Dicker Turm und kalte Füße

Mousa Circle / Dumrossness - Scatness (11 km)

Ich war ja von Anfang an sehr optimistisch, dass mein am Mittwoch ausgefallener Rundgang über die Insel Mousa nachholbar sein wird. Irgendwie wird es sich fügen, dachte ich mir. Und es fügte sich sehr einfach und angenehm. Ein langjähriger Gast von Mary in ihrem B&B ist eine Deutsche, Claudia. Sie hat schon vieles von den Shetlands gesehen, gehört bei Mary fast mit zur Familie, war aber noch die auf Mousa. Eigentlich hatte ihr immer das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber heute, wo das Wetter endlich passt und auch das Bootunternehmen auf ihrer Homepage mitteilt, dass gefahren wird, will sie Mousa endlich "machen". Claudia bewegt sich auf den Shetlands immer mit einem Mietwagen und bietet sich sofort an, mich mitzunehmen. Wie könnte ich nein sagen...

 

Um kurz nach 9 Uhr fahren wir von Bigton aus los und wofür ich am Mittwoch vier Stunden gebraucht habe, braucht Claudia mit ihrem kleinen geliehenen Auto mal gerade 20 Minuten. Auf dem Pier bei Leebitten liegen wieder die Seehunde und ich sehe genau, wie einer von ihnen einem anderen grinsend zuflüstert "Der war doch vor kurzem schon mal hier!" und sich dann genüsslich auf den Rücken rollt und mit der Schwanzflosse kurz mal aufs Pier klatscht. Als dann aber das Boot um die Buchtecke herangetuckert kommt, schnellen alle Seehundsköpfe hoch, blicken in Richtung Boot, ein ärgerliches Bellen und die ganze Truppe gleitet lautlos ins Wasser.

 

Inzwischen haben sich zwölf weitere Menschen am Pier versammelt und besteigen mit Claudia und mir das Boot, viel mehr passen auch nicht drauf. Auch wenn die See heute relativ ruhig ist ("We'll have a smooth journey"), gibt uns der dickbauchige Kapitän, wie es wohl die Vorschrift verlangt, zunächst einmal eine Einweisung im Gebrauch der Rettungswesten. Das beruhigt. Dann zeigt er uns auf einer Karte, wo wir auf der Insel laufen dürfen und wo aus Naturschutzgründen nicht, gibt uns dafür drei Stunden Zeit und bittet um pünktliche Rückkehr zum Boot. Ay ay, Captain, wir haben verstanden!

 

Zwanzig Minuten braucht das Boot für eine leicht schaukelnde Überfahrt. Dann legt es an einem winzigen Pier an. Ohne Absprache teilen wir Inselbesucher uns zu fast gleichen Teilen auf, der eine beginnt im Uhrzeigersinn seinen etwa vier Kilometer langen Rundweg, der andere entgegengesetzt. 

 

Auf Mousa gibt es einige geschützte Bereiche, die kein Wanderer betreten sollte und die auch als Schutzgebiete kenntlichgemacht sind. Dies gilt besonders für Areale einiger Bodenbrüter und für kleine Seebuchten, die als natürliche Aufzugsgebiete von verschiedenen Robben- und Seehundearten gelten. Der potentielle Störer ist nun mal der Mensch. Umherwandernde Schafe, die vielleicht auch mal Eier am Boden zertrampeln oder junge Robben nerven, sind da kaum in Schranken zu weisen. Claudia und ich lassen uns viel Zeit, halten hier, schauen da, erfreuen uns mal wieder an den Brutkolonien in den Klippen, auch wenn diese hier auf Mousa bei weitem nicht so spektakulär daherkommen, wie bei manch anderer Insel. Wir beobachten Kormorane, wie sie mit fächelnden Bewegungen ihre Flügel zu trocknen versuchen, erblicken die in sicherer Entfernung vom Rundweg auf dem Boden brütenden dicken Raubmöwen (hier auch Skuas oder Bronxies genannt), die auch Menschen sofort angreifen, wenn diese sich ihren Nestern nähern. Seehunde räkeln sich auf breiten Felsen und junge Lämmer flitzen übermütig über Wiesen oder kleine Strände, um sich dann aber sofort wieder hinter ihren Mamas zu verstecken.

 

Für diejenigen Inselbesucher, die im Uhrzeigersinn unterwegs sind, wie Claudia und ich, kommt der Höhepunkt des Weges ziemlich gegen Schluss: der mächtige Mousa Broch. Zu den Brochs auf den Shetlands im Allgemeinen hatte ich mich ja schon mal beim Clickimin Broch von Lerwick geäußert. Beim Mousa Broch muss ergänzt werden, dass er der größte und der besterhaltene von allen ist. Noch heute rätselt man, warum er nicht, wie viele andere, in späteren Zeiten als eine Art Steinbruch für andere Bauten herhalten musste. Sein Anblick ist schon beeindruckend und ein wenig befremdlich zugleich, erinnert er mich in seiner Form doch irgendwie auch an den Kühlturm eines Kraftwerks. Doch nicht nur seine Größe hat den Broch zu einer Berühmtheit gemacht. Die Natur wollte es so, dass die kleine Vogelart der Storm Petrels (Sturmschwalben) von außen in den kleinen Ritzen der Mauersteine nisten. Tagsüber suchen sie über dem Meer nach Nahrung, aber spät abends kehren sie in Schwärmen zurück und bevölkern dann den Broch. Zu diesem sich abspielenden Naturspektakel werden sogar abendliche Bootsfahrten angeboten.

 

Claudia und ich betreten den Broch durch den niedrigen Eingang und sind auch von innen beeindruckt. Hatte er noch von außen einen Durchmesser von 12 m, sind es von innen nur noch 6 m. Also kann man sich ungefähr ausrechnen, wie dick die beiden konzentrischen Mauerwände sind, die sich gleichzeitig auch noch 15 m in die Höhe erheben. Innerhalb der Wände gehen wir beide eine steile Treppe hoch, über die die früheren Bewohner verschiedene Stockwerke erreichten, wir aber nun einen fast vollständig umlaufenden Ausguck, von dem aus man sich auch schon in früheren Zeiten nach ungebetenen Gästen umsah. 

 

Als wir wieder beim Boot eintrudeln, sind wir fast die letzten. Bei dem kleinen Haus am Pier haben die Bootsbetreiber ihren Fahrgästen kleine Bänke und Klappstühle bereitgestellt und alles sitzt in der Sonne. Eine Viertelstunde früher als es auf dem Fahrplan steht (aber auf wen soll man denn auch noch warten?), legt das Boot wieder von Mousa ab.

 

Eine halbe Stunde später sind wir wieder in Bigton. Obwohl ich eigentlich nur noch hier bin, um mein Wheelie abzuholen und auf den Bus zu warten, der mich in zwei Stunden zum Crofter Museum nach Dumrossness  bringen soll, erlebe ich nochmal ein Stück herzlicher Gastfreundschaft. Ob ich nicht eine Suppe in der Küche mitessen wolle und ein Kaffee wäre doch auch nicht schlecht. Natürlich lasse ich mich gerne überreden. Doch Suppe und Kaffee alleine sind es nicht, die mich daran so erfreuen, es sind auch die netten Gespräche mit Menschen, die ich erst vor zwei Tagen kennengelernt habe und mir jetzt schon so vertraut sind. Es gibt Orte auf einer Reise, zu denen man nochmal gerne zurückkommen möchte. Das Hayhoull B&B in Bigton ist solch einer. 

 

Als ich meinen Wheelie direkt vor Marys Haustür mithilfe der Busfahrerin in den Bus hieve und hinterherklettere, winken Claudia und Mary mir nach und mich beschleicht das Gefühl, dass ich zumindest noch eine Nacht hier in Bigton hätte bleiben sollen.

 

Dort, wo ich gestern meinen Weg Richtung Süden beendet hatte, am Crofter Museum in Dunrossness, steige ich wieder aus dem Bus aus und setze ihn, für eine Stunde nur, fort. Lustig für mich wird es, als ich den größten Flughafen der Shetlands, Sumburgh Airport, vor mir sehe und kurz darauf - und das ist kein Scherz - die Hauptlandebahn mit meinem Wheelie überquere. Ich glaube, das gibt es in ganz Europa nicht nochmal! Eine Hauptverkehrsstraße überquert eine Flughafenlandebahn! Nur eine Ampel und eine Schranke (mit Schrankenwärter) könnten mich gegebenenfalls daran hindern. Passiert aber nicht. 

 

Bevor ich morgen während eines weiteren Rundwegs an der südlichsten Spitze der Shetlands ankomme, ist heute nochmal eine Übernachtung in einem Böd geplant, genauer gesagt im "Betty Mouat's Böd" bei Scatness, unmittelbar am Flughafen der Shetlands.

 

Betty Mouat wurde 1825 nicht weit von hier geboren und war eine ausgebildete Spinnerin und Weberin. Berühmt wurde sie 1886, als sie mit einem Boot, der Columbine, von dem kleinen Hafen von Grutness aus nach Lerwick fahren wollte, um dort ihre Ware zu verkaufen. Drei Meilen nach Abfahrt gerieten sie und die kleine Mannschaft des Bootes in schwere See. Der Kapitän des Bootes und ein Maat gingen über Bord. Während der Maat sich zurück an Bord retten konnte und noch versuchte, zusammen mit einem weiteren Mannschaftsmitglied in einem kleinen Beiboot den Kapitän zu retten, versank dieser aber in den Wellen. Verzweifelt machten sie alle Anstrengungen, um zur Colombine mit der armen Betty zu gelangen, doch das Boot war inzwischen uneinholbar abgetrieben. Sie gaben auf, retteten sich ans Ufer und schlugen Alarm. Aber alle Bemühungen, die Colombine zu lokalisieren, blieben erfolglos. Nach acht Tagen und Nächten trieb Betty Mouat mit dem Boot schließlich auf einen Felsen bei dem Ort Lepsoy, in der Nähe der Lofoten in Norwegen, an und wurde von einem Fischer unter Mithilfe anderer gerettet. Die Menschen der Shetlands waren heftig berührt vom Schicksal Bettys, die noch Jahre lang von Leuten Besuch bekam, die ihre Geschichte hören wollten. Im Februar 1918 starb sie friedlich in ihrem Haus.

 

Dieses Haus ist nun mein Übernachtungsplatz. Bis auf eine Informationstafel erinnert im Inneren des kleinen Hauses aber nichts mehr an Betty, nur noch der Kamin vielleicht, dessen offene Feuerstelle jetzt durch einen kleinen Ofen ersetzt ist. Ansonsten beherrschen drei Doppelstockbetten den Raum und - welch Luxus - eine schwere Polstergarnitur, offensichtlich nach langjährigem Gebrauch im Privatbesitz wiederverwendet. Nebenan die kleine Küche: kleiner Elektroofen, Mikrowelle, Heißwasserkocher und Kühlschrank, Töpfe, Teller, Tassen, Besteck, aber alles weit davon entfernt, als hygienisch einwandfrei zu gelten. Mit alldem kann ich kurzfristig leben, aber es ist mal wieder saukalt.

 

Ich bin etwas geschwitzt von den letzten Kilometern, draußen war es unvorstellbar heiß, 12 °C, dazu fast windstill, jetzt diese Kälte hier drinnen. Ich ziehe mir so schnell es geht in mehreren Schichten trockene Sachen an und will mir einen heißen Tee machen, doch alle Elektrogeräte funktionieren nicht. Dann eben schnell den Ofen anmachen! Dazu brauche ich Feuerzeug, Papier, etwas Holz und Peat. Das Feuerzeug habe ich im Tagesrucksack, Säcke mit Peat liegen vor der Haustür in einer großen Truhe, aber woher jetzt Papier und Kleinholz nehmen? Von beidem ist weder drinnen noch draußen was zu finden. Ich kann ja schlecht meine Wanderkarten verbrennen oder draußen die Zaunpfähle abreißen. Am Pinnbord hängt die Telefonnummer der zuständigen Böd-Betreuerin und ich rufe an. Sie bedauert alles sehr, teilt mir aber etwas zähneknirschend mit, dass sie im Moment von einer Geburtstagsfeier eine halbe Stunde mit dem Auto fahren müsste, um mir vor Ort zu helfen. Dies will ich ihr nun nicht zumuten und wünsche ihr noch einen schönen Abend. 

 

Ich habe mich schon fast in meinem Kühlschrank eingerichtet, als ich ein Auto vor der Tür halten höre. Die Tür geht auf und es schallt mir ein fröhliches "Der Reparatur- und Ofendienst ist da!" entgegen. Die Hüttenwartin nebst erwachsener Tochter rücken an. Welch ein Segen! Mutter löst mit einer neuen Sicherung das Elektroproblem, Tochter eilt zum Ofen, um ihn anzustochen. Letzteres scheint sich aber doch als Problem darzustellen, denn außer viel Rauch und wenig Glut kommt erstmal nicht viel dabei heraus. Trotz mehrerer Versuche ist Papier und Holz verbrannt, bevor der getrocknete Torf ausreichend Glut entwickeln kann. Mit etwas Schulterzucken streichen Tochter und später auch Mutter die Segel und schlagen mir vor, es doch selbst nochmal zu versuchen. Wie ich das aber ohne das bereits verbrannte Papier und Holz tun soll, können sie mir auch nicht sagen. Dann sch... auf Ofen!

 

Jedenfalls kann ich mir jetzt einen heißen Tee und ein paar Nudeln kochen - und eine (Plastik)-Wärmflasche fürs Bett ist vielleicht auch noch drin!

 

 

Heute zwei Streckenaufzeichnungen:

 

Sieh dir meinen 18,9 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/567281199

 

Sieh dir meinen 4,7 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/568509496

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Montag, 09 Mai 2016 09:35)

    Der Hütten Komfort erinnert teilweise ein wenig an die ein oder andere Unterkunft in Norwegen.