Zeitreise

Scatness - Sumburgh Head (7 km)

Also ich hatte schon mal bessere Nächte! Wie bin ich eigentlich auf die Wahnsinnsidee gekommen, auf die Tour nur meinen DJH-Leinenschlafsack und so'n Fleece-Inlet-Teil mitzunehmen?! Die Quittung bekomme ich jetzt. Ich dachte, ich könnte aus Gewichtsgründen den dicken Schlafsack zu Hause lassen, für die zwei, drei Mal, wo ich überhaupt einen Schlafsack brauche. Außerdem hatte ich mit warmen Peatfeuern in den Böds gerechnet, aber Pustekuchen. Die Kälte kroch jedenfalls in der Nacht durch alle Schlafsäcke und durch alle Kleidungsschichten und die Plastikflasche mit dem zunächst heißen Wasser entwickelte sich innerhalb einer halben Stunde von einer Wärmflasche zu einem Kühlpack. Wissen eigentlich alle, wie gut ein heißer Kaffee am Morgen tut?

 

Um 10 Uhr erst, nachdem alle Extremitäten wieder aufgetaut sind, klicke ich mir den Wheelie an und mache mich auf die mittlerweile etwas durchlöcherten Strümpfe. Ich werde beide Böds, die in Voe (Sail Loft) und die in Scatness (Betty Mouat's Böd) in Erinnerung behalten, nur wie ich sie letztendlich bewerte, muss ich noch abwarten. 

 

Die Ausgrabungsstelle von Scatness, unmittelbar in Nachbarschaft zum Böd gelegen, ist verwaist, das kleine Visiter Center geschlossen. Macht nichts, gleich komme ich nach Jarlshof, einem Ausgrabungsgelände, das sowieso viel umfangreicher ist. Ich marschiere stramm an der Landebahn des Flugplatzes entlang, mir muss warm werden, noch etwas wärmer. Ein donnerndes Brüllen nähert sich, eine zweimotorige Propellermaschine landet neben mir, wahrscheinlich kommt sie von irgendeiner der größeren bewohnten Inseln. Dann kommt das stattliche Sumburgh Hotel in Sicht, ein alter viktorianischer Bau. Vom Parkplatz des Hotels führt ein Wiesenweg zum Eingang von Jarlshof.

 

Jarlshof ist wohl eine der größten archäologischen Sehenswürdigkeiten Schottlands. Man könnte meinen, jemand hätte vor 4500 Jahren ein Stück Land dazu auserkoren und reserviert, zukünftigen Generationen auf engem Raum Siedlungsplätze von Jahrhunderten zu bewahren und ihnen zu zeigen, wie Menschen in verschiedenen Perioden hier lebten. Das Ergebnis sind eng aneinander liegende oder auch sich teilweise überdeckende Bauwerke aus der Steinzeit, der Bronzezeit, der Eisenzeit, den Zeitaltern der Pikten und der Wikinger, dem Mittelalter und bis hin zum 17. Jahrhundert. Ein Konglomerat der Zeitgeschichte.

 

Im späten 19. Jahrhundert spülte ein schwerer Sturm einen Teil der hier recht niedrigen Klippen weg und legte dabei erste Spuren alter Siedlungsformen frei. Gezielte Ausgrabungen begannen aber erst 1925. Wer sich dieses Gelände hier ansieht, macht nichts anderes als einen Spaziergang durch die Geschichte. Mich begeistert sowas. Reste einer steinzeitlichen Hütte von vor etwa 4500 Jahren, eines eisenzeitlichen Brochs und von piktischen sogenannten "Wheelhouses", von ehemaligen Langhäusern eines Wikingerdorfes, von einem Bauernhof aus dem Mittelalter. All das war im 17. Jahrhundert überdeckt von dem inzwischen schottischen Landbesitz und Herrenhaus der mächtigen Earls of Stewart, den im Volk der Shetlands und Orkneys verhassten Nachfahren des Schottenkönigs James V. Auch von diesem "Old House of Sumburgh" stehen nur noch Ruinen. 

 

Ich streife mal wieder überall herum, begebe mich in die Wheelhouses, zwänge mich durch den niedrigen Eingang des ehemaligen Brochs, betrete den Boden des alten Langhauses. Wie gerne würde ich mal Zeitsprünge machen können, mal - ganz kurz nur - in vergangene Zeiten hineingucken, mich einfach mal weg- und wieder zurückbeamen. So viele Maschinen wurden mittlerweile erfunden, mit der Zeitmaschine hat es noch nicht geklappt.

 

Nach einer Stunde Spaziergang durch ein Stück europäischer Siedlungsgeschichte, mache ich mich auf die letzten zwei Kilometer meiner Wanderung durch die Shetlands in Nordsüdrichtung. Seit gestern sehe ich bereits den Felsen von Sumburgh Head permanent vor mir, wie er sich ganz zum südlichen Ende des Archipels nochmal in die Höhe streckt mit dem Leuchtturm an seiner Spitze. Er ist das Erste und Letzte, was man von den Shetlands sieht, wenn man mit der Fähre an- oder abreist. Auch ich werde ihm bei meinem Abschied von den Shetlands am Montag nochmal zuwinken. Doch jetzt will er, dass ich nochmal 100 Höhenmeter erklimme, von Jarlshof oder dem Flughafen in Meereshöhe bis zu ihm hinauf. Vom Abzweig bei Grutness, von wo aus die arme (oder doch glückliche?) Betty Mouat zu ihrer unheilvollen Fahrt aufbrach, geht es zunächst recht gemächlich bergauf. Erst wo die kleine Zufahrtsstraße endet und die Autofahrer ihre Wagen abstellen müssen, beginnt der richtig steile, aber kurze Aufstieg.

 

Doch ich werde unterhalten. Klippenabstürze tun sich wieder auf, Blicke über die Steinmauer enden nach wenigen Metern schon bei den Nestern so mancher Brutvögel oder ganz unten auf den Uferfelsen, wo sich die Kormorane tummeln. Und dann schließt sich irgendwie der Kreis. Wie meine Shetland-Durchquerung begonnen hat, so endet sie auch: mit den Puffins. Wie schon ganz im Norden auf Hermaness, hocken sie auch hier nur wenige Meter von mir entfernt an der Klippenkante, watscheln wie nur sie es können hin und her, drehen den Kopf aufgeregt nach vorn und hinten, schlagen mit den Flügeln, putzen ihr Gefieder oder träumen einfach nur vor ihren Bruthöhlen vor sich hin.

 

Ich könnte ihnen ewig zusehen - wenn es nicht noch anderes zu sehen gäbe: den Leuchtturm selbst, das Maschinenhaus, das riesige Nebelhorn, die alten Radarstationen aus Zeiten des II. Weltkriegs, eine Ausstellung zum Leben der Leuchtturmwärter und ihrer Familien während der letzten 150 Jahre, eine andere zum maritimen Leben in den Meeresgewässern rund um die Shetlands.

 

Die Zeit, mir das alles anzusehen, reicht so gerade. Ich muss sogar in einen leichten Galopp verfallen, um rechtzeitig bei der Bushaltestelle am Sumburgh Hotel zu sein, wo ich den Bus nach Lerwick erreichen will. Aber es klappt.

 

Die Rückfahrt kratzt an meinem Gemüt. Ich werde fast ein wenig wehmütig, als Orte, durch die ich in den letzten Tagen ging, wo ich Pause machte oder die mich durch ihre besondere Schönheit faszinierten, Streckenabschnitte, die mir leichtfielen, wo ich schwitzte oder fröstelte, wo ich vom Wind gebeutelt oder vom Regen nass wurde, an mir vorbeifliegen. Doch langsam, noch bin ich zwei Tage hier.

 

Im Islesburgh House Hostel begrüßt man mich freundlich. "Na, wieder zurück?" 

 

 

Sieh dir meinen 7,2 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/568510296

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dieter (Sonntag, 08 Mai 2016 16:04)

    Sollte es auf den Orkneys immer noch kalt sein, bleib einfach ein paar Tage bei Highland Park.
    Der Whisky wird dich schön warm halten.
    Bis dann

  • #2

    Hildeg. (Sonntag, 08 Mai 2016 20:45)

    Wir hatten heute 24° C , Sonnenbrandwetter. Ich würde dir gerne etwas davon abgeben, damit du nachts nicht so frieren musst.