Ja wo isse denn...?

Quarff - Leebitten (14 km)

Ein Blick auf mein Handy. Erst kurz vor sechs. Aus dem Fenster sehe ich mit noch halb zugewachsenen Augen wie über Bressay die Sonne gerade aufgegangen ist. Ich rolle mich in die Decke ein. Noch ein bisschen schlafen. Nicht denken müssen, mich in einem gütigen Traum verstecken können. Aber keine Chance. Der Motor ist angeschmissen und beachtet nicht, dass mein Körper noch Schlafbereitschaft signalisiert. Ich stehe auf, gehe einfach aus Spaß unter die Dusche und lese mir anschließend nochmal meine Berichte der letzten Tage durch. Mann, Mann, wie viele kleine Situationen hatte ich schon vergessen...

 

Auf den Frühstückstisch scheint die Sonne, auf einer Anrichte stehen sechs verschiedene Müslisorten und der Blick aus dem Fenster auf die Bucht von Quarff ist umwerfend. Julia fragt nach meinen Wünschen für das Full Breakfast und nach meiner detaillierten Bestellung geht sie zur Küchenzeile im selben Raum und beginnt zu brutscheln. Das geht dann natürlich nicht kommunikationslos ab, und wir beiden halten ein Quätschchen. Mit Julia ist das nicht schwer, denn sie kommt aus England, genau wie ihr David. Sie kann ich wenigstens problemlos verstehen. 

 

Beide hat es vor zehn Jahren beruflich auf die Shetlands verschlagen. Vorher lebten sie im Großraum Londons. Das hatte gewisse Annehmlichkeiten, aber heute wollen sie hier nicht mehr weg. "We love this spot," lächelt sie und schlägt die Rühreier. Sie hatten sich direkt ein kleines Bungalow gekauft und dann zu dem ausgebaut, was es heute ist. Schon früher hatte sie es sich gewünscht, ein B&B zu führen. Heute ist sie sehr glücklich damit, vor allem seit David im Ruhestand ist und ihr täglich bei der Arbeit hilft. Für das Full Breakfast aber ist sie zuständig. Nach einer Viertelstunde Quatschen und Kochen stellt sie mir einen dicht belegten Teller vor die Nase und jedesmal frage ich mich erneut, wie ich das alles runterkriegen soll. Und dann wird man noch gefragt, warum man denn vorweg nicht noch Müsli essen wolle, oder doch zumindest ein, zwei Scheiben Toast mit der leckeren selbstgemachten Marmelade.

 

Beim Kauen lässt sie mich nun alleine und widmet sich nebenan der Bügelwäsche. Draußen in der Schifffahrtsrinne des Bressay Sounds fährt gerade ein "Monsterschiff" vorbei. Zumindest sieht es danach aus. In Wirklichkeit ist es wohl eher sowas wie ein riesiges Containerschiff, welches aber statt Container einen gewaltigen Aufsatz für eine Ölplattform transportiert. David, der in diesem Moment hereinkommt und mich begrüßt, bestätigt mir dies. "In den letzten drei Wochen sind schon mehrere dieser Ungetüme hier vorbeigezogen. Ich glaube, die rüsten einige Plattformen gerade mit neuen Wohnmodulen für die Arbeiter aus." Auf meine Frage hin, wie weit die Plattformen denn von der Küste entfernt seien, meint er: "Das kommt drauf an, es gibt ja mehrere, aber alle liegen etwa 150 bis 180 Meilen weit weg. Die Arbeit dort ist wirklich hart, aber die Männer verdienen auch gut. Zu Tausenden hat es sie aus England, vom schottischen Festland, aber auch aus anderen Teilen Europas seit Anfang der 70er-Jahre hierher auf die Shetlands getrieben. Ganze Wohnbezirke sind in Lerwick, Scalloway, Brae und anderswo neu entstanden, um sie und ihre nachgezogenen Familien unterzubringen. Das hat die Bauindustrie hier auf den Shetlands gefördert, neue Straßen wurden gebaut, Schwimmbäder, Freizeithallen, mehr und größere Kindergärten und Schulen, Krankenhäuser. Der Boom war gewaltig. Auch der Tourismus hat seitdem erheblich zugelegt. Die Shetlands vor 50 Jahren und heute sind zwei ganz unterschiedliche Seiten derselben Medaille." Ich frage, ob dieser Boom nicht vielleicht auch mal eine Ende hat. "Das kann schon sein", meint er, "aber eine Weile wird es wohl noch gehen. Die Ölfelder, die man Anfang der 70er-Jahre entdeckt hat, sind zwar mittlerweile fast erschlossen, doch man sucht weiter und hat auch schon gefunden." 

 

Während wir uns so unterhalten und dabei Richtung Osten zum "Monsterschiff" schauen, zieht plötzlich, für uns nicht vorherzusehen, eine dicke, dunkle Wolkenwand von Westen her auf. Innerhalb von Minuten peitscht Regen über die Bucht, und nach einem Blick aus der Haustür weiß ich, dass ich mir Zeit lassen kann. Das hört so schnell nicht auf. Ich vertraue aber voll auf meine Erkenntnisse, die ich bisher mit dem Wetter auf den Shetlands gewinnen konnte. Ich beende mein Frühstück und beginne in aller Ruhe zu packen. Nach einer Stunde regnet es immer noch. Das ist schon fast merkwürdig und gegen die Regel. Ich trete vor die Tür, gucke in den Himmel und packe nochmal ein wenig um. Danach trete ich vor die Tür, betrachte den Himmel, rede mit David. Und ziehe an meinem Wheelie die Schrauben nach und schneide mir die Fingernägel. Ich trete vor die Tür, versenke mich im Himmel, danke der Nacht, dass sie mich so gut hat schlafen lassen... und hab es jetzt satt. Ich gehe endlich los.

 

Vom Regen ist nach einer weiteren halben Stunde nichts mehr geblieben - außer dem Wind. In der ersten Shetland-Woche mit den Kindern kam er im Wesentlichen aus nördlicher Richtung, brachte polare Kaltluft mit und Hagel und Schnee. Jetzt kommt er aus Süd bis Südwest, hat Regen im Gepäck und bläst nur von vorn. Aber wie! Wenn man mich fragt, was mir die liebere Windrichtung ist, würde ich ganz klar sagen: der von hinten, meinetwegen auch der eiskalte, der mir Hagel an den Kopf schmeißt. Aber dieser Gegenwind... das ist, als wenn man ein starkes Gummiband um den Bauch gebunden hätte, welches einen ständig zurückzieht oder als wenn man einen dicken Stein hinter sich herzieht. Er könnte ruhig mal wieder drehen.

 

Mit der A970 habe ich heute nur wenig zu tun. Recht bald zweigt eine Straße ab nach Fladdabister, ein Ort, wie gestern schon Gumberwick, unten in Ufernähe. Nur die Häuser hier sind etwas, sagen wir mal, bescheidener. Und ein Teil des Ortes besteht nur noch aus den Ruinen dieser kleinen ehemaligen Crofter-Häuser. Erhalten sind nur noch die Wände und Giebel aus dicken Natursteinen, ein Dach aber schon lange nicht mehr. Drinnen wächst Gras oder lagert Müll, einige dieser Häuser haben sich Schafe als Unterschlupf ausgesucht. Eine große Info-Platte ein paar Meter entfernt zeigt auf einem Foto von 1938, wie es hier damals ausgesehen hat. Die meisten Häuser sind heute diese Ruinen, nur in dreien scheint auch heute noch Leben zu sein. Alle lebten sie hier von einer kleinen Landwirtschaft oder von der Fischerei. Auf den Fotos sieht man meist nur die Frauen hart arbeiten, wie sie sich zu dritt vor einen Pflug spannen, in großen Säcken Torf transportieren, Wolle verspinnen oder Kühe melken. Männer sehe ich nicht, sie sind wohl auf See.

 

Die Blicke bleiben jetzt ähnlich - wunderschön. Die weite, tief blaue Nordsee, die grünen Hänge bis heran an die schroffen Felsenküsten oder bis an die Strände, Möwen gleiten in geringer Höhe zu mir heran, beobachten mich einen Moment und drehen wieder ab. Auch die Geräusche ändern sich kaum: das Rauschen des Windes in meinen Ohren, meine reibenden Hosenbeine bei jedem Schritt, das wohlvertraute Schnurren meiner Wheelieräder, das Rattern der kleinen Windräder, von denen jede Besiedlung einige besitzt, oder das tiefe, kehlige oder helle Blöken der Schafe mit ihrer reichhaltigen Kinderstube.

 

Viel früher als erwartet bin ich am Ziel, in Leebitten. Auch die Straße meines B&B, die Park Road, fällt mir sofort ins Auge. Am dritten Haus steht mit eisernen Lettern "Solbrekke" an der Hauswand angeschlagen. Aber wo ist der B&B-Hinweis? Mhm... Ich klopfe an die Tür des verglasten Windfang-Vorbaus. Keine Reaktion. Ich drücke die Türklinke, die Tür geht auf. Die nächste, die eigentliche Haustür, steht einen Spaltbreit auf. Ich klopfe wieder. Keine Reaktion. "Hello?... Hellooooo???" Keine Reaktion. Im Vorbau steht ein Sofa. Ich lege ab, setz mich hin, überlege. Ob das hier überhaupt nicht das B&B ist? Und ich bin hier kackfrech so eingedrungen? Kann ja nicht sein... Park Road, Solbrekke, stimmt doch alles! Trotzdem zücke ich mein Handy und rufe die mir vorliegende B&B-Nummer an. Das Klingelzeichen ertönt im Handy - und es bimmelt auch drinnen. Na also, ich muss richtig sein. Vielleicht ist Mrs. Stove auch nur mal außerhäusig. Ich bin ja auch sehr früh dran, sie rechnet einfach noch nicht mit mir. Also warten! Ich sitze doch eigentlich gut hier, warm ist es in dem Glaskasten auch. 

 

Ich schaue meine Fotos durch, beginne mit dem Schreiben. Nach einer Stunde hole ich mir meinen Fluffitoast raus und belege mir drei Scheiben mit meinem sittenwidrig stinkenden Camembert. Wenn Mrs. Stove gleich nach Hause kommt, wird sie mich sofort lieben. Ich schreibe weiter an meinem Bericht. Nach zwei Stunden fange ich an, mir Sorgen zu machen. Bei so alten Frauen kann man ja nicht wissen, ob sie vielleicht... Ich gehe rüber zum Nachbarn "next door", frage mal vorsichtig nach - und werde beruhigt. Janette ist vor etwa drei Stunden in die Stadt gefahren, kommt bestimmt jeden Moment zurück. "Stadt" bedeutet in diesem Falle: Lerwick.

 

Nach vier Stunden kommt ein etwa 15jähriger Junge durchs Vorgartentörchen, sieht mich, stutzt, kommt durch die Windfang-Tür und schaut mich verlegen an. Ich schildere ihm mein Begehr, er schaut mich noch verlegener an. Zuerst die Beruhigung: Ja, das ist Granny's B&B. Granny ist aber in die Stadt zum Hairdresser gefahren. Na, einen Termin scheint sie aber nicht gehabt zu haben oder sie hat immens viele Haare auf dem Kopp. Grandsonny bittet mich herein und weist mir unsicher ein Zimmer zu. "But I'm not quite sure..." Ich setze mich auf einen Stuhl und schreibe weiter. Wenn das hier vielleicht doch nicht mein Zimmer ist, will ich mich lieber nicht ins Bett schmeißen. Nach einer weiteren halben Stunde mache ich mir mithilfe des obligatorischen Heißwasserkochers einen Kaffee und... siehe da... da kommt auch schon Granny, frisch gestylt, ganz Lady.

 

Als Janette mich sieht, wird sie etwas blasser um die blasse Nase und fängt ein wenig an zu stottern. Ich helfe ihr ein wenig aus der Verlegenheit, denn offensichtlich hat sie mich schlicht vergessen. Aber ich hatte doch alles, was ich brauchte: eine Sitzgelegenheit, etwas zu essen und ein warmes Umfeld. Ich bekomme ein schöneres, größeres Zimmer im oberen Stockwerk mit Blick auf die Insel Mousa und muss tief in mich hineingrinsen, als Janette mich mit einem Teller selbstgebackenen Kuchens verwöhnt. Na dafür habe ich doch gerne viereinhalb Stunden auf Granny gewartet. 

 

 

Sieh dir meinen 14,0 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/564190371

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Lore (Mittwoch, 04 Mai 2016 21:36)

    Der Gegenwind ist doch sicher ein Bruder vom Kolonnenweg!