Himmel, Ar...!

Leebitten - Bigton (12 km)

Hach, Janette, du bist eine so herrlich unkomplizierte Frau - aber man muss das mögen. Der dicke Broschürenordner auf dem Board in meinem Zimmer, mit den vielen Info-Blättern über alles Wissenswerte über die Region, ist etwas abgegriffen und speckig. Generationen von Gästen müssen hier schon drin gewühlt haben. Die Tassen auf dem "Warm welcome"-Tischchen sind nicht ganz klinisch rein, man muss nacharbeiten. Der Warmwasserkocher funktioniert nicht mehr und mindestens zwei Steckdosen sind defekt. Im Flur steht alles voll engbepackten Kisten und Körben, ein Zimmer musste wegen Wasserschaden leergeräumt werden. Vor dem Frühstück deckt sie vor meinen Augen den Tisch und fasst dabei Messer und Gabel keinesfalls am Griff an. Kaffee kommt hochoffiziell aus dem großen Nescaféglas. Ich hatte Rühreier bestellt, aber ein verunglücktes Spiegelei wird mir vorgesetzt. Der Bacon ist fast ungenießbar salzig und die "hot tomatoes" sind kalt. Aber Janette ist bemüht, wahrlich liebenswert, etwas fahrig, aber ungemein stolz auf ihre beiden Enkelsöhne, von denen der eine schottischer Meister im Turnen ist, der andere auf dem besten Weg zum Profifußballer.

 

Heute will ich mir die für ihre Schönheit viel beworbene und beschriebene Insel Mousa ansehen, mit dem berühmten Mousa Broch. Wie schön, dass heute Mittwoch ist, denn nur mittwochs und freitags fährt unten vom Sandsyre Pier ein Boot hinüber. Die See ist zwar immer noch etwas unruhig, aber der Wind nicht mehr so schlimm wie gestern. Ich lasse meinen Wheelie mit Erlaubnis von Janette in meinem Zimmer, nach Rückkehr von Mousa am frühen Nachmittag werde ich ihn mir dort wieder abholen, um dann nach Bigton weiterzumarschieren. Janette ist dann auch ganz bestimmt zu Hause. Versprochen!

 

Steil führt der Weg von Janettes Haus zum Pier hinunter. Es ist kurz nach 9 Uhr, von einem Boot ist noch nichts zu sehen, aber es wird schon noch kommen. Ich bin bewusst etwas früher hier, denn in dem ehemaligen, vor kurzem renovierten Bootsschuppen gibt es eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Piers, zum Fährbetrieb der letzten eineinhalb Jahrhunderte, der Kupfermine von Leebitten, der Insel Mousa und vom großen Broch. Ich widme mich dem allen mit Hingabe, riskiere aber immer mal einen Blick zum Pier in Erwartung des Bootes.

 

Das kommt aber nicht, wie gestern Janette! Ich werde wiedermal stutzig. Als um 10 Uhr, dem eigentlichen Abfahrtstermin, immer noch kein Boot um die Ecke kommt, zücke ich mein Handy und wähle die auf meiner kleinen Broschüre angegebene Nummer. Es tutet etwa sechs Mal, dann ist Ruhe im Handy. Zweiter und dritter Versuch, immer mit demselben Ergebnis. Inzwischen haben es sich einige Seehunde auf dem Pier bequem gemacht und - ich kann mir nicht helfen - irgendwie schauen die ein wenig spöttisch zu mir rüber. Ich mache zwar ein paar Fotos von ihnen, aber rechte Freude will nicht aufkommen. Mit krauser Stirn drücke ich nun ein paar andere Handyknöpfe, ich gehe im Internet auf die Seite des Bootunternehmens. Schnell ist die Verbindung hergestellt - und meine aufkeimende Befürchtung bestätigt. Die nächste Bootsfahrt nach Mousa findet - "weather permitted" - erst am Freitag statt. Himmel, Ar...!!!

 

In meinem Kopf beginnt es zu arbeiten. Ich will aber auf diese Insel! Da ich mich während der nächsten zwei Tage nicht weit von hier aufhalte (die nächsten zwei Nächte sogar im etwa nur 10 km entfernten Bigton), gibt es vielleicht per Bus die Gelegenheit, am Freitag nochmal hierhin zurückzukehren. Ich muss dann nur noch irgendwie meine Tagesplanungen etwas umgestalten. Irgendwie wird es sich fügen. 

 

Zuversichtlich mache ich mich wieder den Berg hoch zu Janette. Sie ist tatsächlich zu Hause und vollkommen zerknirscht, als sie von meinem "Unglück" hört. "You are a poor guy! Yesterday me and now the boat..." Hach, Janette, ich könnt dich knuddeln! Ich hole mein Wheelie aus dem Zimmer, während Janette draußen vor ihrer Garage ihre gewaschene (immerhin!) Bettwäsche an die Leine hängt. Als ich sie beim Abschied um ein Foto bitte, ziert sie sich zunächst etwas, stellt sich dann aber in Positur. Im selben Moment frischt eine starke Böe auf und fegt das Bettlaken von der Leine auf die Garageneinfahrt, die nicht ganz frei von Möwendreck ist. Dort bleibt es erstmal liegen, bis wir uns ausreichend voneinander verabschiedet haben. Ob das Bettlaken nochmal gewaschen wird, will ich nicht wissen.

 

Was erst heute Nachmittag geschehen sollte, passiert eben jetzt: Ich marschiere nach Bigton. Erst auf kleiner Straße aus Leebitten hinaus, dann wieder für eine kleine Weile auf der A970. Vor Cunnerwick überschreite ich den 60. Breitengrad, der, wie ich irgendwo gelesen habe, auch Grönland und St Petersburg durchzieht, und komme zudem an einer etwas heruntergekommenen Bushaltestelle vorbei, in der aber immerhin ein gemütlicher Polstersessel für Wartende bereitsteht. Es gibt doch immer wieder Nettigkeiten am Wegesrand.

 

Als ich bald hinter Cunnerwick von der A970, die in den äußersten Süden bis Sumburgh weiterzieht, auf eine schmale Single Track Road Richtung Bigton abzweige, fällt mir mal wieder eine weitere Nettigkeit der Shetlander auf. Auf der schmalen Straße fahren sie natürlich langsamer als normalerweise. Sie sind darauf gefasst, dass immer wieder mal ein Schaf auf die Straße springen könnte - oder ein Wanderer mit seinem Wheelie dort entlangzieht, dem der Wind aber das Hören nach hinten schwermacht. Ganz langsam nähern sie sich an, vermeiden jedes Hupen (man will den Wanderer ja nicht erschrecken!) und erst, wenn er dann doch irgendwann bemerkt, dass sich hinter ihm irgendwas tut umd mit einem entschuldigenden Handwinken zur Seite tritt, fährt der Fahrer oder die Fahrerin gaaanz langsam, lächelnd und ebenfalls winkend an einem vorbei. Geschieht das in Deutschland so auch?

 

Bei meiner Ankunft in Bigton, einem kleinen Gemeinwesen an der Westküste von South Mainland unmittelbar bei der kleinen Insel St Ninian, beginnt es leicht zu nieseln. Den ganzen Morgen über war es bedeckt. Ich glaube, es war wirklich das erste Mal, seitdem ich auf den Shetlands bin, dass ich den ganzen Tag über auch nicht das kleinste Stückchen blauen Himmel gesehen habe. Meine Überlegung, meine Rundwanderung über St. Ninian heute noch dranzuhängen, wird damit hinfällig. Warum soll ich mir heute bei schlechtem Wetter antun, was ich morgen bei Sonnenschein haben kann? Jedenfalls verspricht mir das so die Wettervorhersage.

 

Ich finde mein Hayhoull B&B schnell, werde mit offenen Armen empfangen, direkt mit einem Kännchen Kaffee verwöhnt. Die Räumlichkeiten sind wunderbar, mein Blick auf St Ninian ebenfalls und Mary, meine Gastgeberin, stellt mir für die nächsten beiden Tage alle ihre Hilfe in Aussicht, bis hin zu einem kostenlosen Shuttledienst nach Leebitten. Sagte ich es nicht? Alles wird sich fügen!

 

Sieh dir meinen 12,1 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/565161144

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Die Pilgertochter (Mittwoch, 04 Mai 2016 22:27)

    Ich fass es ja nicht! Da siehst du freilebende Seehunde und erwähnst das nur in so einem unbegeisterten Nebensatz???

  • #2

    Der Kronprinz (Donnerstag, 05 Mai 2016 08:56)

    Echt cool, immer diese ausstaffierten Bushaltestellen. Alles gute zum Vatertag! Bollerwagen ist bei uns schon angeschmissen.