Shetlands farewell!

Ruhetag

Die Nacht im Dorm war ruhig, hatte ich aber auch dank Ohropax nicht anders erwartet. Um sage und schreibe 8.30 Uhr erst stehe ich auf. Damit bin ich aber noch nicht der Letzte. Warum soll ich eher aufstehen? Nichts treibt mich heute, erst um 17.30 Uhr legt die Fähre ab. Außer in aller Ruhe nochmal durch Lerwick zu spazieren bleibt mir nichts. Aber ich freue mich drauf.

 

Nebenan im Community Center frühstücke ich wieder. Es kommen dieselben Männer, mit denselben Monturen, derselben guten Laune. Wie ich drücken sie sich bei einer Tasse Kaffee ihre Bacon Rolls rein, den zweiten Kaffee gibt es wieder gratis dazu. Der große Unterschied zum letzten Mal: Vor einer Woche hatte es geregnet, heute scheint die Sonne. Nicht nur das! Die Temperaturen klettern in ungeahnte Höhen, die 15 °C-Marke wird geknackt. Wind findet so gut wie nicht statt. So kann es ruhig noch ein wenig bleiben...

 

Bis ich heute Nachmittag zum Fährterminal gehe, bleibt mein Wheelie wohlverwahrt im Hostel. Alle Papiere, die sich auf die Shetlands bezogen, Karten, Broschüren, Beschreibungen, ruhen jetzt in ihm ganz unten. Jetzt liegen die der Orkneys obenauf. Und nachdem vor ein paar Tagen die lange Unterhose ebenfalls weiter unten ihren Platz gefunden hat, zünde ich jetzt die nächste Stufe der "Marscherleichterung": Die Fleecejacke landet im Tagesrucksack, zwar immer noch griffbereit, aber immerhin. Mal sehen, wie lange nur der Anorak ausreicht.

 

Als ich zu meinem abschließenden Lerwick-Bummel aufbreche, möchte ich mir den Anorak auch fast vom Leib reißen und im Hemd weitergehen. Ich lasse es aber, weil ich ein vernünftiger Mensch bin. Die Shetlander sind da ganz anders gestrickt. Es ist T-Shirt-Wetter! Endlich kommen die Tattoos wieder zum Vorschein, die Nachfolger der Wikinger können ihren Bizeps zeigen, die Mädels wieder blanken Bauch. Der Softeis-Verkäufer in seinem bunt bemalten VW-Bus hat Hochkonjunktur und Erwachsene und Kinder stehen hier genauso brav in der Schlange an wie bei einer Bushaltestelle.

 

Bei solch einem Wetter lässt es sich mit einem Dauerlächeln gut bummeln. Mich treibt es hierhin und dorthin, durchs Hafengelände, an den Kais mit seinen Segelschiffen entlang, durch die engen Gassen und die breitere Commercial Road mit ihren Läden, auf den Victoria Pier, wo in früheren Zeiten die großen Dampfer anlegten, ins älteste Viertel zu den Lodberries, jenen Fischerhäusern direkt am Ufer mit ihren eigenen kleinen Piers und Bootslagern. Schon am letzten Wochenende bin ich an einigen Stellen hier gewesen, aber heute sehe ich mehr. Weil ich mir mehr Zeit nehme? Weil die Sonne mehr draufscheint? Weil ich einfach nochmal die letzten Eindrücke Shetlands in mich aufsauge und auf mich wirken lassen möchte? Alles stimmt.

 

Nach einem Sandwich und einer Tasse Kaffee in der Sonne vor einem kleinen Hafenimbiss gehe ich etwas wehmütig zum Hostel zurück, hole mein Wheelie aus den Lagerraum, sortiere mich nochmal und mache mich dann auf zum Terminal. Unterwegs erinnere ich mich, wie ich vor fast auf den Tag genau vor drei Wochen diesen Weg mit den Kindern gegangen bin, nur in entgegengesetzter Richtung. Damals lag das kleine "Abenteuer Shetlands" noch vor uns. Für die Kinder war es früher zu Ende, für mich endet es heute.

 

Am Terminal rutsche ich schnell durch die Sicherheitskontrolle. Die Fähre ist heute die "Hjaltland", das Schwesterschiff der "Hrossey" vom Hinweg, absolut baugleiches Modell. Lange Erkundungen können also entfallen, ich setze mich direkt in die gleiche Ecke im Selbstbedienungsrestaurant und mache "Büroarbeit". Um 17.15 Uhr beginnt die Fähre zu vibrieren, die Schiffsmotoren wurden angeworfen, pünktlich um 17.30 Uhr setzt sie sich langsam in Bewegung. Ich mich auch und gehe hinauf aufs Sonnendeck, das heute seinen Namen wirklich verdient. Einige Menschen stehen schon dort an der Reling und verfolgen das Ablegemanöver. Meter für Meter setzt die Fähre zurück, dreht sich in Fahrtrichtung und nimmt Fahrt auf.

 

Lerwick zieht nochmal an mir vorbei: Das Shetland Museum, das ich noch am ersten Tag mit den Kindern besucht habe, bevor uns Busse und kleine Fähren in den äußersten Norden brachten, der Hafen mit dem Victoria Pier, auf dem Hügel das Rathaus, von wo es nur ein Steinwurf bis zum Hostel ist, die Lodberries. Auf der anderen Seite zieht Bressay vorbei, schnell haben wir den Leuchtturm an der Südspitze der Insel passiert, der den Weg in den Bressay Sound weist. Langsam verschwindet Lerwick im Dunst.

 

Was wird mir in Zukunft in den Sinn kommen, wenn ich an die Shetlands denke? Zuerst der Wind, der mich immer begleitenden Wind, der mich manchmal kämpfen ließ. Dann die Begleitung durch die Kinder. Auch wenn es nur kurz war, es war ein Geschenk. Die Straßentippelei und das Gehen wie über Teppiche auf den Wiesenpfaden. Die grandiosen Klippenlandschaften und die Wucht der Wellen. Das Blau von Atlantik und Nordsee und die gelben Strände. Die Puffins, die anderen Seevögel, die Seehunde und die Schafe mit ihren gerade geborenen Lämmern. Die weiten Moorlandschaften und die einsamen Lochs. Die kleinen Fähren und die preisgünstigen Busse. Die Feldsteinruinen und Feldsteinmauern. Hermaness und Eshaness. Noss und St Ninian's Isle. Die Böds und die vielen lieben Gastgeberinnen in den verschiedenen B&Bs. Shetlands, ihr wart mehr als eine Reise wert.

 

Gerade verschwindet Sumburgh Head mit seinem Leuchtturm am Horizont. Jetzt liegt auch der letzte Flecken der Shetlands weit hinter mir. Noch vier Stunden, dann werde ich auf den Orkneys sein.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Helmut Plänker (Dienstag, 10 Mai 2016 12:30)

    Hallo Reinhard,
    schön, dass es Dir auch alleine gut geht. Aber diese "Einsamkeit" ist ja auch bald vorbei und Du hast wieder einen Mitwanderer. Wir lesen hier gerne und mit Interesse von Dir, freuen uns aber bei noch schönerem Wetter, dass wir hier jetzt schon öfter Annika und Niels in die Arme nehmen und an ihrer Freude teilhaben konnten.
    Weiterhin alles Gute wünschen Dir
    Margret und Helmut

  • #2

    Der Kronprinz (Dienstag, 10 Mai 2016 17:19)

    Da wird man ja allein vom Lesen schon ganz wehmütig.