Kleine, schöne St Ninian's Isle

Bigton - St Ninian´s Isle Circle - Dumrossness (19 km)

Beim Wachwerden knallt mir die Sonne ins Gesicht. Besser kann das Wetter nicht sein für St Ninian's Isle. Von meinem Fenster aus sehe ich einen Teil von ihr in der Sonne liegen und ich höre sie förmlich mir zurufen: "Nun komm schon, ich warte auf dich! "

 

Nur Minuten später bin ich parat und sitze am Frühstückstisch. Aus dem großen Panoramafenster sehe ich nicht eine Wolke am Himmel und freue mich auf dieses kleine Juwel unter Shetlands Inseln. Full Breakfast wird heute mal ersetzt durch Porridge und 4 Scheiben Toast mit selbstgemachter Marmelade. Ein kleiner Zuckerschock, aber auch damit müsste ich über den Tag kommen.

 

Der etwa zweistündige Rundgang über St Ninian's soll heute aber noch nicht alles gewesen sein. Ich muss noch "vorarbeiten". Da ich morgen ja unbedingt nochmal auf Mousa herumstreifen will umd ich daher nur noch einen halben Tag habe, um mich zu meiner nächsten Unterkunft Richtung Süden zu bewegen, werde ich heute auch noch weiter bis nach Dumrossness zum dortigen Crofter Museum marschieren. Mary, meine Gastgeberin vom Hayhoull B&B, war sofort bereit, mich von dort abzuholen, damit ich nochmal in ihrem Haus übernachten kann. Morgen Nachmittag, nach dem Mousa-Rundgang, fahre ich dann bis zum Museum und alles ist im Plan.

 

Mit leichtem Gepäck mache ich mich auf den Weg. Mein Wheelie hat mal wieder einen Tag Pause und ich hab's leichter. Zehn Minuten später sehe ich den (bei Shetlandfreunden) bekannten Tombolo vor mir, eine langgezogene Sandbank, die South Mainland mit St Ninian's Isle verbindet. Welch ein Anblick! Von zwei Seiten laufen mächtige Wellenbögen auf die Sandbank auf: von der nördlichen Bigton Wick und der südlichen St Ninian's Bay. Keine Welle will der von der anderen Seite nachstehen. Eine kleine Straße führt zu einem Parkplatz hinab, auf der kein Auto steht. Die Asphaltspur geht über in einen breiten Sandweg, von dem dicke Treckerspuren durch mehrere Dünen auf die Sandbank übergehen. Später erfahre ich, dass Bauern auf die Sandbank fahren, um angeschwemmtes "Kelp" (Seetang) als Zusatzfutter für ihre Rinder in Hängern abzufahren. 

 

Mit etwas Mühe stampfe ich auf der Sandbank jetzt St Ninian's entgegen und bin sehr zufrieden damit, dass ich jetzt nicht meinen Wheelie hinter mir herziehen muss. So kann ich mich in diesem beeindruckenden Stück Natur frei bewegen und sie in aller Ruhe genießen. Aber was heißt "Ruhe"? Die Wellen vollführen einen heißen Tanz. Wie bei einem Stereoempfang höre ich sie herangerauscht kommen, um Sekunden später sich mit Donnergetöse zu überschlagen, eine Gischtfahne hinter sich herziehend, und mir dann von beiden Seiten entgegenzurollen. Der Abstand zwischen den auslaufenden Wellen zu beiden Seiten ist gar nicht so groß. Auf Fotos war er mir größer vorgekommen. Auf einmal durchzuckt es mich ein wenig. Mir ist vollkommen aus dem Blick geraten, dass hier ja nun mal die Gezeiten herrschen. Und bei Sturmtiden kann das Wasser schon mal den Tombolo überdecken. Na bravo! 

 

Aber dann beruhige ich mich. Der Wind ist zwar wiedermal (oder immer noch) sehr heftig, als Sturm geht er für mich jedoch noch nicht durch. Als sich dann aber nach zwei besonders großen Wellenbergen hinter mir das von beiden Seiten auflaufende Wasser "küsst", werde ich doch etwas schneller. Auf der anderen Seite geht es durch Dünen wieder aufwärts. Ein bisschen wie Robinson Crusoe setze ich meine Füße nun auf St Ninian's Isle, deren Name von St Ninian stammt, dem ersten Bischof, welcher nach Überlieferungen von Irland nach Schottland gekommen sein soll, aber definitiv nie auf den Shetlands war. Obwohl ich die gesamte Insel nicht überblicken kann, bin ich mir sicher, dass ich für die nächsten nicht ganz zwei Stunden mit Schafen, Kaninchen und Seevögeln alleine sein werde. Ein besonderes, aber kein bedrohliches Gefühl. 

 

Ich gehe völlig lautlos über die Wiesen, wie über einen dicken Teppich, immer darauf achtend, nicht in die für mich fast schon überproportionierten Hinterlassenschaften der Schafe zu tappen. Doch dies wäre das geringste Problem. Beeindruckender (oder schon fast beängstigender) ist für mich die Tatsache, dass ich wirklich aufpassen muss. Manchmal, wenn ich nach Besteigen eines anscheinend kleinen Hügels einen sich anschließenden sanften Abstieg erwarte, stehe ich auf einmal unvermittelt vor einem Abgrund. Wellen brüllen mir dann entgegen, eine regelrechte "Hexenküche" tut sich vor mir auf und ich schnappe für einen Moment nach Luft. Doch dann nimmt mich diese Kulisse sofort wieder gefangen, ich bewundere diese Küsten- und Klippenlandschaft, wie mehrere Meter hohe Wellen immer wieder und wieder gegen die Felsen branden, sie mit weißer Gischt bedecken, Möwen kreischend durch die Luft segeln oder in ganzen Schwärmen im Auf und Ab auf dem Wasser förmlich tanzen. Hinter jedem Hügel, hinter jeder Kurve tun sich andere Blicke auf, dazu die grünen Wiesenmatten, der blaue Himmel und das noch blauere Meer. Es ist der Atlantik, der sich da vor mir ausbreitet, die Nordsee tobt sich auf der anderen Seite von South Mainland aus, keine vier Kilometer von hier entfernt.

 

Fast habe ich die Insel umrundet, sehe den Tombolo bereits wieder vor mir, als ich auf eine von einem Zaun eingegrenzte Grundmauer stoße. Sie ist der Rest der alten St Ninian's Chapel, die 1958 eine gewisse Berühmtheit erlangte, als ein Schuljunge, der einem Team von Archäologen bei Ausgrabungen in den Kapellenüberresten geholfen hatte, einen Silberschatz mit 28 Einzelstücken fand, bestehend u.a. aus mehreren silbernen Schalen und Schmuckstücken, die mit piktischen Symbolen verziert waren. Noch heute weist ein kleiner aufrecht stehender Stein auf die Stelle mitten in der Kapelle, wo der Junge fündig geworden ist.

 

Zu meiner gewissen Erleichterung ist die Sandbank auf meinem Rückweg nun um einiges breiter als noch vor zwei Stunden. Das Wasser geht also offensichtlich wieder zurück. Ich kann meinen Weg unbekümmert fortsetzen. Ich verabschiede mich leise von dieser Insel, die auf der Rangliste meiner Shetland-Sehenswürdigkeiten ganz oben angesiedelt sein wird. Sie war einfach nur... schön!

 

Hinter Bigton geht es nun drei Kilometer wie auf einem Aussichtsbalkon entlang. Ich sehe die Bay of Scousburgh unten liegen, amüsiere mich über mindestens 50 Seehunde, die auf dem breiten Strand bei Rerwick nebeneinander im Sand liegen und sich ihre Speckbäuche von der Sonne erwärmen lassen, erblicke als nächstes einen weiteren Traumstrand, der fast wieder einem Tombolo gleicht, aber nur die Scousburgh Bay vom Loch Spiggie trennt. Beim Loch Spiggie sind im Moment die Ornithologen ganz aus dem Häuschen. Seit 100 Jahren hat sich am Ufer des Sees wieder ein Höckerschwanenpaar zum Brüten angesiedelt. Alle 50 m weisen eingeschweißte Blätter an Zaunpfosten darauf hin, sich dem Paar doch bitte nicht weiter zu nähern. Hatte ich aber sowieso nicht vor.

 

Kurz vor 14 Uhr bin ich am "Shetlands Crofter Museum", nicht weit abseits der A970 bei den weit verstreut liegenden Häusern des Gemeinwesens von Dumrossness. Unmittelbar in Nachbarschaft zu mehr oder weniger neuen Häusern liegt es da am Hang, aus dicken Steinen gebaut, strohbedeckt, mit der Schmalseite dem Meer zugewandt und irgendwie weit entfernt von der heutigen Zeit. Das Museum ist nicht künstlich hier errichtet, nicht von anderswo hierher verpflanzt. Dieses Crofter-Haus stand tatsächlich hier, vor über 100 Jahren bereits. Es erinnert mich in seiner äußeren Erscheinung an die Blackhouses (wegen der Rußschwärze im Inneren) auf den Äußeren Hebriden, von seiner Einrichtung her aber auch an die vielen Heimatmuseen in Skandinavien oder auch bei uns in Deutschland: niedrige Türen und nur zwei niedrige Wohnräume, festgetretener Lehmboden, Bettkästen, die kleine hölzerne Kinderwiege, das Spinnrad, das Kaminfeuer, in dem der getrocknete Torf brennt und den typischen Geruch verbreitet, eine Fiedel an der Wand und schwere ausgetretene Schuhe neben der Tür, als hätte der Crofter sie gerade erst ausgezogen, um sich nun in seinen Holzsessel neben das Feuer zu setzen. Links und rechts der Wohnräume sind - zum Schutz gegen Wind und Kälte - Stall und Lagerschuppen angebaut. Nicht viel mehr als zwanzig Quadratmeter waren es als Wohnraum und Großeltern, Eltern und manchmal bis zu zehn Kindern lebten unter diesem einen Dach. Und auch wenn die männlichen Bewohner oft wochenlang auf See waren, war es immer noch eng genug. "Die gute, alte Zeit"? Wohl kaum. Die meisten von uns können es sich nicht mehr vorstellen, sich durchs Leben schlagen zu müssen.

 

Mary hält Wort. Nach einem schnellen Anruf holt sie mich vom Museum ab und kocht mir "zu Hause" sofort eine Kanne Kaffee. Welch ein schöner Tag! Und abgerundet wird er durch einen stimmungsvollen Sonnenuntergang.

 

 

Sieh dir meinen 19,3 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/566397637

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Freitag, 06 Mai 2016 21:29)

    Wow! Das klingt ganz schön eindrucksvoll! Pass auf dich auf, Papa!

  • #2

    Der Kronprinz (Montag, 09 Mai 2016 09:15)

    Wie!! Der Hammer!!! Nicht abstürzen bitte!!!