Gigantisches Schauspiel

Bressay - Noss Circle (15 km)

Das Wetter weiß heute erstmal nicht, wie es sich entscheiden soll. Grau ist der Himmel, aber es sieht nicht nach Regen aus. Vielleicht Hochnebel? Für meine endgültig letzte Wanderung auf den Shetlands, die eigentlich so eine Art Nachschlag ist, da erst morgen meine Fähre geht, hätte ich doch gerne nochmal annehmbares Wetter.

 

Doch erst muss ich, leider, was anderes erledigen. Von meinem allein genutzten Zweibettzimmer muss ich umziehen in ein Dorm und mir dort die Atemluft mit fünf anderen teilen. Ich habe zwar lieber meine Privatsphäre, aber für eine Nacht geht das auch mal. Dann geht es runter zum Hafen, wo die kleine Autofähre nach Bressay ablegt.

 

Die Insel Bressay liegt nur knappe zehn Fährenminuten jenseits des Bressay Sounds. Nur dieser Insel hat es Lerwick zu verdanken, dass es der Hauptort der Shetlands geworden ist. Geschützt durch die vorgelagerte Insel konnten Fischerei- und Handelsschiffe von altersher hier vor Anker gehen. Schon die Wikinger haben sich dies zunutze gemacht. In Zeiten der großen Heringsfischerei in der Mitte des 17. Jahrhunderts landeten vor allem unzählige holländische Fischerboote bei Lerwick an, aber auch auf der anderen Seite des Bressay Sounds, an der Westküste von Bressay. Man sagt, dass es bis zu 1.500 Boote zeitweise gewesen sein sollen und dass man damals fast nach Bressay hätte gelangen können, wenn man nur von einem Boot ins andere stieg. Die Einheimischen zogen zunächst aus dem Großaufgebot an Fremden ihren Nutzen. Sie bauten Hütten am Ufer, ließen sich als Arbeiter bei der Fischverarbeitung anheuern, eröffneten kleine Kneipen, auch das älteste Gewerbe hatte sein Betätigungsfeld, es war richtig was los im und in der Nähe vom Hafen. Als aber die Holländer ein immer einnehmenderes Wesen zeigten und immer höhere Ansprüche stellten, zogen die, die was zu sagen hatten, die Reißleine und schmissen die Holländer in einer kriegerischen Auseinandersetzung raus. Das ist jetzt mal sehr vereinfacht ausgedrückt, aber im Wesentlichen war es so. Wegen seiner besonderen Lage behielt Lerwick aber seine Bedeutung und wurde Hauptort der Shetlands (vorher Scalloway). Die Baustruktur des Gebietes um den Hafen herum, mit den kleinen, verwinkelten Gassen, zeugt heute noch von dem damaligen Hüttenviertel. Auf der anderen Seite des Sounds, auf Bressay, hat sich nichts Derartiges erhalten. Zwar leben noch etwa 350 Menschen auf der Insel, die allermeisten auch an der Lerwick zugewandten Seite, aber alle weit verteilt. Je weiter man ins Inselinnere kommt, desto dünnbesiedelter wird es.

 

Als die Fähre ablegt, wundere ich mich erstmal, dass ich nur ein Pfund bezahlen muss. Doch schnell wird mir klar, dass für die Bressay-Bewohner die Fähre nichts anderes ist als ihr "Bus in die Stadt", und wenn ich bedenke, wie preiswert das Busfahren "in die Stadt", also nach Lerwick, für die Shetlander ist, wundert mich das jetzt doch nicht mehr. Vom Fähranleger marschiere ich los. Einmal quer über die Insel muss ich, um an den Ausgangspunkt meiner heutigen Querfeldein-Tour zu gelangen. Sobald ich den Küstenstreifen hinter mir habe, wird es einsam. Noch das ein oder andere Haus, dann gibt es nur noch weite, moorige Heideflächen, eine Senke mit drei unterschiedlich großen Lochs, ganz selten Abzweigungen von der schmalen Straße, die zu ganz vereinzelten Bauernhöfen führen. Irgendwo an den Hängen auch mal Ruinen, die vielleicht mal Crofterhäuser waren, bevor man ihre Bewohner vertrieb, um Platz für noch mehr Schafe zu haben. 

 

Das Wetter hat sich in der letzten Stunde nicht zum Positiven entwickelt. Was heute Morgen noch Hochnebel war, wird immer mehr zum "Tiefnebel". Na bravo, dann bekomme ich diese Wettervariante wenigstens auch noch mit. Immer tiefer senkt sich diese milchigweiße Decke herab, hüllt schon völlig den Wart of Bressay, die höchste Erhebung der Insel, ein und schafft irgendwie eine eigenartige Mischung. So ein bisschen wie: "Oh schaurig ist's übers Moor zu geh'n..." 

 

Nach einer Dreiviertelstunde meine ich, wieder das Meer (besser: die Nordsee) vor mir zu sehen, dann sogar einen Bruchteil der nächsten Insel, Noss. Noss ist schon lange unbewohnt - von Menschen. Doch über 100.000 Seevögelpaare leben hier, und Schafe. Ein "National Nature Reserve", betreut vom "Scottish Natural Heritage". Diese Natur- und Umweltbehörde hat saisonale "wardens" angestellt, bei uns heißen diese Menschen in den Naturparks heute "Ranger". Nur mit Hilfe dieser Wardens kann der interessierte Wanderer, Naturfreund oder Ornithologe überhaupt auf diese Insel gelangen, und das auch nur von Ende April bis September. Dann sitzen sie zu zweit drüben auf Noss in oder vor einem alten, kleinen Haus, welches heute ein kleines Visitor Center beherbergt, setzen auf Wunsch mit einem Schlauchboot Zuwinkende über, geben Ratschläge zu Touren auf der Insel oder bieten sich als Führer an. Wenn wetterbedingt ein Übersetzen nicht möglich ist, wird eine rote Fahne gehisst.

 

Als ich noch 50 m von der Anlegestelle entfernt bin, weht drüben keine rote Fahne. Aber lohnt sich ein Besuch auf Noss bei Nebel? Auf der anderen Seite... über dem Berg, aus Richtung Lerwick, wird es heller. Hat jetzt der Nebel seine Absinkphase beendet und beginnt wieder zu steigen? Ich bin unentschlossen. Ich könnte ja auch einen Rundkurs hier auf Bressay machen...

 

Da wird mir die Entscheidung abgenommen. Wahrscheinlich hatte man mich schon im Blick, jedenfalls biegt gerade mit einem Affenzahn ein motorgetriebenes Schlauchboot aus einer Bucht heraus um die Ecke und legt kurz darauf an der Anlegestelle an. Ein junger Mann, offensichtlich einer der Warden, grinst mir breit zu, als wollte er sagen: "Und jetzt? Kommste mit?" Was soll ich darauf noch antworten? Ich frage nur schüchtern: "Lohnt sich das denn bei dem Nebel?" Weiter grinsend zeigt er nur hinter mich, wo sich der helle Streifen sichtlich vergrößert hat und sagt nur: "Noss lohnt sich immer! Das ist eine wunderbare Insel!" Ok, dann weiß ich das auch!

 

Er zieht mich mehr ins Boot als dass ich einsteige, wirft mir eine Rettungsweste zu und ab geht die wilde Fahrt nach Noss. Drüben in der Bucht am Strand springt er aus dem Boot, landet bis an den Knien im Wasser und zieht das Boot auf den Sand. Auf dem Weg zu seinem kleinen Refugium hält er einen Blitzvortrag über die Insel und über seine Arbeit, gibt mir Tipps zu verschiedenen Wegalternativen, zeigt mir stolz die winzige Ausstellung, kassiert für das Übersetzen £ 1,50 und wünscht mir eine gute Zeit auf Noss. "Sie werden sehen, gleich wandern Sie in der Sonne!"

 

Und recht hat er... Je länger ich unterwegs bin, desto mehr kommt die Sonne raus. Als Wind möchte ich es schon gar nicht mehr benennen, was mir da um den Kopf säuselt und es wird richtig warm. Langsam bringt es mich immer höher die Klippen hinauf. Vom Bressay Sound her höre ich Nebelhörner von noch im Nebel stochernden Schiffen. Wieder die Bronxies, etwas vom Weg ab nistend auf den Wiesen, umherwieselnde Oystercatcher, kreischende Möwen. Die Klippen neben mir werden immer spektakulärer, die ersten Brutvögel kleben förmlich an den Felsen, die Fulmars, Kittiwakes, Razorbills. Puffins kommen hinzu, ziehen mich wieder in ihren Bann, scheinen mein Interesse an ihnen zu erwidern. Schafe sind kaum zu sehen. Die meiste Zeit des Jahres dürfen sie nach Herzenslust umherwandern. Das ändert sich mit Beginn der Lammsaison, wenn sie auf das hochwertigere Land im Inselinneren, innerhalb der Feldsteinmauern, verfrachtet werden.

 

Dann kommt eine Stelle, da sehe ich sie auftauchen, die Spitze von "Noup of Noss", der höchsten Erhebung der Insel, dort, wo eine Klippenwand 180 m tief senkrecht abfällt. Ich ahne, was da abgeht. Immer mehr Seevögel sehe ich kreisen, abtauchen, aufsteigen, segeln, flattern. Immer höher steige ich auf, immer dramatischer werden neben mir die Klippen, immer intensiver die Geräusche, inzwischen auch die Gerüche.

 

Dann halte ich den Atem an. Eine Riesenwand erhebt sich vor mir aus dem Wasser, weiß von den Ausscheidungen der Vögel. Ihr Geschrei, das von der gigantischen Wand und den angrenzenden Klippen widerhallt, macht einen Höllenlärm. Drei Schritte noch und ich könnte selbst fliegen - wenn ich könnte. Ich lege mich auf den Bauch, rutsche etwas näher an die Kante, sehe links an der Wand, fast zum Greifen nahe, brütende Gannets mit ihren gelben Köpfen und langen, spitzen Schnäbeln. Ihre jeweiligen Partner segeln immer wieder ihrer Nester an und bringen Nahrung. Warum eigentlich heißen diese Vögel auf Deutsch: Basstölpel? Diesen Namen haben sie nicht verdient. Keine der hiesigen Vögel gleiten so elegant durch die Lüfte wie sie. 

 

Ich bleibe eine Stunde an diesem Ort, kann mich nicht trennen von dem Schauspiel, was mir hier geboten wird. Kein Foto, kein Video kann das einfangen. Ich bin hin und weg. Dann aber drängt sich die Abfahrtszeit der Fähre in Erinnerung und ich mache mich wieder auf den Rückweg. Kurz vor Erreichen der Warden-Unterkunft lässt mich ein ulkiger Anblick nochmal innehalten: Zwei Seehunde schauen neugierig aus dem Wasser zu mir hinüber. Und wenn Seehunde neugierig aus dem Wasser gucken, sieht das ja immer so aus, als würde ein kleines U-Boot gerade sein Sehrohr ausfahren. Ich könnte mich jedes Mal neu wegschmeißen. Sie gucken neugierig, tauchen wieder ab, tauchen etwas näher wieder auf, aber nur mit dem halben Kopf, sind wieder weg, dann kommen fast nur noch zwei Augen aus dem Wasser. Irgendwann scheint einer von ihnen auf einem vom Wasser überspülten Stein Platz genommen zu haben, erhebt sich in seiner fast ganzen Schönheit und bellt kurz zu mir hinüber. "Ich hoffe, du hattest eine schöne Zeit auf Noss, jetzt verschwinde aber wieder und lass uns hier in Frieden!"

 

Ich tue ihm den Gefallen, bin eine halbe Stunde später wieder bei meinem Warden, der gerade im Hof Holz für seinen Kamin hackt. Er freut sich sichtlich, dass es mir auf Noss gefallen hat, geleitet mich wieder zu seinem Boot, hilft mir beim Einsteigen und bringt mich auf die andere Seite hinüber nach Bressay. Ich bin noch keine zwanzig Meter gegangen, kommt mir der Zufall zu Hilfe. Ich müsste jetzt denselben Weg wieder zurückgehen und sowas mache ich überhaupt nicht gerne. Da sehe ich vor mir, wie ein junger Mann ein Lamm auf dem Arm trägt, es in seinen Rover verlädt und gerade in seinen Wagen einsteigen will. Ich frage ihn, ob er mich vielleicht ein Stück mitnehmen könnte. "Wollen Sie zur Fähre? Ich kann Sie hinbringen!" So fügt sich mal wieder alles.

 

Es war der letzte Wandertag auf den Shetlands. Ich werde ihn zu einen meiner Höhepunkte zählen.

 

 

Sieh dir meinen 15,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/569792941

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Inge (Montag, 09 Mai 2016 08:18)

    Schöne Berichte und Bilder, die den Augen gut tun. Ruhige Überfahrt wünschen wir Dir!

  • #2

    Der Kronprinz (Dienstag, 10 Mai 2016 13:39)

    Wow. Echt geil!

  • #3

    Die Pilgertochter (Freitag, 13 Mai 2016 16:34)

    Höchste Zeit, dass Wolfgang dich besuchen kommt und du wieder menschliche Wanderbegleitung hast. Die Seehunde können nicht mit dir sprechen, Papa!

  • #4

    Peerie (Samstag, 09 Juli 2016 17:37)

    Wir haben letztes Jahr Noss mit dem Boot erkundet, diesmal möchten wir auf die Insel. Es ist das 3. Mal auf Shetland. Zuerst erkunden wir die Insel Unst. Den Hermaness-NP haben wir letztes Jahr besucht, aber hatten schlechtes Wetter. Diesmal hoffen wir auf besseres Wetter