Aussitzen lohnt sich

Lerwick - Quarff (11 km)

Ich will gar nicht nach draußen gucken. So schön wie es gestern Nachmittag und auch am Abend noch war, so schlimm ist jetzt die hässliche Gegenwart. Ergiebiger Regen peitscht über die Straße und noch sehe ich nicht die Aufhellung am Himmel, die Besserung verspricht. Das Wetterradar auf meinem Tablet zeigt schlimme Wolkenformationen, die im Moment und wohl auch noch für die nächsten drei Stunden über Lerwick und Umgebung hinwegziehen.

 

Glücklicherweise habe ich heute auch wieder nicht viele Kilometer zurückzulegen, also kann ich meinen Abmarsch hinauszögern. Hier im Islesburgh House Hostel muss ich bis um 10 Uhr ausgecheckt haben, aber nebenan im Community Center kann ich ein gutes Frühstück bekommen und mir die Zeit vertreiben.

 

Das gute Frühstück besteht dann nur aus einem Bacon and Cheese Roll und einem Becher Kaffee. Irgendwann muss mal Pause sein mit dem Full Scottish Breakfast. Dessen Gehalt kann ich ja unterwegs kaum abarbeiten. Das kleine Selbstbedienungsrestaurant im Community Center ist zunächst so gut wie leer, nur eine Mutter stillt gerade in einer Ecke ihr Baby, während sich ihr quirliges Kleinkind in der Spielecke belustigt. Dann aber strömen nach und nach Männer hinein, alle in grober Arbeitsmontur, meist dick gefüttert. Möglicherweise sind es alles örtliche Bedienstete, die kaum im Innenbereich arbeiten und erst recht nicht im Sitzen. Die Frauen hinter der Esstheke kennen sie alle und schaufeln schon mal etwas mehr auf die Teller als normal. Diese Jungs drücken was weg. Vom Wochenende gibt es anscheinend einiges zu erzählen. Alle unterhalten sich lautstark, oft wird brüllend gelacht und mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Ihnen macht es wohl nichts aus, dass sie gleich wieder in den Regen müssen. Nach einer Dreiviertelstunde ist ihre Pause beendet und der Raum leert sich zügig. Ich hole mir eine zweite Tasse Kaffee, die ist nämlich umsonst.

 

Es ist mittlerweile 11 Uhr, als ich mich dann doch zum Gehen bereitmache. Der Regen ist nicht mehr ganz so schlimm, und da ich gestern den Regenmorgen überstanden habe, wird es mir heute auch gelingen. Und siehe da..., als ich das Community Center verlasse, sprüht mir nur noch wenig Wasser ins Gesicht. Jetzt bitte diese Tendenz beibehalten!

 

Bevor ich Lerwick ganz verlasse, muss ich unbedingt noch Lebensmittel einkaufen. Bis auf einen Apfel und eine kleine Tafel Nussschokolade habe ich nichts mehr. Das könnte sich heute und morgen Abend rächen, denn bei den nächsten Unterkünften gibt es außer einem Frühstück nichts (man stellt aber eine Mikrowelle in Aussicht) und Speiserestaurants erst recht nicht. Außerdem muss ja ein wenig gehaushaltet werden. Am Stadtrand von Lerwick stoße ich glücklicherweise auf TESCO und damit ist mein Versorgungsengpass ziemlich bald behoben. Was mich allerdings schon früher immer ganz madig gemacht hat, ist die Tatsache, dass man (anscheinend) nur in Deutschland vernünftiges Brot bekommt. Warum ist das so? Bei diesem fluffigen Toast oder anderen "Brot-Ersatzteilen" kann man sich doch die Zähne sparen.

 

Keine drei Steinwürfe weit von TESCO entfernt treffe ich auf den Clickimin Broch, dem ersten dieser Bauwerke, über deren Ruinen ich schon auf den Orkneys vor Jahren mal gestolpert bin und der jetzt bei meinem Shetlandaufenthalt noch nicht der letzte sein wird. Schon Menschen der Bronzezeit, also vor 3000 Jahren, besaßen das Können, die Brochs in dieser Art zu bauen, von denen es ca. 500 in Schottland und ca. 80 allein auf den Shetlands gab. Die unterschiedlich großen, aber immer gleichgestalteten Brochs waren bis zu 15 m hoch, rund und tailliert und mit einem ca. 1 x 1,20 m großen Eingang ausgestattet. Der Durchmesser eines Brochs betrug - je nach Größe - 6-12 m. Zwei konzentrische Wände hatten einen Abstand von ca. 1,20 m zueinander, so dass dort Räume, Gänge und Treppenaufgänge entstanden. Ein steinernes Dach gab es allerdings nicht. Woraus dieses Dach und überhaupt der Innenbereich bestand, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Bei vielen gibt es Anzeichen von Verteidigungsanlagen auf dem oberen Rand. Viele Brochs standen am Ende einer Landzunge, wie hier auch Clickimin Broch, was ihnen durch das sie umgebende Wasser zusätzliche Sicherheit verschaffte. Jeder Broch enthielt je nach Größe 5-10.000 t Steinblöcke und war schon deshalb nur schwer zu zerstören. Dazu kam noch, dass es auf Shetland keine Bäume gab und somit keine Möglichkeit, Rammen zu bauen. Es ist auch nicht ganz klar, ob die Brochs immer denselben Bauzweck hatten. Waren sie errichtet worden, um gegenüber Abhängigen einen gewissen Machtanspruch zu signalisieren? Oder um sich bei Gefahr dorthin zurückziehen zu können? Waren sie eine Art von Verteidigungsanlage? Oder lebte man einfach nur mit einer oder mehreren Familien darin? Who knows?!

 

Für eine Viertelstunde streife ich auf dem Gelände des Clickimin Brochs herum, habe etwas Mühe, im Entengang überhaupt durch den niedrigen Eingang ins Innere zu kommen und versuche mir vorzustellen, wie es damals hier aussah und was so vor sich ging. Eins steht fest: Viel Tageslicht hatten die hier drin nicht.

 

Ab sofort bewege ich mich nach South Mainland hinein. Doch ich bewege mich mit Mühe! Der Regen hat zwar komplett aufgehört und genau wie in den letzten beiden Tagen setzt sich erfolgreich die Sonne durch. Die Temperaturen sind auch in Ordnung, sie kratzen so an die 10° C. Aber der Wind, der Wind... Wieder packt er mich von vorne, so, als wolle er mich nicht nach South Mainland hineinlassen. Mein bevorzugter Wetterdienst spricht von Windgeschwindigkeiten von 7 bft, in Böen auch 8 bft. Als Rückenwind wären die ja ok, aber immer volle Kanne von vorn... Doch ich will es mal wieder positiv sehen: Gegenwind im Sonnenschein ist besser als im Regen! 

 

Auf der Höhe von Gulberwick verlasse ich die A970 und kann auf einer kleinen Straße weitergehen, die ich von nun an für etwa eine Stunde für mich alleine habe. Sie verschafft mir eine herrliche Aussicht auf den Ort Gulberwick und auf die Gulber Wick (Wick = Bucht) mit ihrem Sandstrand. Die weit verstreuten Häuser stehen wahrlich wie auf einer Sonnenterrasse und auf den Strand rollt die nie endende Brandung. Keines der Häuser sieht so aus, als wenn deren Besitzer die rote Telefonzelle am Ortsanfang noch nötig hätten, aber sie macht sich einfach in dieser schönen Kulisse so nett, dass ich sie fotografieren muss.

 

Während ich auf der A970 schon auf einer gewissen Höhe war, trägt es mich bei Gulberwick wieder fast bis auf Meereshöhe hinunter. Da ich aber hinter Gulberwick wieder zurück auf diese Durchgangsstraße muss, heißt es bald wieder steigen,steigen, steigen... Das bedeutet bei diesem Gegenwind, fast rückwärts zu laufen. Als ich wieder oben auf der Hauptstraße bin, rinnt mir der Schweiß. Bisschen blöd nur: Die A970 senkt sich wenig später auch wieder fast auf Normal Null, denn dort liegt Quarff, mein Etappenziel für heute.

 

Auf Old Norse bedeutet das Wort Quarff: "Portage". Das Dorf liegt an einer solch engen Stelle vom langgezogenen South Mainland, dass früher hier Waren und Boote mit Menschenkraft von der Ost- zur Westküste oder umgekehrt transportiert wurden, um einen weiteren 64 km langen Seeweg rund um Sumburgh Head im Süden zu vermeiden. Die Leute von Quarff konnten sich damit, zusätzlich zum kargen Einkommen als Fischer oder Kleinbauer, etwas hinzuverdienen.

 

Heutzutage verdienen sich Menschen wie David und Julia mit dem Betrieb eines B&B etwas hinzu. Jetzt fällt mir erstmal auf, dass sie ihr B&B sinnigerweise "Da Lia" benannt haben. Ein großes Hinweisschild weist von der A970 in Richtung Küste umd eine schmale Stichstraße führt mich zu den paar Häusern von Casho, was noch zu Quarff gehört. "Da Lia B&B" begeistert mich sofort. Selten habe ich an einem schöneren Ort übernachtet. Das Haus steht keine 100 m von der Uferlinie der Bucht entfernt, ich habe die gesamte Souterrain-Etage für mich, samt Küche und Bad mit Badewanne, alles vor kurzem wohl erst neu ausgebaut, und der Blick aus meinem Fenster ist fantastisch. Am Horizont die Steilküsten der Insel Bressay, links und rechts die bis an die Felsenküste abfallenden Wiesenhänge, in der Mitte die breite Meeresbucht, in der schäumende Wellen auf einen breiten Steinstrand zurollen umd über mir ein fast vollkommen blauer Himmel.

 

Für eine Weile stehe ich draußen auf "meiner" kleinen Terrasse und staune nur, duschen kann ich später.

 

 

Sieh dir meinen 10,7 km-Lauf auf Strava an: https://www.strava.com/activities/563227530 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Der Kronprinz (Dienstag, 03 Mai 2016 13:51)

    Es gibt noch was, was bei so einem Gegenwind schlimmer ist als Berg auf zu wandern... Fahrradfahren bei Gegenwind! Da könnte ich ja ausrasten!!!!