an der Straße Kirkwall - St Margaret's Hope die Highland Park Distillery. Damals hatte ich sie schon besucht, Schottlands Lebenswasser getestet, deshalb schenke ich es mir heute. Wären jetzt schon Wolfgang oder Dieter bei mir, kämen wir wahrscheinlich hier nicht dran vorbei und die Folgen wären verheerend. Außerdem müsste bestimmt eine Flasche in meinem Wheelie transportiert werden, immer nach dem Motto "Du musst das ja nicht tragen. Du ziehst das ja nur hinter dir her. Stell dich bloß nicht so an!"

 

Der Weg bzw. die Straße geht sich wie von alleine. Kein Gegenwind! Blicke auf mit Löwenzahn übersäte Wiesen, auf denen viel öfter als auf den Shetlands auch mal Rinder grasen, große Bauernhöfe, die oft ihre Gerüche zu mir herüberschicken, und auf die weite blaue Fläche der Bucht von Scapa Flow. Schafe gibt es natürlich auch, nur mir fällt auf, dass hier die Lämmer lange nicht mehr so winzig sind wie auf den Shetlands. An ihnen ist schon richtig was dran. Ich trällere meine Lieder vor mich hin, zunächst mal aus purer Freude, doch auch wohl wissend, dass bald der "Kontrolleur" naht. Wolfgang packt bei sich zu Hause wohl schon so langsam seinen Rucksack, am Freitag erwartet er mich in Wick. Dann wird überprüft, ob ich konzerttauglich bin. Oh Wolfgang, hab Erbarmen!

 

Wiedermal wird es ein kurzer Wandertag. Bis St Mary's geht es nur. Zwar gibt es dort keine Unterkunft für mich, aber die Möglichkeit, mit dem Bus im nächsten größeren Ort St Margaret's Hope eine zu erreichen. Durchzumarschieren muss nicht sein, ich muss mir nichts mehr beweisen. Kurz vor Ankommen des Busses bin ich am Busstop, eine Viertelstunde später in St Margaret's Hope. Im kleinen Laden des Ortes frage ich nach meinem Hostel. Zwar wird mir beschieden, dass das Hostel direkt nebenan zu finden sei, aber das sei wohl "fully booked". Aber ich solle doch Barbara anrufen, die das Hotel betreibt, die hätte auch noch ihr B&B anzubieten. Volles Hostel - schönes B&B? Da kann ich doch mit leben. Wie es der Zufall will, steht Barbara auf einmal neben mir im Laden. Sie hätte mich sowieso schon für ihr B&B eingeplant (zu Hostel-Kosten, versteht sich), ich solle ruhig schon mal vorgehen, ihr Haus wäre das direkt neben der Kirche, die Tür sei auf. Ich finde ein schönes Häuschen vor, mit einem gemütlichen Zimmer. Meine kleine Glückssträhne hält an.

 

Am Abend gehe ich in den Dorfpub "Murray Arms". Anfangs sitzen nur drei Männer an der Theke. Aber was für welche! Jeder bringt mindestens 120 kg auf die Waage, hat eine Lache wie Donnerhall und Durst für drei. Während ich mein bescheidenes Abendessen und zwei Pints Tennants trinke, muss ich mich anstrengen, sie mal mit einem leeren Glas vor der Brust zu erwischen. Dazu wird wechselweise Poolbillard oder Dart gespielt, aus Lautsprechern dröhnt AC/DC und zwischendrin läuft ein kleiner Dackel rum und möchte mit jedem Bällchen fangen spielen. Ich fühle mich wohl.

 

Auch wenn ich nur drei Tage auf den Orkneys sein werde - dies war ein guter.

 

 

Sieh dir meinen 11,2 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/571632272

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lore (Mittwoch, 11 Mai 2016 22:54)

    Glückssträhne oder doch eher Jakobus? Egal.

    Ich hab grad mal auf die Karte geguckt, weil ich nicht hätten sagen können, wo genau die Orkney Islands sind. Jetzt weiß ich es!

    Weiterhin eine gute Wanderzeit!
    Liebe Grüße
    Lore

  • #2

    Die Pilgertochter! (Freitag, 13 Mai 2016 16:52)

    Das klingt ja wie früher in unseren Kinderzimmern, selbstgenähte Vorhänge, passend zu selfmade Stuhlkissen, Deckchen, Lampenschirmen... Da kommen Erinnerungen hoch...


    Oha, Vaddi, ich seh harte Zeiten auf dich zukommen mit deinen Wanderkumpanen. Prognose: Kommenden Samstag höre ich schon dein Klagen: "Mich ham se verhauen!"